Wegen fahrlässiger Tötung ist ein junger Unfallfahrer zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Das Gericht tat sich schwer.

Vreden

, 30.11.2018 / Lesedauer: 4 min

Ein fröhliche Spritztour von vier jungen Vredenern fand am 16. Februar auf der Widukindstraße in Höhe des Gymnasiums ein jähes und tragisches Ende: In den Trümmern eines 3er BMW starb ein 17-Jähriger. Ein 18-jähriger wurde schwer verletzt. Wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung musste sich am Donnerstag der 22-jährige Unfallfahrer vor dem Jugendschöffengericht in Ahaus verantworten. Das Urteil: ein Jahr Freiheitsstrafe die zur Bewährung ausgesetzt wurde, 1000 Euro Geldauflage, eine insgesamt einjährige Führerscheinsperre und die Teilnahme an Verkehrserziehungsmaßnahmen.

Ein Unfalltod und die Grenzen der Rechtsprechung

Bei einem Unfall auf der Widukindstraße sind am 16. Februar 2018 ein 17-jähriger tödlich und ein 18-Jähriger schwerst verletzt worden. © Kip-Pic

Was sich am Abend des 16. Februars ereignet hatte, lag am Ende des Beweisaufnahme für alle Prozessbeteiligten klar und minutiös auf der Hand. Auch die juristische Bewertung war für den Staatsanwalt, für den Verteidiger und für den Richter unstrittig. Dennoch taten sich alle in den Plädoyers und im Urteilsspruch schwer. Wie ist ein junger Mann zu bestrafen, der einen Freund verloren hat, der ihm nach eigenen Angaben nahestand wie ein Bruder? Wie ist ein junger Mann zu bestrafen, der ein Leben lang die Bürde tragen wird, dass er allein für den Tod seines Freundes verantwortlich ist?

Fröhliche Spritztour endet im Schrecken

Der 22-jährige Angeklagte hatte sich an dem Freitagabend vor neun Monaten eigentlich schon früh schlafen gelegt, als er einen Anruf von seinen Freunden erhielt. Man wolle noch eine Shisha-Bar in Ahaus besuchen. Ob er sie nicht dorthin fahren wolle. Der 22-Jährige hatte elf Tage zuvor für 2200 Euro einen zwar 17 Jahre alten, aber 136 PS starken 3er BMW gekauft. Seinen Führerschein besaß er gerade mal ein halbes Jahr. Gut gelaunt fuhr das Quartett nach Ahaus. Weil die Shisha-Bar voll war, ging es danach wieder direkt nach Vreden zurück. Die Stimmung im Auto war ausgelassen. „Wir haben gelacht und geredet“, so der Angeklagte.

„Ich war zu schnell. Ich war total abgelenkt.“

Ausgangs des Kreisverkehrs am Gymnasiums nahm das Verhängnis gegen 21.30 Uhr seinen Lauf. Der 22-Jährige beschleunigte den Wagen auf der Widukindstraße so stark, dass er in Höhe der Einmündung Kerssenbrockstraße nicht wie vorgeschrieben rechts an der Mittelinsel vorbei fuhr, sondern links auf der Gegenfahrbahn. Beim Gegenlenken verlor er anschließend die Kontrolle über das Auto. Der Wagen fuhr auf den rechten Gehweg und prallte seitlich auf eine Eiche.

„Ich war zu schnell. Ich war total abgelenkt.“ Mit diesen Worten räumte der Fahrer vor Gericht unumwunden und mit gesenktem Kopf seine Verantwortung ein. Nach der Kollision waren zunächst alle vier Insassen bewusstlos. Der Fahrer, der vermutlich der einzige war, der angeschnallt war, wachte als erster auf und versuchte seinen Freunden zu helfen. Doch für den 17-Jährigen, der rechts auf dem Rücksitz gesessen hatte, kam jede Hilfe zu spät. Er hatte beim Zusammenstoß mit dem Baum schwerste Kopfverletzungen erlitten und verstarb noch am Unfallort.

Mitfahrer schildert Unfall unter Tränen

Der 18-jährige Beifahrer gelangte als zweiter wieder zu Bewusstsein. Tief erschüttert und unter Tränen schilderte er vor Gericht die schreckliche Szenerie nach dem Unfall. Der vierte junge Mann, ebenfalls ein 18-Jähriger, der links auf der Rückbank gesessen hatte, konnte sich überhaupt nicht mehr an das Unfallgeschehen erinnern. Er war mit schwersten Verletzungen ins Krankenhaus nach Enschede gebracht worden, ist aber inzwischen wieder ganz genesen.

Auf die Frage des Richters, wie schnell er denn gefahren sei, konnte der Angeklagte keine Antwort geben. Gutachter Ulrich Mönkediek aber berechnete die Geschwindigkeit anhand der Unfallspuren: Auf den gut 200 Metern vom Kreisverkehr bis zur Unfallstelle sei das Fahrzeug auf mindestens 60 km/h beschleunigt worden. Erlaubt sind dort höchstens 30 km/h.

Keine Eisglätte, kein Alkohol, keine Drogen

Eine Polizeibeamtin sagte vor Gericht aus, dass trotz Minustemperaturen Straßenglätte keine Rolle gespielt habe. Laboruntersuchungen ergaben auch, dass der Fahrer weder unter Alkohol- noch unter Drogeneinfluss stand. Für den Gutachter war klar: Unfallursache waren die überhöhte Geschwindigkeit in Verbindung mit den falschen Lenkmanövern des unerfahrenen Fahrers.

„Ich bin ein Stück weit ratlos“, gestand der Staatsanwalt in seinem Plädoyer ein. „Wir haben hier einen jungen Mann, der eigentlich auf einem vorbildlichen Weg ist“, so der Staatsanwalt. Der 22-Jährige ist vor drei Jahren mit seiner Familie vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflohen. Dort hatte er bereits sein Abitur gemacht. Inzwischen spricht er sehr gut Deutsch, hat in Vreden eine Ausbildungsstelle als Kfz-Mechatroniker. „Umso trauriger ist es, dass er grob fahrlässig das Leben anderer Menschen aufs Spiel gesetzt hat“, so der Staatsanwalt.

„Angeklagter fürs Leben gezeichnet“

Das betonte auch der Richter in seiner Urteilsbegründung: „Es war für das Schöffengericht schwierig, die richtige juristisch Antwort zu finden. Sie haben gegen wichtige Regeln verstoßen mit den schwersten Folgen: dem Tod eines Menschen.“ Andererseits unterscheide sich der Angeklagte in seiner Lebensweise „wohltuend von vielen anderen, die hier vor dem Jugendschöffengericht stehen.“ Den guten Weg der Integration wollte das Gericht nicht durch eine lange Führerscheinsperre zerstören. Denn die hätte zum Abbruch der Ausbildung als Kfz-Mechatroniker geführt.

Ohnehin, so der Richter, trete die juristische Strafe in diesem Fall eher in den Hintergrund: „Der Angeklagte ist nach diesem Unfall fürs Leben gezeichnet.“

Seine letzten Worte vor Gericht sprach der 22-jährige Angeklagte mit leiser Stimme: „Ich habe einen großen Fehler gemacht. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen.“

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