Aus Vreden zur Arbeit nach Shanghai

Der andere Alltag

Judith Christs Lebensmittelpunkt liegt mehr als 7000 Kilometer entfernt von ihrem Heimatort Vreden. In Shanghai arbeitet die 38-Jährige als Programm Managerin für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei kleinen Töchtern erlebt sie die Millionen-Metropole und die Volksrepublik China in ganz vielen Facetten.

Vreden

von Christiane Hildebrand-Stubbe

, 29.04.2016, 18:36 Uhr / Lesedauer: 2 min

Letztlich war ein Massage-Kurs der VHS Ahaus für Judith Christ der Wegweiser nach China. Seit rund vier Jahren lebt und arbeitet die gebürtige Vredenerin in Shanghai. Damals erfuhr die 16-Jährige nicht nur jede Menge über chinesische Medizin und Massage, sondern auch über Kultur und Sprache des riesigen Landes. Christs anfängliche Neugierde mündete schließlich nach dem Abitur in Vreden in ein Studium der Regionalwissenschaften Chinas und erste berufliche Aktivitäten für ein sauerländisches mittelständisches Unternehmen in China.

Programm-Managerin

Seit 2013 ist die heute 38-Jährige in Shanghai als „Programm-Managerin“ für die Friedrich-Ebert-Stiftung tätig. Ein komplexer Aufgabenbereich, der nicht so recht in die starre Struktur eines Acht-Stunden-Tages passt. Zusammen mit sechs weiteren Kollegen im Team gehört die Beratung für und über China, zu politisch-gesellschaftlichen Fragestellungen zu ihrem Job. Sie organisiert Konferenzen, pflegt Kontakte, vermittelt Gesprächspartner, bringt Inländer und ausländische Besucher zusammen.

 

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Beruf und Familienleben

Für Judith Christ, Ehefrau und Mutter zweier Töchter (5 und 1 Jahr alt), eine besondere Herausforderung, berufliche Anforderungen und Familienleben unter einen Hut zu bringen. Allerdings, so sagt sie im Telefongespräch, profitierten sie und ihr Mann Arne, der für die Robert-Bosch-Stiftung arbeitet, vom „chinesischen Modell“: „Während Lotta im Ganztagskindergarten ist, wird ihre jüngere Schwester Mila tagsüber von einer chinesischen Tagesmutter betreut.“ Besagte „Ayi“ kümmert sich nicht nur ums Kind sondern auch um den Haushalt der Familie. Ein Luxus, den sie sich in Deutschland so nicht leisten könnte, sagt sie.

Natur ist Mangelware

Angesichts von Arbeitstagen von 10 bis 18 Uhr und zahlreichen Abendterminen muss im Familienleben auf Qualität statt auf Quantität gesetzt werden. So sind es die „entspannten“ Stunden am Morgen und am Abend, die ganz dem Privatleben gehören. „Hier herrschen fast italienische Verhältnisse, die Mädels gehen nicht vor neun Uhr ins Bett.“ Außerdem sind die Wochenenden in der Regel frei. Da wird mit befreundeten Familien im Umland durch Bambus-Wälder und Teeplantagen gewandert. Natur ist Mangelware in der 25-Millionen-Metropole. Da helfen solche Wanderungen – „oder ein Blick auf die Fototapete mit Schweizer Alpenpanorama im Kinderzimmer“.

Chinesen lieben Kinder

Und wie erleben die Kinder die fremde Welt, oder erleben sie diese überhaupt als fremd? „Lotta war anderthalb, als wir nach China kamen und reagierte anfangs etwas irritiert“, erinnert sich. Judith Christ. Die Chinesen lieben Kinder und europäische ganz besonders, was aus westlicher Sicht mitunter fast ein wenig distanzlos anmutet. Judith Christ: „Da wird so ein Kind auch schon mal vor lauter Begeisterung aus dem Buggy gehoben – egal ob man sich kennt oder nicht“.

Lottas Zurückhaltung hat sich inzwischen gelegt, sie hat viele chinesische Freunde und spricht Deutsch und Chinesisch fließend. Die kleine Mila brabbelt noch vergnügt vor sich hin, aber, da ist sich ihre Mutter sicher: „Ihre ersten Worte werden Chinesisch sein, schließlich verbringt sie viel Zeit mit ihrer Ayi.“

Mädels-Clique kam zu Besuch

Seit vier Jahren nun liegt der Lebensmittelpunkt von Judith Christ und ihrer Familie mehr als 7000 Kilometer vom Münsterland entfernt. Private Kontakte über die große Distanz hinweg hält sie dennoch. Zu Familie, Studienfreunden und: „Es gibt da meine Vredener Mädels-Clique, einige haben mich sogar schon in China besucht.“

Im kommenden Jahr aber, wenn die Einschulung von Lotta ansteht, will die Familie wieder zurück sein in Deutschland. Allerdings wird es keine Rückkehr nach Vreden sein, sondern ziemlich sicher ist Stuttgart das neue „alte“ Ziel. Dort hat das Paar vor seiner Zeit in China gelebt und gearbeitet. Aber die persönlichen Verbindungen zu Vreden bleiben natürlich. Und schließlich sind dann nur noch ein paar hundert Kilometer zu überbrücken.

 

Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) ist die älteste politische Stiftung Deutschlands, benannt nach Friedrich Ebert, dem ersten demokratisch gewählten Reichspräsidenten. In China unterstützt die FES seit mehr als 30 Jahren ihre chinesischen Partner in der Umsetzung der Reform- und Öffnungspolitik mit Beratungs- und Bildungsangeboten. Kernstück ist der Dialog zwischen der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Weitere Themen: Gesellschaft und Politik, nachhaltiges Wachstum, soziale Gerechtigkeit und internationale Zusammenarbeit mit zahlreichen Think Tanks, Universitäten und staatlichen Institutionen.

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