Europäische Bürokratie treibt seltsame Blüten

Ende der Blühstreifenaktion

Eine Fahrradtour im Sommer führt oft aufs Land, vorbei an Wiesen, Feldern und einer herrlichen Blütenpracht entlang der Wege. Gerne wird ein bunter Strauß mit nach Hause genommen. Doch damit ist jetzt Schluss. Den Landwirten wird durch eine Reform der EU-Agrarpolitik das Aussäen des so genannten "Blühstreifens" deutlich erschwert - wenn nicht gar ganz unmöglich gemacht.

VREDEN

, 09.04.2015, 14:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

"Die Hürden sind zu hoch geworden", sagt Markus Weiß, stellvertretender Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Borken. 2013 begannen Landwirte auf Initiative des Verbandes, am Rande von Maisackerflächen freiwillig und unentgeltlich Blühstreifen anzulegen, wie er erklärt: "Das Ganze war einfach und unbürokratisch. Wir wollten damit das Landschaftsbild auflockern und es hatte noch weitere Vorteile, etwa für Bienen und andere Insekten, aber auch für Vögel und Wildtiere."

Über 500 Landwirte in allen Kommunen des Kreises haben mitgemacht. "Alleine in Vreden gab es 150000 Quadratmeter Blühstreifen", sagt Thomas Tebrack, Ackerbauberater aus Vreden. Mit der Aktion sollte auch dem wachsenden Misstrauen gegenüber der modernen Landwirtschaft begegnet werden. "Das Vertrauen ging stückweise verloren. Wir wollten es uns zurück gewinnen - mit Erfolg. Es gab sehr viel Zuspruch aus der Bevölkerung", so Weiß.

Separate Anmeldung nötig

Doch nun sieht sich die Initiative trotz Erfolg vor dem Aus: Ab 2015 haben Landwirte, die die Flächenprämie beantragen, bestimmte Anforderungen zu erfüllen. Dazu zählt auch die Bewirtschaftung von mindestens fünf Prozent mit besonderem Umweltnutzen, den so genannten "Ökologischen Vorrangflächen". Diese können etwa durch Landschaftelemente wie Blühstreifen, aber auch durch Zwischenfruchtanbau erbracht werden.

Allerdings muss dieser im Umweltinteresse genutzte Bereich mit Art und exakter Lage im Antrag angegeben werden. "Das bedeutet, diese Fläche entlang der Felder muss separat gemeldet werden und außerdem mindestens 1000 Quadratmeter groß sein. Das ist bei den schmalen Streifen oftmals nicht der Fall", sagt Markus Weiß.

Ausmessung schwierig

Thomas Siehoff, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsverbandes Ellewick-Crosewick-Zwillbrock, ergänzt: "Hinzu kommt, dass es schwierig ist, die Größe dieser Streifen exakt auszumessen, da sie meist nicht gerade verlaufen. Die im Antrag angegebene Zahl könnte dann bei einer möglichen Kontrolle eine ganz andere sein." Und somit zu Schwierigkeiten führen; die Prämie könnte so einbehalten werden. Hinzu kommt, dass der Aussaattermin bis zum 1. April erfolgen muss, was für eine Blühmischung nicht handhabbar sei.

Die Aufregung über die neue EU-Reform, die doch eigentlich eine Verbesserung der Umweltleistungen mit sich bringen soll, ist groß und führt nach Ansicht der Vredener Initiative am Ziel vorbei. "Die Organisation wird so zerschlagen. Es war eine freiwillige und einfache Sache. Doch bei diesen Erschwernissen können wir den Landwirten nicht raten, mit der Aktion weiterzumachen", sagt etwa Siehoff.

Großer Aufwand

"Natürlich könnte man es über Sonderanträge versuchen, aber Landwirte haben schon genug Arbeit mit der Bürokratie. Der Aufwand wäre sehr groß, dafür, dass es bisher freiwillig und unentgeltlich gemacht wurde", findet auch Rudolf Willing, Vorsitzender vom Ortsverband Lünten.

Betroffen von der Reform ist kreisweit auch der örtliche Handel, der das Saatgut bislang kostenlos zur Verfügung stellte. Alleine in Vreden müssen zwei Paletten für dieses Jahr zurück geschickt werden. Das heißt: Ein blütenfreier Sommer entlang der Ackerrändern. Und nächstes Jahr?

Hoffnung nicht aufgeben

"Wir geben die Hoffnung nicht auf, dass sich die Dinge zum Guten wenden. Wir suchen nach Mitteln und Wegen, wollen Impulse setzen - auch bei der Bevölkerung", so Markus Weiß. Es sei wichtig, ein Bewusstsein für den Grund der dieses Jahr fehlenden Blütenstreifen zu schaffen und Entscheidungsträger in dieser Sache, so hoch man eben komme, anzusprechen.

Weiß: "Wir setzen jetzt zunächst auf die Empörung der Menschen. Denn es kann nicht sein, dass Freiwilligkeit unerwünscht ist."

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