Südlohner Richard Mushold im Paradies gefangen durch Coronavirus

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Als Weltenbummler gelangte er in die Dominikanische Republik. Jetzt würde der Südlohner Richard Mushold am liebsten zurück in die Heimat. Doch die scheint unerreichbar.

Südlohn

, 08.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kontaktsperre, Hamsterkäufe, abgesagte Veranstaltungen – das Coronavirus hat den Alltag in Deutschland massiv verändert. Doch im Vergleich zu anderen Ländern wirken die Einschränkungen hier wie eine Kleinigkeit.

Der geborene Südlohner Richard Mushold lebt in dem kleinen Ort Juan Dolio an der Südküste der Dominikanischen Republik. 7500 Kilometer und etwas mehr als neun Flugstunden von Südlohn entfernt. Unsere Redaktion erreicht ihn am Dienstagabend per Facebook-Chat.

„Zehn Tage halte ich noch durch“

Der 57-Jährige zeichnet ein düsteres Bild der Krise: „Ohne Hilfe aus Deutschland halte ich vielleicht noch zehn Tage durch“, schreibt er. Nach neuestem Stand gebe es in der Dominikanischen Republik da gerade 1694 Infektionen mit dem Coronavirus. Innerhalb eines Tages sei die Zahl um 106 Personen gestiegen. Gleichzeitig seien schon 112 Menschen an der Lungenkrankheit gestorben.

Unsere Redaktion erreicht Richard Mushold per Facebook-Chat. Für eine Video- oder Telefonverbindung reicht das Mobilfunknetz in der Dominikanischen Republik nicht aus. Die Verbindung bricht immer wieder ab.

Unsere Redaktion erreicht Richard Mushold per Facebook-Chat. Für eine Video- oder Telefonverbindung reicht das Mobilfunknetz in der Dominikanischen Republik nicht aus. Die Verbindung bricht immer wieder ab. © Stephan Teine

Die Situation vor Ort verschlimmere sich von Tag zu Tag. Die Regierung hat eine strikte Ausgangssperre von 17 bis 6 Uhr angeordnet. Wer dagegen verstößt, werde verhaftet. „Noch ist es relativ ruhig, doch man merkt, dass die Leute den Respekt verlieren“, erklärt Richard Mushold. Steinwürfe auf Feuerwehrfahrzeuge und Ambulanzen oder steigende Zahlen von Verhaftungen sind für ihn Beleg dafür. „Das gibt hier ein Chaos“, erklärt er.

Aufstände treffen wohl erst die großen Städte

In seiner unmittelbaren Umgebung mache er sich noch keine zu großen Sorgen vor Aufständen, da er in einem ruhigen und relativ kleinen Ort lebe. Die Probleme würden wohl zuerst in den größeren Städten wie Santo Domingo oder dem 13 Kilometer entfernten San Pedro auftreten.

Ohnehin sei das Leben in der auf Tourismus angewiesenen Dominikanischen Republik nicht einfach. „Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind Tagelöhner“, schreibt er. Sie gingen morgens zur Arbeit auf die Straße, um abends etwas zu essen zu haben. „Doch die Notlage steigt täglich, weil keiner mehr arbeiten kann“, so Richard Mushold weiter. Die Hotels seien geschlossen, das Personal ohne Lohn freigestellt. „Ganzen Wirtschaftszweigen geht es genauso.“

Versorgung durch den Staat funktioniert nicht

Auch die Versorgung durch den Staat funktioniere nicht: So seien Lebensmittelpakete zur Versorgung zugesichert worden. „Doch die Pakete kommen nicht“, erklärt er. Gleichzeitig explodieren die Preise. Ein Beispiel: Schutzmasken habe es vor der Krise für fünf bis acht Peso gegeben. Umgerechnet rund zehn bis zwölf Cent. „Wenn es aktuell überhaupt welche gibt, kosten die 100 Peso – rund zwei Euro“, berichtet er.

Mushold bezeichnet sich selbst als Weltenbummler. Ende der 1980er-Jahre kam er in die Dominikanische Republik, gründete dort eine Familie. Vor neun Jahren trennte er sich von seiner Frau und den beiden Kindern.

Der Boulevard de Juan Dolio, normalerweise eine belebte Straße, ist durch den Ausbruch des Coronavirus menschenleer.

Der Boulevard de Juan Dolio, normalerweise eine belebte Straße, ist durch den Ausbruch des Coronavirus menschenleer. © Richard Mushold

Inzwischen bestreitet der ehemalige Seemann seinen Lebensunterhalt als Handwerker. Er bietet Reparaturen und alle Arbeiten rund ums Haus an. Lebt von täglicher Bezahlung. 14 Euro könne er so am Tag verdienen, schreibt er. Doch seit vier Wochen bekomme er keine Aufträge mehr.

„Lieber heute als morgen zurück nach Südlohn“

„Ich würde lieber heute als morgen zurück nach Südlohn gehen“, schreibt er. Den Kontakt zu alten Bekannten halte er per Facebook. Doch ein Flugticket zurück in die alte Heimat ist für ihn unerreichbar: „Ich benötige etwa 2500 Euro“, erklärt er. In seiner Situation nicht zu erwirtschaften. „Meine Familie weder hier noch in Deutschland ist in der Lage, mir zu helfen“, erklärt er weiter. „Ich bin gefangen im Paradies.“

Zwar habe er einige Anfragen gestellt, doch bisher nur negative oder gar keine Antworten erhalten. Es liege ihm nicht zu betteln, aber aktuell lebe er sprichwörtlich von der Hand in den Mund. „Ich bekomme ein wenig Hilfe von Freunden und Nachbarn“, schildert er seine Situation.

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Wie lange das noch so gehe, könne er natürlich nicht sagen. Ein weiteres Problem für ihn: Er benötigt Medikamente. „Die muss ich hier auch kaufen“, schreibt er. Soziale Sicherheit, ein Renten- oder Sozialhilfesystem gebe es in dem Karibikstaat nicht.

Großteil der Bevölkerung lebt trotz wachsender Wirtschaft in Armut

Trotz der bis zur Corona-Krise boomenden Tourismusindustrie lebt ein Großteil der Bevölkerung in der Dominikanischen Republik unterhalb der Armutsgrenze. Laut einer Studie der Weltbank leben trotz des bisher guten Wirtschaftswachstums rund 53,8 Prozent der Bevölkerung in extremer oder zumindest gemäßigter Armut. 60 Prozent der Gebiete sind unterversorgt – sei es mit Strom, Wasser oder anderer Infrastruktur.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zählt die dringendsten gesundheitlichen Probleme in dem mittelamerikanischen Staat auf: Vor allem der Zugang zu sauberem Trinkwasser und Unterernährung sind dort tägliche Probleme. Infektionskrankheiten wie Durchfall, Lungenentzündung und HIV/AIDS sind häufige Krankheiten. Die Lebenserwartung liegt nur bei 73,2 Jahren. Zum Vergleich: In Deutschland liegt sie bei über 80 Jahren.

Keine Versorgung für die komplette Bevölkerung

Laut Weltbank erreicht das nationale Gesundheitssystem der Dominikanischen Republik nur knapp die Hälfte der Bevölkerung und weist ein hohes Stadt-Land Gefälle auf. In den Städten gibt es neben staatlichen Krankenhäusern auch private Kliniken, die eine bessere Versorgung sicherstellen, jedoch für die meisten Menschen in der Dominikanischen Republik nicht zu bezahlen sind.

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