Auch in Vreden gibt es immer mehr Mehrfamilienhäuser

Mehrfamilienhäuser in der Diskussion

Zu breit, zu hoch, zu viele Wohneinheiten. Vredener freuen sich meist gar nicht, wenn in ihrer Nachbarschaft ein Mehrfamilienhaus gebaut werden soll. Dabei werden sie dringend gebraucht. Wir haben nachgefragt.

Vreden

, 07.02.2018, 19:21 Uhr / Lesedauer: 3 min
Auf dem Grundstück an der Borstegge grasen jetzt noch Hühner und Schafe. Bald sollen hier zwei Mehrfamilienhäuser entstehen.

Auf dem Grundstück an der Borstegge grasen jetzt noch Hühner und Schafe. Bald sollen hier zwei Mehrfamilienhäuser entstehen. © Victoria Thünte

Egal ob Bauausschuss, Rat oder Einwohnerfragestunde: Überall sind Mehrfamilienhäuser ein Thema. Acht Mehrfamilienhäuser mit 43 Wohneinheiten wurden 2017 in Vreden gebaut. 2008 waren es nur zwei Mehrfamilienhäuser mit sechs Einheiten. Joachim Hartmann und Dirk Hetrodt vom Fachbereich Bauen erklären im Interview, wie sie bei solchen Projekten vorgehen und warum diese Bauvorhaben für Vreden trotz des Widerstands der Anwohner so wichtig sind.

In Vreden werden immer mehr Mehrfamilienhäuser gebaut. Oder ist das nur ein Gefühl?

Joachim Hartmann: Das ist so. Die Statistik zeigt, dass seit einigen Jahren mehr Wohneinheiten in Mehrfamilienhäusern entstehen als in Einfamilienhäusern. Die meisten Projekte, die wir derzeit haben, liegen zwischen sechs und acht Wohneinheiten. Das ist eine Entwicklung, die wir vor ein paar Jahren so sicherlich auch nicht vorausgesagt hätten. Das ist schon ein gesellschaftlicher Wandel. Aber es wird auch mehr über die einzelnen Projekte diskutiert. Es gibt um sehr viele Objekte öffentliche Auseinandersetzungen.

Worüber denn konkret?

Dirk Hetrodt: Häufig stört Nachbarn, dass es zu wenige Parkplätze gibt, dass der Verkehr zunimmt und dass das Gebäude zu groß und vor allem zu hoch ist. Die Einsichtnahme auf das eigene Grundstück spielt da eine große Rolle. Rein rechtlich zwar nicht, aber in der Wahrnehmung der Nachbarn.

Hartmann: Wenn in der Innenstadt oder an einer Hauptstraße ein Mehrfamilienhaus entsteht, dann regt das niemanden auf. Bei den Projekten am Butenwall oder an der Mauerstraße gab es keine Beschwerden. Aber in den typischen Wohngebieten werden so große Gebäude als nicht angepasst wahrgenommen, obwohl sie rein rechtlich zulässig sind. Dort sind Mehrfamilienhäuser laut Bebauungsplan oft möglich.

Also müssen sich die Vredener einfach an Mehrfamilienhäuser gewöhnen?

Hetrodt: Nein, das wäre zu einfach. Wir schauen bei jedem Standort genau hin.

Hartmann Das würde ich auch zurückweisen. Das würde ja voraussetzen, dass es an jedem Standort richtig ist, ein Mehrfamilienhaus zu bauen.

Wann ist es denn richtig und wann falsch?

Hetrodt: Das hängt vom Standort und der Größe des Bauvorhabens ab. Außerdem ist zu unterscheiden, ob es einen Bebauungsplan gibt, oder nicht. Falls nicht, muss sich laut Paragraf 34 des Baugesetzbuches ein Gebäude in die umliegende Bebauung einfügen. Grundsätzlich besteht immer die Möglichkeit, durch die Aufstellung eines Bebauungsplans bestehende Voraussetzungen für Vorhaben in Abhängigkeit von der städtebaulichen Zielvorstellung für ein Gebiet entweder zu erhöhen oder zu beschränken.

