Bernhard Wesseler seit 60 Jahren Elektro-Meister

Traumberuf immer neu erlebt

Von wegen Dienstwagen: Mit dem Fahrrad ging es zur Baustelle, auf der Schulter eine Leiter, auf dem Rad ein Eimer mit Gips und nicht zuletzt die nötigsten Werkzeuge, die ein angehender Elektroinstallateur brauchte.

VREDEN

, 05.01.2017, 00:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Heute zückt Bernhard Wesseler (83) das Smartphone und führt dem Besucher vor, wie Apps die Steuerungstechnik modernisiert haben. Dazwischen liegen nicht nur rund sieben Jahrzehnte. Es ist auch die Zeitspanne eines langen Berufslebens, das für den Vredener viele Wandel mit sich gebracht hat.

Den Anstoß zur persönlichen Rückschau bot ihm ein seltenes Jubiläum: Im Dezember lag jener Tag genau 60 Jahre zurück, an dem Bernhard Wesseler seine Urkunde als Meister seines Handwerks in den Händen halten konnte.

Weichenstellungen und Wegmarken

Bernhard Wesseler erinnert sich noch gut an die einzelnen Stationen auf seinem Weg, an die schönen und schweren Zeiten, an wichtige Weichenstellungen und Wegmarken, die inzwischen Geschichte geworden sind.

Da hatte der seinerzeit 22-Jährige schon einige berufliche Erfahrungen gesammelt. Lebhaft erinnert er sich noch daran, wie alles für ihn anfing: Er hatte Glück. "Mein Vater konnte mir 1948 eine Lehrstelle in meinem Wunschberuf besorgen. Ich wollte Elektriker werden", berichtet der Vredener. Mitzubringen waren von dem 14-jährigen "Stift" ein Fahrrad, eigenes Werkzeug und Berufskleidung - bei einem Lehrlingslohn von 25 Mark pro Monat im erste Lehrjahr und ganzen drei Tagen Urlaub.

Berufsschulunterricht im Saal Bussmann

Berufsschul-Unterricht gab es anfangs noch im Saal Bussmann in Vreden, später fuhren die Lehrlinge dafür mit dem Rad nach Ahaus. Überhaupt war Radfahren damals für die "Azubis" angesagt: "In unserem Beruf bei den Montagearbeiten vor Ort war man auch Lastesel und schleppte Kabel, Leiter, Werkzeug und Gips mit dem Fahrrad bis in die entlegensten Fleckchen Vredens."

Dübel und Schlagbohrer gab es noch nicht. Es gab in jenen Tagen viel zu tun für die Branche. Neubauten und Wiederaufbau bestimmten das Bild, die Stromversorgung des Außenbereiches und auch Radioantennen: "Wochenlang mussten wir Schlitze in Wände und Beton stemmen."

Als Handwerkergeselle in Essen

Und nach drei Jahren stand die Gesellenprüfung an. Bernhard Wesseler wechselte danach als Geselle erst in einen anderen Vredener Betrieb. Es zog ihn aber aus seiner Heimatstadt hinaus: "Inzwischen war ich Mitglied der Kolpingsfamilie und hatte wie viele Handwerksgesellen das Ziel, Unbekanntes zu sehen und zu erfahren."

Sein Weg führte ihn nun nach Essen, wo er als Monteur bei Siemens eine Stelle bekam: "Ich wohnte im Kolpinghaus mit etwa zehn Vredener Jungs, die alle in Essen arbeiteten." Eine neue Welt und berufliche Perspektiven taten sich auf. Wesseler arbeitete auf Großbaustellen wie der Ölraffinerie Lingen oder in Kasernenanlagen für Engländer und Kanadier im Sauerland, zeitweise in einem Pulk von 100 Kollegen." Der Stundelohn lag damals für ihn bei etwa 1,60 Mark.

Transistoren und Dioden

Fachlich stand die Zeit ebenfalls nicht still. Transistoren und Dioden begannen, die bisherige Röhrentechnik abzulösen. Wesseler: "Eine Lanwine von Entwicklungen entlud sich, Fernsehgeräte, Waschautomaten, Kühltechnik - in Vreden gab es ein großes Kühlhaus, in dem man Fächer mieten konnte."

Nach zwei Jahren bei Siemens kam Wesseler zurück nach Vreden; bald folgte die Meisterprüfung. Schließlich kehrte Bernhard Wesseler zu seinem früheren Arbeitgeber in Vreden zurück. Der hatte Kunden aus der Industrie, und so kam es zum Kontakt zu einem Hersteller von Schaltschränken in Wuppertal: "Fortan baute ich dort Schaltschränke und Steuerungen, hauptsächlich für Molkereibetriebe, die dazu auch vor Ort montiert wurden." Der Liebe wegen zog Wesseler nach rund zwei Jahren zurück nach Vreden. Er arbeitete nun als Elektromeister in einem Kunststoffverarbeitungsbetrieb - und das bescherte ihm völlig neue Erfahrungen mit einem Werkstoff.

Webmaschinenzubehör in Weseke

Die nächste berufliche Station lag in Weseke bei einem Betrieb, der Webmaschinenzubehör herstellte: "Eine echte Meisterstelle mit Verantwortung." Dort blieb Bernhard Wesseler 25 Jahre lang und erlebte mit, wie sich die elektrischen Steuerungen für die Automation aus kleinen Anfängen immer weiter entwickelten: "Man schrieb dafür Programme, etwas völlig Neues." Großrechner hielten Einzug, um die Daten zu verarbeiten, die Informationstechnik verbesserte sich.

Mit 50 Jahren selbstständig gemacht

1983, im Alter von 50 Jahren, wagte Bernhard Wessler mit einem Mitarbeiter unter dem Firmennamen Tewe Elektronik den Schritt in die Selbstständigkeit und versuchte, sein Wissen zu nutzen: "Heute weiß ich: Man muss sich warm anziehen, wenn man so etwas wagt." Seitdem stand die Zeit nicht still, und Tewe ging den Weg der Innovationen mit. Rund 100 Mitarbeiter hat die Firma an drei Standorten. 35 bis 40 Lehrlinge hat Tewe seit der Gründung ausgebildet. Sie haben sicher viel gelernt. Aber eines mussten sie bestimmt nicht: Wie einst Bernhard Wesseler als Lastesel mit dem Rad zur Baustelle fahren…

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