Bei Flüchtlingen wächst der Frust

Keine Anträge möglich

Resignation und Frustration machen sich breit unter vielen Flüchtlingen in Vreden. Woran das liegt, hat Brigitte Sicking am Dienstagabend im Sozialausschuss unmissverständlich verdeutlicht: Die allermeisten Flüchtlinge haben seit ihrer Ankunft in Vreden immer noch nicht die Chance bekommen, überhaupt nur einen Antrag auf Asyl zu stellen.

VREDEN

, 02.03.2016, 18:27 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Fachbereichsleiterin schätzt die Zahl der Betroffenen auf 85 Prozent derjenigen, die im vergangenen Jahr in die Widukindstadt kamen - und damit rund 400 Menschen. Und die wenigen Ansätze zur schnelleren Bewältigung dieses Antragsstaus sind anscheinend inzwischen wieder zurückgenommen worden. Es habe im vergangenen Jahr Termine gegeben, bei denen mobile Möglichkeiten der Antragstellung in der Kreisstadt angeboten wurden. "Wir haben dann für den Termin Busse organisiert, um Flüchtlinge nach Borken zu bringen, damit sie einen Asylantrag stellen konnten", sagte Brigitte Sicking. Doch das war wohl nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein - und einer, der mittlerweile versiegt ist: "Dieses Angebot gibt es inzwischen nicht mehr."

Erst froh, dann frustriert

Weder Brigitte Sicking noch die Mitglieder des Ausschusses wunderten sich angesichts dieser Zustände darüber, dass sich bei den Betroffenen die negativen Reaktionen häufen. "Zuerst sind die Menschen natürlich froh, dass sie in Sicherheit sind, ein Obdach bekommen und versorgt werden", schildert die Fachbereichsleiterin. Doch wer danach monatelang vergeblich darauf warten muss, als Flüchtling überhaupt einen Antrag auf Asyl in Deutschland stellen zu können, den überfalle nach einer gewissen Zeit der Frust.

Hinzu kommt, dass die "Zweckverbände" nach und nach auseinanderbrechen - jene fragilen sozialen Verbindungen zwischen Flüchtlingen, die sich eigentlich nur gebildet hatten, um gemeinsam die Flucht zu bewältigen. Das enge Zusammenleben auf unbestimmte Zeit wirkt da offensichtlich auflösend auf diesen Zusammenhalt. Auch darin steckt soziale Brisanz. Erster Beigeordneter Bernd Kemper wurde deutlich: "Die lange Ungewissheit der betroffenen Flüchtlinge stellt ein großes Problem dar, wenn sie schon Monate da sind. Da droht der Lagerkoller."

Viele weitere Herausforderungen

All das bringt für die professionellen und ehrenamtlichen Helfer in Vreden weitere Herausforderungen. Brigitte Sicking berichtete dem Ausschuss, dass derzeit 465 Menschen im Stadtgebiet leben, die im Bereich Asyl registriert sind. Mit einer echten Bleibeperspektive ausgestattet sind unter ihnen am ehesten noch die 134 Syrer, 93 Iraker und sieben Eritreer. Für andere wird es schwierig - und manche erkennen das inzwischen: "Wir haben schon freiwillige Ausreisen." Doch die zu organisieren, fällt nicht leicht. Deshalb regelt die Stadt da schon manches auf dem "kurzen Dienstweg".

Brigitte Sicking sagte mit Nachdruck: "Wer nach Hause will, sollte auch nach Hause dürfen." Und sofort vor Ort ein Flugticket zu bezahlen sei preiswerter als monatelang darauf zu warten, dass es "von oben" geregelt wird.

Nachholbedarf in den Großstädten

 Einige positive Aspekte gibt es aber auch zur Flüchtlingssituation in Vreden zu berichten. Denn nach der Überlastungsanzeige der Stadt hat in den vergangenen Wochen ein weiterer Effekt dafür gesorgt, dass in der Widukindstadt weniger Flüchtlinge ankommen: Derzeit teilt das Land den Großstädten mehr Flüchtlinge zu. Denn während die kleinen Gemeinden auf dem Land ihr Soll übererfüllt hatten, gibt es in den Ballungsräumen noch Nachholbedarf.

Neue Unterkünfte geschaffen

Diese Atempause habe die Stadt Vreden genutzt, um die Situation in den Unterkünften zu entzerren und neue Unterkünfte zu schaffen. Dazu gehört auch, dass eine sozial eher problematische Konstellation in einer Unterkunft in Großemast aufgelöst wurde. Die Einrichtung wird jetzt saniert. Das ehrenamtliche Engagement ist unterdessen ungebrochen hoch. Doch Handlungsbedarf gibt es auch dort: Das gilt vor allem für sprachliche Schulungen. Dass die zurzeit eher entspannte Situation wohl kaum von langer Dauer sein dürfte, machte schließlich Bürgermeister Dr. Christoph Holtwisch unmissverständlich deutlich: „Es wird weitergehen. Wie, ist aber schwierig vorherzusagen.“ 

 

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