Drogen bringen Vredener ins Gefängnis – weil er sich immer noch kein Rezept besorgt hat

rnAmtsgericht Ahaus

Ein 33-jähriger Vredener sieht nicht ein, dass sein Drogenkonsum illegal ist. Für ihn ist es Medizin, gegen seine Schmerzen und Impulsstörungen. Doch der Richter verhängt eine harte Strafe.

Vreden

, 03.08.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ich brauche meine Medizin“, brüllt der Angeklagte durch den Gerichtssaal. Er springt vom Stuhl auf, wirft seine Kappe von sich, zieht an seinem T-Shirt und schmeißt sich schließlich wieder auf den Stuhl, wo er zitternd sein Gesicht in den Händen vergräbt. Richter und Staatsanwalt reagieren erst einmal gar nicht. Sie kennen das Verhalten des 33-Jährigen bereits. Er steht nicht zum ersten Mal vor Gericht, weil er mehrfach mit Drogen erwischt wurde.

Zu Beginn der Verhandlung ist der Angeklagte noch ganz ruhig. „Wir haben uns doch erst vor drei Monaten gesehen“, begrüßt der Richter ihn. „Ich weiß“, so die zerknirschte Antwort. Laut Anklage wurde der Vredener wieder einmal mit Drogen erwischt, Marihuana und Haschisch. Das gibt er auch unumwunden zu.

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Er kann aber nicht verstehen, warum das illegal sein soll. „Wenn ich das nehme, kriege ich meinen Alltag geregelt und bin motiviert. Ohne das geht mein Leben komplett den Bach runter“, erzählt der 33-Jährige. Nach einem Unfall und einem Schlaganfall vor zehn Jahren brauche er die Drogen, um die Schmerzen zu lindern und sein Leben unter Kontrolle zu haben. Deswegen ist es für ihn Medizin.

Ärzte dürfen Cannabis verschreiben

Tatsächlich ist es seit einer Gesetzesänderung im März 2017 möglich, Cannabis auf Rezept zu bekommen. Allerdings nur, wenn eine „schwerwiegende Erkrankung“ vorliegt, Behandlungsalternativen ausgeschöpft sind und es „eine nicht ganz entfernt liegende Aussicht“ auf Besserung mittels Cannabis gibt, so das Gesetz.

Wenn ein Arzt der Meinung ist, dass all das zutrifft, kann er einen entsprechenden Antrag bei der Krankenkasse stellen. Erst nach deren Zustimmung kann der Arzt ein THC-haltiges Medikament verschreiben. Meist handelt es sich dabei nicht um die reinen Cannabis-Blüten, die man rauchen kann, sondern um Salben,Tabletten oder Mundspray.

Angeklagter wird im Gerichtssaal immer aggresiver

„Beim letzten Mal habe ich Ihnen doch schon erklärt, dass Sie sich das genehmigen lassen müssen. Und nur zwölf Tage später erwischt man sie schon wieder damit – ohne Genehmigung“, wendet sich der Richter an den Angeklagten. Der fühlt sich offenbar angegriffen und wird zunehmend aggressiver.

Er schreit, schlägt um sich, zittert. Er schwitzt stark und atmet schwer. „Wenn ihr mir das wegnehmt, dann ist mein Leben vorbei, dann zerstört ihr meine Psyche. Dann steckt mich doch ins Gefängnis. Ihr habt nicht zu entscheiden, was ich mit meinem Körper mache“, brüllt er. Aber auch: „Wenn ich im Gefängnis meine Medizin nicht kriege, dann schaffe ich das nicht.“

Immer wieder versucht der Richter, dazwischen zu kommen. Doch das macht alles nur noch schlimmer. „Unterbrich mich nicht, unterbrich mich nicht, unterbrich mich nicht. Wenn man mich unterbricht, ist das das Schlimmste für mich“, schreit der 33-Jährige. Der Richter ruft drei Justizbeamte hinzu, um die Situation zu klären. Doch der Angeklagte lässt sich nicht mehr beruhigen.

Richter verhängt harte Strafe

Trotzdem erklärt der Richter seinen Standpunkt: „Sie dürfen diese Drogen nicht besitzen. Sie probieren nach Aussagen der Gerichtshilfe gar nicht die herkömmlichen Mittel und immer, wenn jemand versucht, Ihnen zu helfen, das Zeug legal zu bekommen, arbeiten Sie nicht mit und werden aggressiv.“

Während der Angeklagte weiter vor sich hin redet und immer wieder anfängt zu brüllen, spricht der Staatsanwalt sein Plädoyer und der Richter schließlich das Urteil. Der 33-Jährige muss für vier Monate ins Gefängnis, der Staatsanwalt hatte drei Monate Haft gefordert. Das Urteil ist so hart ausgefallen, weil der Vredener schon zigmal wegen ähnlicher Delikte vorbestraft ist. Und der Richter ist sich sicher: „Freiwillig werden Sie das nicht sein lassen.“

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