Energiekrise in Europa

Warum liefert ein deutsches Unternehmen Gas nach Marokko?

In Europa breitet sich wegen einer möglichen Gaskrise Angst vor dem Winter aus. Spanien liefert jedoch LNG-Gas an Marokko. Das Gas wird vom Konzern RWE aus den USA eingeführt. Wie kann das sein?
Arbeiter sind in einer Regasifizierungsanlage des spanischen Unternehmens Enagas in Barcelona im Einsatz. Diese ist die größte LNG-Anlage Europas.
Arbeiter sind in einer Regasifizierungsanlage des spanischen Unternehmens Enagas in Barcelona im Einsatz. Diese ist die größte LNG-Anlage Europas. © dpa

Während in Europa das Gas knapp wird, hat Spanien Ende Juni Gaslieferungen nach Marokko aufgenommen. Bei dem Rohstoff handelt es sich um aus den USA importiertes Flüssiggas, das vom deutschen Energie­konzern RWE nach Europa importiert wird. Über LNG-Terminals gelangt es nach Spanien und von dort über eine Pipeline in das nordafrikanische Land. Bisher erhielt Marokko Gas aus Algerien, doch das ist Geschichte.

Grund dafür ist ein seit Langem schwelender Konflikt zwischen Algerien und Marokko. Algerien ist weltweit der zehntgrößte Erd­gas­produzent und war jahrelang für den Großteil der Gas­lieferungen an Spanien verantwortlich. Dann aber kam es zum Bruch zwischen den beiden Ländern und Spanien ergriff Partei für Marokko.

Beim Streit zwischen Algerien und Marokko geht es um das Gebiet Westsahara, das 1976 als Demokratische Arabische Republik Sahara ausgerufen, international aber nie weitreichend anerkannt wurde. Marokko erhebt Ansprüche auf das gesamte Gebiet und wird seit vergangenem März von Spanien unterstützt. Algerien, das dagegen die Freiheits­bewegung der Westsahara unterstützt, reagierte erzürnt und legte ein Freundschafts­abkommen mit Madrid auf Eis.


Algerien kappte bereits im vergangenen Jahr Gas­lieferungen durch Marokko

Da sich die Beziehungen zu Marokko verschlechterten, hatte Algerien bereits im vergangenen Jahr seine Gaslieferungen über die Maghreb-Europe-Gaspipeline auf marokkanischem Gebiet beendet. So sollte verhindert werden, dass Marokko die algerische Pipeline anzapft und für den Transit nach Spanien abkassiert. Kein Gas aus Algerien sollte über marokkanisches Gebiet fließen. Deshalb lieferte Algerien nur noch direkt über die Medgaz-Pipeline Gas nach Spanien, da sie nicht durch Marokko verläuft.

Marokko hatte früher Gas aus Algerien bezogen und steht nun vor einem Problem: Woher soll es Gas erhalten, wenn die diplomatischen Beziehungen unterbrochen wurden und man auch die Pipeline nach Spanien nicht anzapfen kann? Die Lösung ist Flüssiggas (LGN) aus den USA.

Das Problem daran: Marokko verfügt über kein eigenes Terminal, um Schiffe mit LNG-Gas aus den USA abzufertigen. Der deutsche RWE-Konzern bringt deshalb das importierte Gas nach Spanien, wo es regasifiziert wird. Dann fließt das Gas in umgekehrter Richtung durch die zurzeit nicht benötigte Maghreb-Europe-Pipeline nach Marokko. „Deutschland liefert Gas nach Marokko, während in Europa Einschnitte drohen“, titelte das spanische Nachrichten­portal „Diario 16“.

Algerien fürchtet nun, dass Spanien Algerien hintergehen könnte. Im Gegensatz zu Marokko erhält Spanien schließlich algerisches Gas könnte es über die Pipeline nach Marokko umleiten. Ein Sprecher des spanischen Gas­netz­betreibers Enagas versicherte jedoch, dass kein Gas algerischen Ursprungs nach Marokko gelange.

„Zwischenfall“ bei Medgas-Pipeline

Die diplomatischen Spannungen zwischen Spanien und Algerien haben sich längst auch auf die Gaslieferungen Algeriens ausgeweitet. Ende Juni kam es zu einem „Zwischenfall“ auf der Medgaz-Pipeline, sodass vorübergehend die Lieferungen gänzlich eingestellt wurden. Der Vorfall erinnert an den Konflikt zwischen Deutschland und Russland um die Gaspipeline Nord Stream 1.

Die Nachrichten aus Spanien fallen in eine Zeit, in der sich das Land vehement dem EU‑Gas-Notfallplan widersetzt. Nachdem die Kommission ihren Vorschlag zum Gassparen unter europäischer Solidarität öffentlich machte, liefen Spanien und das Nachbarland Portugal Sturm dagegen. „Wir können doch keine Opfer bringen, über die wir nicht gefragt worden sind“, sagte Spaniens Ministerin für Ökologischen Wandel, Teresa Ribera Ende Juli. Sie betonte: „Im Gegensatz zu anderen Ländern haben wir Spanier in Sachen Energie­verbrauch nicht über unsere Verhältnisse gelebt.“

Algerien hat sich unterdessen nach anderen Abnehmern umgeschaut – und ist bei einem mediterranen Nachbarn Spaniens fündig geworden. Italien hat sich im Juli weitere Gaslieferungen aus Algerien gesichert. Bereits im April hatte Rom einen Vertrag mit Algier geschlossen. „In diesen Monaten ist Algerien zum Haupt­gas­lieferanten für unser Land geworden“, sagte Ministerpräsident Mario Draghi in Algier nach einem Treffen von Ministern beider Regierungen.

Algerien ist damit der wichtigste Gaslieferant Italiens. Draghis Regierung beschloss nach dem russischen Angriff gegen die Ukraine, von Gaslieferungen aus Moskau unabhängig werden zu wollen. Das Gas liefert Algerien über die Transmed-Pipeline, die durch das Mittelmeer nach Sizilien führt. Italien ging auch in anderen Ländern auf die Suche nach möglichen Gaslieferanten und schloss Vereinbarungen unter anderem mit dem Golfstaat Katar für Flüssiggas (LNG) und Aserbaidschan.

RND/dpa

Der Artikel "Warum liefert ein deutsches Unternehmen Gas nach Marokko?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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