Frauen-Leben in China

Interview

Im Interview erzählt Judith Christ von ihrer Arbeit und das Leben in China.

Vreden

von Christiane Hildebrand-Stubbe

, 29.04.2016, 18:47 Uhr / Lesedauer: 2 min

Frau Christ, Sie sind selbst Mutter zweier Töchter und beschäftigen sich auch beruflich mit der Rolle der Frau in der Volksrepublik China. Wie sieht Ihr Blick auf die aktuelle Situation im Land aus?

Für eine Chinesin stellt sich erst gar nicht die Frage, ob sie nach der Geburt eines Kindes zuhause bleibt oder wieder zurück in den Job geht. Der gesetzliche Mutterschutz gilt hier für 3,5 Monate, danach wird die Arbeit wieder aufgenommen. Neue Herausforderungen ergeben sich allerdings seit der Reform- und Öffnungspolitik und – mit Blick auf den demografischen Wandel – durch die Abkehr von der 1-Kind- hin zur 2-Kind-Politik. Eine ganz neue Thematik, für die man momentan versucht den passenden Rahmen zu schaffen. Es gibt hier keine Teilzeit-Modelle wie in Deutschland. Die Devise heißt: Ganz oder gar nicht arbeiten. Das Frauenbild hat sich inzwischen gewandelt, das Männerbild allerdings kaum. Für Haushalt und Kinder ist nach wie vor die Frau zuständig. Zwar ist die Gleichberechtigung ein unverrückbares Staatsprinzip, die Realität ist aber dann doch eine andere.

Inwiefern? Können Sie das etwas genauer beschreiben?

Die „gläserne Decke“ gibt es auch hier: Im ständigen Ausschuss des Politbüros der kommunistischen Partei (dem höchsten Machtzirkel) gibt es zum Beispiel keine einzige Frau. Die frühkindliche Betreuung startet in China in der Regel erst ab einem Alter von drei Jahren. Viele Frauen wünschen sich ein zweites Kind, fürchten aber vor diesem Hintergrund auch eine Überforderung. Inwieweit die Politik hier mit Maßnahmen und Angeboten unterstützen kann, wird gerade breit diskutiert. Und auch viele andere Themen sind gerade in Bewegung: So wird dank neuer Medien zunehmend über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz gesprochen. Gegen häusliche Gewalt wurde gerade nach über zehnjähriger Arbeit endlich ein Gesetz erlassen.

Können Sie uns einen kleinen Einblick geben in Ihre Arbeit?

Meine Kollegen und ich sind zuständig für die Beratung für und über China. Dabei arbeiten wir mit langjährigen Partnern zusammen, zum Beispiel Universitäten, partei-staatlichen Organisationen wie dem Rechtsamt der Shanghaier Stadtregierung, dem Frauenverband oder der Parteihochschule. Wir bereiten Konferenzen vor, organisieren Kurzzeitexperten und leisten einen Beitrag zum wissenschaftlichen und politischen Diskurs. Konkrete Themen, mit denen wir uns beschäftigen: Wie baut man ein System sozialer Sicherung auf? Wie entwickeln sich rechtsstaatliche Strukturen in China? Oder: Wie ist es um die Chancengleichheit der Geschlechter bestellt und wie kann man sie verwirklichen? Wir sind Ansprechpartner für Politiker und andere gesellschaftlich relevante Gruppen aus Deutschland – zu China, zu aktuellen Fragestellungen, zur offiziellen Haltung der politischen Spitze. Gleichzeitig stellen wir auch Kontakte zu verschiedenen inländischen Gesprächspartnern her.

Und noch eine Frage zum Schluss: Was nehmen Sie mit aus Ihrer Zeit in China?

Mich beeindruckt die große Offenheit, mit der man hier Neuem begegnet – seien es Ideen oder Technologien. Und auch den Sinn für pragmatische Lösungen finde ich klasse. Ganz konkret aber sind es viele kleine, oft lustige Begegnungen, an die ich mich hoffentlich lange erinnern werde. So treffe ich zum Besispiel jeden Tag auf meinem Weg zur Arbeit einen älteren Herren, der sein Trainingsprogramm (1000 Schritte rückwärts laufen) absolviert. Dabei schreit er mir schon von Weitem immer ein gut gelauntes „Hello Foreigner“ entgegen und animiert mich zum Mitmachen. Das ist besser als jeder Cappucino am Morgen!

 

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