Atemwegserkrankung

RSV-Infektion: Wie gefährlich sind RS-Viren für Kinder wirklich?

Volle Kinderkliniken und ein zirkulierender Erreger, der für Kinder viel gefährlicher ist als Sars-CoV-2. Doch wie viel Angst müssen Eltern vor dem RS-Virus wirklich haben?
In diesem Winter werden sich unter Kindern wieder viele Erkältungsviren ausbreiten – speziell das RS-Virus. Haben die Kleinen Schwierigkeiten mit dem Atmen, ist ein Arztbesuch ratsam. © picture alliance/dpa/dpa-tmn

Nicht nur Praxen, auch Kliniken berichten von einer Häufung von Atemwegs­erkrankungen bei Kindern. So meldeten etwa die Kliniken in Nordrhein-Westfalen, dass derzeit eine hohe Zahl an Kindern in den Krankenhäusern behandelt werden. „Im ganzen Ruhrgebiet sind wir hier am Anschlag“, berichtete Dominik Schneider, der Direktor der Dortmunder Kinderklinik, am Donnerstag. Auch in Schleswig-Holstein nehmen erste Kliniken keine Kinder mehr auf, wie die „Kieler Nachrichten“ am Freitag berichteten.

Martin Wetzke ist Oberarzt in der Abteilung für pädiatrische Pneumologie und Allergologie an der Medizinischen Hochschule Hannover. Sein Forschungs­schwerpunkt liegt bei infektiologischen Aspekten von Lungen­erkrankungen im Kindesalter, hierbei insbesondere Infektionen mit RS-Viren.

Herr Wetzke, Sie arbeiten in Hannover in der Kinderklinik. Behandeln Sie gerade auch mehr Kinder als üblich?

Ja, definitiv. Die übliche RSV-Saison beginnt meistens so Anfang November und geht bis in den März hinein. Eine Aktivität zu diesem Zeitpunkt ist absolut ungewöhnlich. Die Saison hat in diesem Jahr eigentlich schon in den Sommermonaten begonnen und das ist noch viel ungewöhnlicher.

Haben Sie mit dieser Entwicklung gerechnet?

Es wundert uns nicht. Ganz genau wusste natürlich niemand, wie es sich in diesem Jahr verhält. Aber es gab statistische Modelle, die vorausgesagt haben, dass die Saison heftiger wird – im Sinne von mehr kranken Kindern. Wir befinden uns in einer infektiologischen Ausnahme­situation, die durch die geschlossenen Kitas und Schulen während der letzten Infektionssaison bedingt ist.

Holen Kinder die Infekte gerade nach oder ist das kindliche Immunsystem geschwächt?

Die aktuelle Situation ist kein Ausdruck eines schwächeren Immunsystems der Kinder. Kinder werden nur dann krank, wenn sie einem Virus ausgesetzt sind. Viren brauchen bestimmte Bedingungen, um zu zirkulieren. Das können zum einen klimatische Bedingungen sein. Für das RS-Virus darf es nicht zu warm sein. Zum anderen braucht es aber auch bestimmte gesellschaftliche Konstellationen, dazu zählt die gemeinsame Unterbringung von Kindern und Jugendlichen.

Aus Studien wissen wir, dass es die Kinder und Jugendlichen sind, die das Virus aus den Einrichtungen in die Familien und damit auch zu den Kindern tragen, die als besonders gefährdet gelten. Und diese Bedingungen waren im letzten Jahr nicht gegeben, sodass das typische Infektions­geschehen im Winter ausgefallen oder sehr abgeschwächt war. Das holen die Kinder in diesem Jahr nach.

Und wie sieht es bei den Neugeborenen aus?

Normalerweise bekommen die Kinder im Mutterleib ein gewisses Repertoire an Antikörpern mit. Weil die Mütter über längere Zeit keine Viruserkrankungen hatten und damit ihr eigenes immunologisches Gedächtnis nicht auffrischen konnten, sieht der Nestschutz fürs Neugeborene in diesem Jahr etwas anders aus.

Welche Kinder sind denn besonders gefährdet?

Das sind vor allem die Kleinsten, also Kinder im ersten Lebensjahr, für die es ja die Erstinfektion ist. Und dann gibt es Kinder, die ein ganz besonderes Risiko haben, schwer zu erkranken, wie Frühgeborene und Kinder mit Herzfehlern. Mehr als 80 Prozent aller Kinder haben bis zum Ende des zweiten Lebensjahres eine RSV-Infektion erfahren.

Bei den allermeisten Kindern wissen das die Eltern gar nicht. Es ist nur ein kleiner Teil der Kinder ohne Risikofaktoren, die richtig krank werden, etwa ein bis zwei Prozent sind das. Wenn wir jetzt davon ausgehen, 750.000 Geburten jedes Jahr in Deutschland, dann sind es 10.000 bis 15.000 Kinder, die jedes Jahr in der Klinik landen.

Laut RKI liegt die weltweite Sterberate jener Kinder, die aufgrund einer RSV-Infektion im Krankenhaus behandelt werden müssen, bei 0,2 Prozent. Damit kämen wir auch in Deutschland auf 20 bis 30 tote Kinder im Jahr.

Es gibt Schätzungen, dass jährlich 120.000 Kinder an RSV sterben. Allerdings ist das, wie Sie schon sagen, weltweit. Der Großteil der Kinder, die so schwer erkranken, liegt in den Entwicklungsländern. Auch in Deutschland sterben Kinder an RSV. Auch wenn es keine aktuellen Zahlen dazu gibt, weiß man trotzdem, dass dies meistens jene Kinder betrifft, die noch weitere Risikofaktoren haben, etwa schwere Herzfehler.

Sind Kinder denn in diesem Jahr gefährdeter?

