Krieg

Putins nächster Schritt: Ein bisschen Atomkrieg?

Parallel zum Einmarsch in die Ukraine droht Russlands Staatschef Wladimir Putin immer wieder mit Atomwaffen. Westliche Experten fürchten, er könne in Kürze tatsächlich zu nuklearen Waffe greifen.
Westliche Experten fürchten Putin könnte bald zu nuklearen Waffen greifen.
Westliche Experten fürchten Putin könnte bald zu nuklearen Waffen greifen. © picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin

Seattle ist weit weg von Kiew, 8800 Kilometer Luftlinie. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Fähren und Touristenboote tuckern die Küste entlang, ortsansässige Konzerne wie Microsoft, Amazon und Boeing bieten gute Jobs. Und was andere Amerikaner und Amerikanerinnen nur im Urlaub schaffen, bekommen in dieser Gegend viele mehrfach pro Woche hin: fischen, wandern oder joggen an blinkenden Buchten.

Um trotz der großen Entfernung zum Kriegsgebiet das Thema Ukraine mal ins Regionale herunterzubrechen, ließ sich die Lokalzeitung „Seattle Times“ dieser Tage etwas einfallen.

Ihr Reporter Patrick Malone schilderte die globale Bedeutung der Marinebasis auf der Halbinsel Kitsap vor den Toren der Stadt – und beleuchtete einen Aspekt, der nicht nur den Bürgern Seattles neu war, sondern militärischen Laien rund um die Welt: Die Trident-U-Boote aus Kitsap haben Atomraketen vom neuen Typ W76-2 an Bord, die mit ihrer absichtlich stark begrenzten Sprengkraft als ideale Erwiderung auf Wladimir Putin gesehen werden. Die W76-2 solle zur Abschreckung dienen für den Fall, dass der russische Staatschef erwägen sollte, in der Ukraine eine ebenfalls kleine nukleare Waffe zu zünden.

Kleine Atombombe gegen kleine Atombombe? In einem Pokerspiel, aus dem hoffentlich kein Ernst wird? Im Nordwesten Amerikas kann man das als wissenswerte Putzigkeit aus der kruden Welt der Militärs präsentieren. In Europa dagegen wächst inzwischen eine tief sitzende Beklommenheit.

Atomkrieg: Schon der Gedanke wird gern weggeschoben – ebenso wie bis zum 24. Februar der Krieg als solcher für unmöglich gehalten wurde.

So verrückt, sagen viele jetzt erneut, werde Putin nicht sein. Doch Verdrängung könnte sich abermals als der Reflex der Ahnungslosen entpuppen. Unter Experten, die die russische Armee kennen und die sie leitenden Grundsätze, gehören viele eher zu den Pessimisten.

Der Trend geht zur kleineren Bombe

„Für Putin liegt es näher, zu Atomwaffen zu greifen, als eine Niederlage zu akzeptieren“, sagt der amerikanische Rüstungsexperte Matthew Kroenig im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Weltweit kennen sich nur wenige mit Atomwaffen so gut aus wie er. Der Politologe, Jahrgang 1977, ist Professor an der renommierten Georgetown University. Er leitet das Scowcroft Center for Strategy and Security in der Denkfabrik Atlantic Council. Und er hat durch seine akademische Arbeit selbst dazu beigetragen, dass in den letzten Jahren jene neue amerikanische Atomrakete entwickelt wurde, die es soeben auf die Lokalseiten der „Seattle Times“ schaffte: die W76-2.

Das Besondere an der neuen Waffe ist ihre vergleichsweise geringe Sprengkraft: Die W76-2 entfaltet die Wirkung von 5 Kilotonnen TNT, das ist etwa ein Drittel der Hiroshima-Bombe. Zum Vergleich: Die seit Jahrzehnten auf U-Booten und in Silos bereitgehaltenen Weltuntergangsraketen der USA und Russlands bringen es auf dreistellige Kilotonnenwerte.

Der Trend geht zur kleineren Atombombe, seit Jahren schon. Genau das, warnen Kritiker etwa von der Organisation Ärzte gegen den Atomkrieg, mache den Einsatz von Nuklearwaffen wahrscheinlicher.