Aber das Stadtbild in Vreden wird sich schon verändern, oder?

Hartmann: Es gibt sicher Bereiche, wo Mehrfamilienhäuser eine deutliche städtebauliche Gewichtung bekommen. Aber in den ganz klassischen Siedlungen wird es nach wie vor die Ausnahme bleiben. In den neuen Baugebieten gibt es ja auch Regelungen, dass keine Mehrfamilienhäuser gebaut werden dürfen. Am Fasanenweg zum Beispiel sind solche Objekte nur ganz vorne an einer Straßenseite zulässig. Bei älteren Siedlungen dürfte vielfach aufgrund des geltenden Planungsrechts theoretisch überall ein Mehrfamilienhaus gebaut werden. Deswegen müssen wir da jedes einzelne Projekt neu bewerten.

Was tun Sie denn, um die Konflikte zwischen Investor und Anwohnern zu lösen?

Hartmann: Wir sind maximal transparent. Eigentlich landet jedes relevante Projekt im Bauausschuss und wir versuchen, möglichst viele Gespräche zu führen.

Hertrodt: Wir haben zum Beispiel jetzt das Format der Dialogrunde eingeführt. Dabei setzen sich Verwaltung, Politik, Anwohner und Investor zusammen und sprechen über das Projekt. Das geht aber natürlich nur, wenn alle Parteien auch zu Gesprächen bereit sind.

Und das funktioniert?

Hetrodt: Ja, ziemlich gut. Die Anwohner interessiert zum Beispiel häufig, wo die Terrasse liegt, wie hoch die Fenster sind, ob zu ihrem Grundstück ein Schlafzimmer-, Wohnzimmer- oder ein Kinderzimmerfenster liegt.

Hartmann: Und da sind die Investoren häufig kooperativ, weil sie durch eine Verlegung der Terrasse ja nicht unbedingt weniger Geld mit dem Objekt verdienen.

Hat so ein Gespräch schon mal zum Erfolg geführt?

Hartmann Ja, zum Beispiel bei einem Projekt am Kämpenweg. Wir haben mit dem Investor gesprochen und ihn dazu bewegt, die Zahl der Wohneinheiten von zehn auf sieben zu reduzieren. Und auch bei dem Vorhaben an der Ostendarper Straße, wo viele Anwohner anfangs die geplante Bebauung sehr kritisiert haben, sind wir mit dem Verlauf des Gesprächs sehr zufrieden. Da wird es mutmaßlich gelingen, eine Lösung zu finden.

Kann man diese Vorgehensweise denn auf Dauer durchhalten?

Hartmann:Wir machen das schon in einem Umfang, der sicherlich nicht üblich ist. Aber wir haben den Eindruck, dass diese eineinhalb Stunden am Abend oft effektiver sind als die vielen Einzelgespräche, die wir ja sowieso führen müssten.

Brauchen wir in Vreden überhaupt Mehrfamilienhäuser?

Hartmann: Ja, definitiv. Dass so viel gebaut wird, zeigt ja auch, dass die Nachfrage groß ist. Wir brauchen sie tatsächlich in allen Segmenten. Auch eine hochpreisige Mietwohnung dient ja dem Wohnungsmarkt im niedrigeren Preissegment, weil durch den Umzug ja eine andere, womöglich günstigere Wohnung frei wird.

Wer zieht denn in neugebautes Mehrfamilienhaus?

Hartmann: Das sind zum einen Menschen, die im Alter ihr Einfamilienhaus verkaufen und sich eine Eigentumswohnung kaufen. Das ist eine beachtliche Gruppe. Und zum anderen normale Mieter.

Hetrodt: Es gibt aber auch Familien, die es sich wegen der hohen Baukosten nicht leisten können, ein Einfamilienhaus zu kaufen. Das kostet heute so zwischen 300.000 und 350.000 Euro.

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