Ursula Schulte mit Besuchern aus ihrem Wahlkreis, die ihr für ein Kunstwerk Erde aus der Heimat mitgebracht haben. © MANFRED KUIPER
Rückzug aus der Politik

Bundespolitikerin Ursula Schulte (SPD) aus Vreden kehrt bald Berlin den Rücken

Seit 40 Jahren spielt Politik eine zentrale Rolle im Leben von Ursula Schulte (SPD), seit sieben Jahren sitzt sie im Bundestag. Nicht nur von Berlin aber möchte sie sich bald verabschieden.

Sie war Mitglied des Vredener Rates, Kreistagsabgeordnete, und seit 2013 vertritt die Sozialdemokratin die Interessen der Bürger aus ihrem Wahlkreis (Borken II – 126) in der Bundeshauptstadt. Nach zwei Legislaturperioden aber tritt sie bei der Bundestagswahl in diesem Jahr nicht wieder an. Ein Abschied nicht nur von der großen Politik. „Das ist schließlich auch eine Altersfrage, alles hat seine Zeit“, sagt sie, dass sie mit bald 69 Jahren der jungen Generation den Vortritt lassen möchte.

Parteibuch gegen Widerstände

Ursula Schulte war erst 28 Jahre alt, als sie sich dazu entschloss, Parteimitglied zu werden. Kein einfacher Stand, den sie sich einhandelte, als sie sich im schwarzen Münsterland ausgerechnet für die „Roten“ entschied.

Nicht nur das Umfeld in ihrem Heimatort Lünten mit einer traditionell großen CDU-Stammwählerschaft beäugte ihren Parteieinritt kritisch, auch Eltern und Verwandte mussten sich erst daran gewöhnen. Eine der kritischen Äußerungen, die sie zu hören bekam: „Die Sozis glauben ja nicht einmal an Gott.“

Unterstützung bekam sie von ihrem Ehemann und verschaffte sich in ihren verschiedenen kommunalpolitischen Ämtern immer mehr Anerkennung von außen. Selbst von denen mit einem anderen Parteibuch. Und die Politik vor Ort war es, die es Ursula Schulte von Anfang an angetan hatte, vor allem „der direkte Kontakt mit den Bürgern“, von dem sie auch heute noch schwärmt: „Ich kann es nur jedem empfehlen, mal ein kommunalpolitisches Mandat anzunehmen.“

Dabei ist es ihr immer ein großes Anliegen gewesen – auch in der Bundeshauptstadt –, dass in der Politik das Leben der einfachen, der normalen Bürger vertreten wird. Wie das ihre. „Ich selbst habe kein Abitur, bin keine Akademikerin.“ Gerade der andere Blickwinkel sei aber enorm wichtig.

Ungerechtigkeit als Lebensthema

Ein großes Thema, das sich durch ihr ganzes politisches Leben wie ein roter Faden zieht, ist Ungerechtigkeit – auf allen Ebenen. Dagegen bezieht sie auch immer wieder offen Position. Nicht nur, wenn es um Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gerechte Bildungschancen, anständige Bezahlung für gute Arbeit, wie zum Beispiel bei Pflegeberufen, oder mehr Steuergerechtigkeit geht, um nur einige Kernpunkte zu nennen.

Als ernährungspolitische Sprecherin ihrer Fraktion, aber auch als Vertreterin ihres ländlich geprägten Wahlkreises, liegen die Berührungspunkte mit dem Thema Landwirtschaft auf der Hand. Ob sie mit ihrem Einsatz für eine nachhaltige Landwirtschaft vor Ort nicht auch mitunter aneckt?

„Ich glaube, dass auch bei den Landwirten ein Umdenken eingesetzt hat“, ist Ursula Schulte sicher, dass auch ihre Partei „gute Verbündete“ der Landwirte sein könne. Mit dem gemeinsamen Ziel, bäuerliche Familienbetriebe zu erhalten. Und neben gesunden Nahrungsmitteln, regionaler Vermarktung und Tierwohl geht es ihr auch bei der Landwirtschaft um Fairness: „Ich möchte, dass die Landwirte von dem, was sie erwirtschaften, auch leben können.“ Eine Erfahrung hat sie aus ihrem langen Politik-Leben auch mitgenommen: „Man braucht immer Verbündete, das bedeutet aber auch Kompromisse, Politik besteht aus Kompromissen.“

Keine weitere Kandidatur

Dass die SPD in der Regierungsverantwortung ist, freut die Vredenerin. Auch wenn sie weiß, dass es ihre Partei oft nicht schafft, ihre Erfolge auch als solche zu „verkaufen“. Ob Grundrente oder Kinderbonus zum Beispiel. Dennoch ist für sie klar: „Regieren ist besser als Opposition.“

Sie selbst aber wird nicht mehr bei der kommenden Bundestagswahl antreten und mithelfen, dass es auch dabei bleibt. Auch wenn sie durchaus noch Themen auf ihrem Zettel hätte, wie das der pflegenden Angehörigen, im Herbst zieht sie sich komplett aus der Politik zurück und kehrt ganz in die Heimat zurück. Ein echter Cut, wie sie versichert: „Mich als Ältere weiter einzumischen, die alles besser weiß, das ist nicht mein Ding, das sollen mal die jungen Leute machen.“

Zwar ist ein Leben so ganz ohne Politik für Ursula Schulte noch nicht so richtig vorstellbar, aber Felder, auf denen sie sich vor Ort einsetzen kann, gebe es ja viele: ob Tafel, Bücherei, Eine-Welt-Laden oder viele andere. Zuerst aber freut sie sich darauf, mehr Zeit mit ihrem Mann zu verbringen. Vielleicht auch mit Spaziergängen an ihren Lieblingsorten, am Berkelsee oder im Witten Venn.

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