Kein Selbstmord, keine Kapitulation

Was die Kritiker als Wahnsinn sehen, hat jedoch Methode. Schon 2015, im letzten Obama-Jahr, plädierte Kroenig in einem Aufsatz erstmals für „Low-Yield“-Raketen mit begrenzter Sprengkraft. Er beschrieb dies als überfällige Reaktion auf ein strategisches Dilemma: Putins Armee hantiere mit immer mehr kleinen atomaren Gefechtsfeldwaffen. Wenn der Westen nichts anderes dagegen setzen könne als die Drohung mit einem am Ende auf beiden Seiten zivilisationsbeendenden Schlagabtausch, sei dies nicht mehr glaubwürdig.

Das sieht auch der amerikanische Luftwaffengeneral John E. Hyten so. Für die W76-2 warb er im Kongress mit dem Hinweis, man müsse vermeiden, dem Präsidenten der USA nur noch die Wahl zu lassen zwischen Selbstmord und Kapitulation: Selbstmord durch eine nukleare Eskalation, die einen vernichtenden Gegenschlag nach sich zieht, oder Kapitulation mangels irgendeiner Waffe, die in der konkreten Situation helfen könnte.

Putin erließ bereits im Jahr 2014 neue nukleare Leitlinien. Danach ist der Griff zur Atomwaffe in allen Gefechten gerechtfertigt, die russische Truppen auf andere Art nicht gewinnen können. Der Übergang ins Atomare sei „eine Eskalation mit dem Ziel zu deeskalieren“. Entsprechend liefen seit acht Jahren Russlands Beschaffungsprogramme.

Inzwischen verfügt Putins Armee über eine vierstellige Zahl kleinerer, „nicht-strategischer“ nuklearer Sprengköpfe. Die Russen können sie zum Beispiel auf ihre mobilen Iskander-Raketen (Reichweite: 500 Kilometer) schrauben, die man dieser Tage auch schon in der Ukraine fliegen sah – bislang gottlob nur mit konventionellem Sprengkopf.

In Manövern demonstrieren die russischen Streitkräfte seit Jahren ihre neue Nähe zum Nuklearen, speziell zu ihren „Mini-Nukes“. Immer wieder wurden kleine Atomsprengsätze ins Kriegsspiel eingebaut: mal klassisch als aus dem Flugzeug abgeworfene Bombe, mal als nukleare Granate aus einem mobilen Geschütz, mal als Landmine besonderer Art. Immer wieder auch klangen simulierte Gefechte der Russen damit aus, „dass gegen Ende vielleicht zwei, drei Atombomben“ gezündet werden, wie Kroenig berichtet.

„Größte nukleare Krise seit 1962″

Im Nuklearen, das ist Teil des Dramas, ereignet sich die Größe Russlands. Es ist seit Jahrzehnten die einzige Kategorie, in der Putin sich mit dem Westen messen kann.

Bei der Nato wunderte es daher niemanden, dass Putin seine Invasion in der Ukraine mit immer neuen nuklearen Drohungen begleitete. Er erhöhte die Bereitschaft seiner nuklearen Alarmsysteme und richtete an die westlichen Staatschefs Worte voll apokalyptischer Düsternis: „Wer auch immer versucht, sich bei uns einzumischen, geschweige denn unser Land und unser Volk zu gefährden, muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben.“

Ulrich Kühn, Rüstungsexperte am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Universität Hamburg, sieht „die größte nukleare Krise seit dem Kuba-Konflikt im Jahr 1962″ heraufziehen. Putin, unter Druck geraten zwischen militärischen Misserfolgen in der Ukraine und wachsenden Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen auf Russland, könne versuchen, sich durch den Griff zur Atomwaffe neuen Respekt zu verschaffen – und sei es auch erst mal nur durch eine kleinere nukleare Explosion zu Showzwecken, etwa über der Ostsee.