Das ist ganz sicher nicht der Fall. Kinder kommen im Laufe der ersten Lebensjahre auf eine gewisse Summe an Infektionen. Die sind im vergangenen Jahr ausgefallen und werden jetzt nachgeholt. Es wird auf den nächsten Jahrgang verschoben, deshalb kommt es jetzt geballter. Das Virus ist nicht gefährlicher geworden, es sind einfach mehr Kinder betroffen. Ich verstehe, dass das sehr stressig für die Eltern ist. Im letzten Jahr durften die Kinder während des Lockdowns nicht in die Kita und jetzt können sie nicht, weil die Kinder ständig krank sind.

Für Eltern ist das gerade einfach schwer einzuordnen: Wie viel Angst muss ich denn vor dem RS-Virus haben?

RSV ist für kleine Kinder deutlich bedeutender als Corona. Trotzdem ist Angst nie ein guter Ratgeber. Letztendlich werden alle Kinder eine RSV-Infektion bekommen. Das kann man auch nicht vermeiden. Allerdings kann man Risikokinder schützen.

Wie schützen wir diese Kinder?

Das sind Maßnahmen, die wir bei Corona auch schon kennengelernt haben. Dass man mit einer Rotznase nicht zu einer Familie geht, die ein sehr kleines Kind hat. Für sehr früh geborene Kinder oder auch jene mit Herzfehler gibt es auch Immunisierungsstrategien mit einer passiven Impfung. Da das aber sehr aufwendig ist, ist das diesen besonders gefährdeten Kindern vorbehalten.

Die RSV-Saison hat also früher begonnen. Wird sie auch früher enden?

Ich gehe davon aus, dass wir nach einem frühen Saisonbeginn auch mit einem früheren Ende rechnen können. Konkret kann ich mir vorstellen, dass die Saison im Januar abbricht, und nicht wie sonst bis in den März reicht. Wenn das Virus zirkuliert, dann kriegen es auch zügig alle. Und wenn man es mal hatte, dann ist es auch für die Saison gut. Es ist eine Ausnahme, dass man in der gleichen Saison eine zweite Infektion erfährt.

Gibt es nach der Erkrankung mit dem RS-Virus Langzeitsymptome ähnlich wie bei Long Covid?

Ja, die gibt es. Das ist auch gut beschrieben, dass ein Teil der Kinder, die früh eine schwere RSV-Infektion durchgemacht haben, Probleme entwickeln mit rekurrierenden Episoden mit pfeifenden Atemgeräuschen. Es stellt sich also eine Empfindlichkeit des Bronchialsystems ein, dass die Kinder immer wieder im Rahmen von Virusinfektionen giemende Atemgeräusche haben. Das kann die Kinder bis in das fünfte Lebensjahr und manchmal auch darüber hinaus begleiten.

Bei Corona-Maßnahmen in Kitas und Schulen geht es ja auch darum, wie wir Kinder schützen können. Jetzt stehen wir vor der Situation, dass ein viel gefährlicheres Virus durch die Kindergruppen zirkuliert, und hier ergreifen wir keine Schutzmaßnahmen.

Die Kitas waren ja nicht geschlossen, weil wir Angst um die kleinen Kinder hatten, sondern weil wir Angst um die Omas hatten. Diese Maßnahmen waren effektiv, so effektiv, dass nicht nur die Corona-Inzidenzen gefallen sind, sondern auch die vieler anderer Atemwegserkrankungen wie eben von RSV oder der Influenza. Das wird nun nachgeholt. Trotz allem möchte man ja wieder zum normalen Leben zurückkommen, und das ist auch vertretbar.

Das heißt, Eltern müssen einfach auch wieder lernen, dass Infektionen dazugehören?

Ja, so kann man das sagen. Das RS-Virus ist endemisch und wird auch nicht verschwinden. Wir alle sind mit diesem Virus aufgewachsen. Bisher war es nur kein Thema – vielleicht auch deshalb, weil wir auf das Virus häufig nicht testen und es dadurch nicht so sehr in unserem Bewusstsein war. Das Kind hatte einfach eine Mittelohrentzündung oder Husten. Was es genau krank gemacht hat, hat gar nicht interessiert, weil es in der Regel auch keine therapeutischen Konsequenzen hat.

Es sind schon viele Generationen mit dem Virus aufgewachsen und haben es in der Gesamtheit gut überstanden. Auch daher brauchen wir jetzt davor keine Angst zu haben. Es gibt Kinder, die ein großes Risiko für einen schweren Verlauf haben, die sollten und müssen wir schützen. Die anderen werden es irgendwann bekommen. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Jahren eine Möglichkeit geben, alle Kinder mit einem Impfangebot zu schützen.

Was also wäre jetzt der richtige Umgang?

Deswegen jetzt Kitas zu schließen wäre tatsächlich Wahnsinn. Das würde ja nichts vermeiden, dann kriegen sie es ein Jahr später.

Und wie sieht es mit den basalen Hygieneregeln wie regelmäßigem Händewaschen aus?

Das ist natürlich sinnvoll. Auch wenn wir alle etwas coronamüde sind, es gibt Dinge, die wir in der Zeit gelernt haben, die auch im Umgang mit RSV sinnvoll sein können. Das heißt zum Beispiel Händewaschen beim Umgang mit einem Neugeborenen. Oder dass man Abstand hält, wenn die Tante eine Rotznase hat. Das sind ja Dinge, die die meisten intuitiv auch machen. Am Ende muss es aber jede Familie für sich entscheiden. Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass man das Neugeborene jetzt nicht der Familie zeigen darf.

RND

Der Artikel "RSV-Infektion: Wie gefährlich sind RS-Viren für Kinder wirklich?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland