Eine Müller-Armack-Straße für Vreden?

Streit um NS-Vergangenheit

In die spürbare Vorfreude auf die Tagung „70 Jahre Soziale Marktwirtschaft“ schien sich der Bürgerantrag gut einzufügen, den Bürgermeister Dr. Christoph Holtwisch mit Wohlwollen in die Runde der Ratsmitglieder hineingetragen hatte. Doch plötzlich ging es in Vreden um die Frage nach dem Verhältnis zum Nationalsozialismus.

VREDEN

, 21.05.2017, 16:53 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie sollte sich an der Person von Professor Alfred-Müller Armack entzünden. Der Wissenschaftler gilt als einer der Begründer der Sozialen Marktwirtschaft; deren theoretische Grundlagen erarbeitete er in seinen Jahren im Herz-Jesu-Kloster in Vreden-Ellewick. Dort hatte er von 1943 an bis in die ersten Nachkriegsjahre gelebt und gearbeitet. Ein Vredener Bürger hatte sich mit einem Antrag an die Stadt gewandt. Er zielte darauf, eine Straße nach Müller-Armack zu benennen. Bei der Stadtverwaltung hatte dieses Anliegen ein positives Echo gefunden. Sie hatte angeregt, dass der Bauausschuss sich des Themas annehmen sollte, der „zu gegebener Zeit im Industriegebiet Gaxel über die Vergabe neuer Straßennamen beschließt“.

Hochkarätige Tagung

„Das passt jetzt gut“, kommentierte Bürgermeister Dr. Christoph Holtwisch den Antrag. Er wies noch einmal auf die hochkarätig besetzte Tagung hin, die zum Thema „70 Jahre Soziale Marktwirtschaft“ in Vreden stattfinden wird – am 28. Juni, dem Geburtstag von Alfred Müller-Armack. Eine Straße im Industriegebiet nach ihm zu benennen, sei durchaus passend, so Holtwisch: Die Nähe zur Wirtschaft und die Nähe zum Ellewicker Kloster fänden darin zusammen.

SPD mahnt

Doch mit einer Verweisung des Themas in den Bauausschuss zeigte sich die SPD-Fraktion nicht einverstanden. Ihr Fraktionsvorsitzender Reinhard Laurich bezog grundsätzlich Stellung. Er erinnerte daran, dass Müller-Armack bereits 1933 der NSDAP beigetreten sei und ihr bis 1945 als passives Mitglied angehört habe. Er habe im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit als Professor auch Aufgaben für das NS-Regime übernommen. Die Tagung zum Thema sei angebracht, aber: „Wer eine solche Biografie hat, gehört nicht in Vreden auf ein Straßenschild.“ „Wir haben uns auch mit der Biografie von Alfred Müller-Armack beschäftigt. Wir deuten sie jedoch anders“, entgegnete der CDU-Fraktionsvorsitzende Heinz Gewering: „Wenn wir anfangen, jedes NSDAP-Mitglied zu brandmarken, gehen wir zu weit.“ Jeder müsse sich hinterfragen, ob er oder sie in der NS-Zeit Parteimitglied geworden wäre. Die CDU wolle es nicht ausschließen, eine Straße nach Müller-Armack zu benennen: „Wir warnen davor, das zu sehr zu dramatisieren.“ Gerd Welper, Grüne, wies auf die prägende Bedeutung hin, die die Soziale Marktwirtschaft für die Bundesrepublik besitze. Auch sei durch Müller-Armack ein Bezug zu Vreden gegeben.

Neue Nachforschung

Welper sprach sich dafür aus, den von der SPD aufgezeigten Aspekten vertieft nachzugehen: „Wir sollten das deutlich aufarbeiten und dann eine Meinung bilden.“ Ähnlich beurteilte es der Bürgermeister. 1933 sei noch nicht absehbar gewesen, wohin sich Deutschland unter der Naziherrschaft entwickeln würde. Es gebe sicher Licht und Schatten bei Müller-Armack, der eine Führungsfunktion im wissenschaftlichen Bereich innegehabt habe: „Aber wir sollten die Gesamtpersönlichkeit würdigen.“ Müller-Armack habe sich in hohem Maße mit der Bundesrepublik identifiziert. Erster Beigeordneter Bernd Kemper schlug vor, das Thema historisch zu hinterfragen und sich nach der Tagung in Ellewick eine abschließende Meinung zu bilden. „Die Tagung zur sozialen Marktwirtschaft ist keine Historikerkommission“, merkte UWG-Fraktionsvorsitzender Elmar Kampshoff an. Er sprach sich für eine „saubere historische Aufarbeitung“ aus. Dass man sich kritisch mit Müller-Armack auseinandersetzen müsse, meinte auch Gertrud Welper (Grüne). Wichtig sei dabei nicht zuletzt die Frage, inwieweit er systemtragend tätig war. Dass aus seiner Sicht die positiven Aspekte der Person und des Wirkens Müller-Armacks überwiegen, erklärte Hendrik Mulder (FDP). Er riet, die Beratung im Bauausschuss abzuwarten. Bei sechs Gegenstimmen der SPD-Fraktion beschloss der Rat, den Bürgerantrag in den Ausschuss zu verweisen.  

 

  • In einer wissenschaftlichen Arbeit der Studienstiftung des deutschen Volkes hat sich Silvio Schmidt mit Alfred Müller-Armack auseinandergesetzt.
  • und für ihn nie nur Konzept einer Wirtschaftsordnung, sie war für ihn ein Gesellschaftsmodell.“
  • Zum Verhältnis Müller-Ar-macks zum Nationalsozialismus kommt Schmidt zu dem Schluss, dass dieses schwierig zu bewerten sei. Er verweist auf das Urteil des Sozialwissenschaftlers Rolf Kowitz, dass „Müller-Armack ... weder ein verdeckter Widerstandskämpfer noch ein verdeckter Nazi“ war.
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