Welchen Sinn hätte ein solcher Atomkrieg light? Der amerikanische Experte Kroenig sieht den Effekt vor allem im Psychologischen: „Putin hofft, dass der Westen sagen wird: Oh Gott, jetzt zündet er die Atomwaffe, gebt ihm die Ukraine, gebt ihm Estland oder was immer er gerade will, Hauptsache, wir vermeiden einen weltweiten Atomkrieg.“ Damit wäre die Ampel generell auf Grün geschaltet für Putins Panzerkolonnen, auch jenseits der Ukraine.

Mit der W76-2 aber steht laut Kroenig eine „Anti-Putin-Rakete“ zur Verfügung: Sie würde dem Westen erlauben, mit einem begrenzten nuklearen Gegenschlag zu drohen – ohne dass sofort die Welt untergeht.

Joe Biden und seine Demokraten hatten Bedenken, als zu Zeiten Donald Trumps im Kongress das Geld für diese Waffe beantragt wurde: Atomkriege würden damit leichter führbar, das Ganze sei „keine gute Idee“, hieß es damals.

Heute fällt ein milderer Blick auf die kleine Atomrakete. „Jetzt ist ganz gewiss nicht der Moment, die W76-2 in Frage zu stellen“, urteilt Wess Mitchell, ein amerikanischer Militärfachmann und Europaexperte, der auf Bitten von Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg 2020 den Co-Vorsitz in der Reflektionsgruppe der westlichen Allianz übernahm.

„Die Welt wäre nicht dieselbe“

Wie nun weiter? Die Nato hält am 24. März in Brüssel einen Sondergipfel ab, auch der amerikanische Präsident wird in Brüssel anwesend sein – es ist das bislang wichtigste Treffen sei Gründung des Militärbündnisses.

Westliche Militärs wollen offenbar Putins Generälen, deren Funkfrequenzen sie mittlerweile sehr gut kennen, detaillierte Drohungen für den Fall bestimmter Eskalationen vor Augen führen. Die russische Armee müsste danach, wenn sie einem Befehl Putins zur begrenzten Benutzung von Nuklearwaffen folgt, auch ihrerseits mit begrenzten nuklearen Attacken rechnen – was angesichts der Massierung russischer Waffen und Fahrzeuge in der Ukraine einen vernichtenden Schlag gegen Russlands Militär insgesamt bedeuten würde, alles wohlgemerkt unterhalb der Weltkriegsschwelle. Dieses Drohszenario könnte, wenn es gut geht, die Eskalation abwenden und dazu beitragen, dass Russland am Ende doch lieber eine wie auch immer geartete Verhandlungslösung anstrebt. Dann hätten die – nicht genutzten – nuklearen Arsenale ihre Mission erfüllt.

Käme es aber doch erstmals zu einem Atomkrieg light, wäre die Welt nicht mehr dieselbe, selbst wenn die unmittelbaren Schäden sich in Grenzen hielten, warnt Malcolm Davis, Militärexperte am Australian Strategic Policy Institute. „Bislang wurden Atomwaffen weltweit als bloße Instrumente der Abschreckung gesehen“, sagte Davis dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Wenn sie jetzt als Instrumente der Kriegsführung vorgeführt werden, könnte weltweit vieles ins Rutschen kommen.“ Im Nahen Osten und im Nordkorea-Konflikt etwa drohten damit neue, furchtbare Szenarien.

Der Australier lebt und arbeitet in Canberra, das ist ebenfalls weit weg von Kiew, 15.000 Kilometer. Dass Davis sich dennoch Sorgen macht, liegt an China. Wird Peking sich ermuntert sehen, eines Tages nach Taiwan zu greifen oder gar nach dem rohstoffreichen Australien? Auch dies, schwant ihm, könnte sich in den kommenden Tagen in der Ukraine entscheiden.

In Japan forderte dieser Tage ein Atomexperte besonderer Art den Premierminister auf, auf Putin einzuwirken und ihn inständig zu bitten, auf jede Form nuklearer Kriegsführung zu verzichten. Der Mann sammelte in seiner Stadt aus aktueller Sorge um die Ukraine mehr als 92.000 Unterschriften für seinen Appell. Er heißt Tadatoshi Akiba und ist der frühere Bürgermeister von Hiroshima.

RND/dpa

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