Anklage wegen mehrfacher Körperverletzung: 27-Jähriger verängstigt seine ganze Familie

Vredener vor Gericht

Erneut ist ein Streit in einer Vredener Familie eskaliert. Dieses Mal soll der 27-jährige Angeklagte auch seinen 5-jährigen Neffen getreten haben.

Vreden

, 01.10.2018, 19:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ich habe Angst vor meinem Bruder. Meine Kinder haben Angst vor ihrem Onkel. Ich weiß nicht, wie weit er gehen würde.“ Das sagt die Schwester des 27-jährigen Angeklagten am Montag vor dem Amtsgericht Ahaus. Zum wiederholten Mal war der Vredener angeklagt, weil er seine Geschwister geschlagen und getreten haben soll – auch seinen 5-jährigen Neffen. Doch wieder kommt der 27-Jährige mit einer Bewährungsstrafe davon.

Anfangs ruhig und vernünftig

Zu Beginn der Verhandlung unterhält sich der Angeklagte noch ruhig und vernünftig mit dem Richter und dem Staatsanwalt. Die Anklage jedoch zeichnet ein ganz anderes Bild des 27-Jährigen. Ende April dieses Jahres soll er seinen 5-jährigen Neffen getreten haben. Im anschließenden Streit mit seinen Geschwistern soll er seine Schwester an den Haaren gezogen und getreten und seinen Bruder ins Gesicht geschlagen haben. „Das sind alles Lügen. Ich würde doch niemals einem kleinen Kind etwas antun“, versichert der Angeklagte.

Gesehen hat das tatsächlich niemand. „Er kam weinend zu mir und hat das erzählt“, sagt die 30-jährige Mutter des Jungen vor Gericht aus. Sie habe ihre beiden Kinder dann in ein anderes Zimmer geschickt, um sie vor dem aggressiven Angeklagten zu schützen. „Ich habe sie vor der Tür schreien und weinen hören. Die Kinder hatten Todesangst, sie hatten Panik“, erzählt eine weitere Schwester. Die Mutter erzählt außerdem von einem weiteren Vorfall einige Wochen später. Erneut soll der 27-Jährige seinen Neffen getreten haben.

Ausraster im Gerichtssaal

Bei diesen Schilderungen rastet der Angeklagte im Gerichtssaal aus. „Was hat das denn damit zu tun? Sie verstehen das doch alles nicht. Das sind alles Lügen“, brüllt er in Richtung Schwester, Richter und Staatsanwaltschaft. Mit beiden Fäusten schlägt er mehrfach auf den Tisch, tritt gegen das Tischbein und erhebt sich leicht von seinem Stuhl. Der Justizbeamte, der bis zu diesem Zeitpunkt unauffällig im Zuschauerbereich saß, greift ein. Der Staatsanwalt fordert ein Ordnungsgeld, der Richter lehnt ab. Er will dem Angeklagten noch eine Chance geben, ruhig und sachlich weiterzumachen. Doch die ergreift er nicht. Von diesem Zeitpunkt an ist der Angeklagte wie verwandelt. Aggressiv widerspricht und unterbricht er immer wieder. Dennoch verzichtet der Richter weiterhin auf ein Ordnungsgeld und schickt lediglich die beiden Kinder aus dem Gerichtssaal.

Auf eine Vernehmung des Jungen wollen sowohl der Richter als auch der Staatsanwalt auf jeden Fall verzichten. „Wir stellen das Verfahren ein. Aber nicht, weil wir es für eine Lappalie halten, sondern weil wir davon ausgehen, dass es in den anderen Punkten eine Verurteilung gibt“, erklärt der Richter der Mutter. Danach geht also nur noch um die Körperverletzungen gegen die Schwester und den Bruder. Die ganze Geschichte hätten seine Geschwister komplett erfunden, behauptet der Angeklagte. „Die wollen mich unbedingt im Knast sehen.“

Tatsächlich bitten die beiden Schwestern, die als Zeuginnen aussagen, Richter und Staatsanwaltschaft inständig, ihren Bruder ins Gefängnis zu schicken. „Er braucht Hilfe“, sagt die jüngere Schwester. Sie wolle ihren Bruder nicht reinreiten, sie wolle lediglich, dass er Grenzen aufgezeigt bekommt. „Wenn ich hier sitze und aussage, dann mache ich das für ihn.“

Bewährungsstrafe

Im April wurde der 27-Jährige bereits verurteilt, weil er eine andere Schwester geschlagen und gewürgt haben soll – nur zwei Wochen vor der erneuten Tat. Gegen dieses Urteil hat er Berufung eingelegt, sodass das Urteil nicht rechtskräftig ist. Deswegen kann der Richter es am Montag auch nicht in seine Entscheidung einfließen lassen.

Der Staatsanwalt fordert eine achtmonatige Haftstrafe ohne Bewährung: „Es war die vierte Körperverletzung allein in diesem Jahr. Sie sollten nicht weiter in Freiheit bleiben.“ Der Richter sieht das jedoch anders: „Die Aufgabe des Strafrechts ist es nicht, zukünftige Straftaten zu verhindern, sondern lediglich auf begangenes Unrecht zu reagieren.“ Das Urteil: Sechs Monate Haft mit einer Bewährungszeit von zwei Jahren und ein Anti-Aggressionstraining. Außerdem muss er eine DNA-Probe abgeben, um bei weiteren Straftaten identifizierbar zu sein.

Lesen Sie jetzt