Handicap sorgt für Zurückhaltung bei Arbeitgebern

Erfahrung eines 27-Jährigen

"Soll ich meine Behinderung in der Bewerbung angeben? Wenn ich sie angebe, bin ich dann schon nicht mehr in der engeren Auswahl?" Julia Vennemann hat mit diesen Fragen einen offenen Brief eingeleitet und gleichzeitig ein Problem auf den Punkt gebracht: die gefühlte Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung durch den Arbeitsmarkt.

VREDEN

, 20.01.2016, 16:35 Uhr / Lesedauer: 2 min
Handicap sorgt für Zurückhaltung bei Arbeitgebern

Julia Vennemann, hier mit ihrem Freund Philipp Böing, will etwas dagegen tun, dass sich für Menschen mit Behinderung der Weg ins Berufsleben auf so viele Hemmnisse und Vorbehalte bei den Firmen stößt.

Das Schicksal ihres Freundes Philipp Böing hat die 22-jährige Vredenerin nicht ruhen lassen. Sie hat den Schritt in die Öffentlichkeit gesucht, um zum Nachdenken über diese Fragen anzuregen.

Ausbildung im  Benediktushof Maria Veen

Julia Vennemann selbst hatte beruflich Glück. Auch wenn es zunächst nicht so aussah: Die junge Frau beendete im Sommer 2014 ihre Ausbildung zur Bürokraft im Benediktushof Maria Veen. "Danach habe ich begonnen, Bewerbungen zu schreiben. Meist kam direkt eine Absage oder gar keine Reaktion." Eine schwierige Zeit für Julia Vennemann, denn ihre Möglichkeiten, zumindest als Aushilfe etwas dazuzuverdienen, sind eingeschränkt: Sie hat ektodermale Dysplasie, eine erblich bedingte Form von Behinderung, die sehr unterschiedliche Formen annehmen kann. Eine Muskelschwäche kommt bei Julia Vennemann noch hinzu: "Kellnern gehen am Wochenende oder ähnliche Jobs sind da für mich nicht möglich."

Über persönliche Kontakte zum Arbeitesplatz

Doch sie fand über persönliche Kontakte zu ihrem heutigen Arbeitsplatz: Julia Vennemann arbeitet bei Gescher am Markt in Vreden. "Seit dem vergangenen Sommer bin ich da und freue mich jeden Tag darüber, arbeiten gehen zu können." Ihr Freund Philipp Böing vermisst eben dieses Gefühl schon seit Jahren. Auch er hatte die Ausbildung zur Bürokraft im Benediktushof durchlaufen. Dort hatten sich die beiden auch kennengelernt. Er hatte bereits im Jahr 2011 seinen Abschluss erworben. Der Bocholter war danach ein Jahr arbeitslos, es folgte eine Zeit von elf Monaten als landwirtschaftlicher Helfer. Darin lag für Philipp Böing aber keine dauerhafte Perspektive. Seine Behinderung sollte eigentlich auch kein Hindernis dafür sein, in seinem erlernten Beruf etwas zu finden: Böing hat eine linksseitige Spastik. Bis auf ein gelegentliches leichtes Zittern schränkt ihn dies nicht wesentlich ein.

Noch keine Chance bekommen

Aber kein anderer Arbeitgeber mochte ihm bislang eine Chance geben: "Ich habe hunderte von Bewerbungen geschrieben." Er wäre auch zu einem Praktikum bereit, wenn es denn zumindest mit einer realistischen Aussicht verbunden wäre, eine Stelle zu bekommen. Böing erkennt die Bemühungen der Agentur für Arbeit an, ihm helfen zu wollen. Er weiß aber auch: "Es ist für das Jobcenter schwer, in kaufmännische Stellen zu vermitteln."

Der 27-Jährige steckt den Kopf nicht in den Sand, obwohl er das erzwungene Nichtstun an manchen Tagen als zermürbend empfindet. Was er dagegen unternimmt: sich mit Joggen und Schwimmen fit halten, soziale Kontakte pflegen und Zukunftspläne schmieden. Schon bald will er nach Vreden ziehen. Und wenn er noch eine Arbeitsstelle hätte, wäre sein Glück perfekt: "Ich möchte ja auch finanziell auf eigenen Beinen stehen." So hofft er nun, dass sich doch eine Firma vielleicht per Email Kontakt mit ihm aufnimmt unter "philipp-boeing@gmx.de". Julia Vennemann hat den Schritt in die Öffentlichkeit nicht bereut. Im Gegenteil: "Ich habe viel Positives gehört. Der Brief ist allein auf Facebook 80 Mal geteilt worden."

Agentur: Arbeitgeber tun sich schwer

Im Kreis Borken waren nach Angaben der Agentur für Arbeit im vergangenen Dezember 588 Schwerbehinderte arbeitslos. Das entspricht dem gleichen Stand wie im Vorjahr.  Gut die Hälfte der Betroffenen sei älter als 50 Jahre. Das sei ein zusätzliches Vermittlungshemmnis.

Arbeitgeber tun sich oft schwer damit, Behinderte anzustellen, berichtet Guido Paskarbis, Sprecher der Bundesagentur in Münster. Vielen fehle es dazu auch an Informationen. Sie seien daher unsicher, was auf sie zukomme, etwa bei Fragen des Kündigungsschutzes.

Eingliederungszuschüsse

Reha-Berater der Arbeitsagentur bemühten sich dazu um Aufklärungsarbeit. Diese falle zunehmend auf fruchtbaren Boden.  Ein höherer Bedarf an Fachkräften könne bei entsprechender Qualifikation die Zahl der Anstellungen von Menschen mit Behinderung ebenfalls erhöhen. Die Bundesagentur fördert die Anstellung auch beispielsweise durch Eingliederungszuschüsse oder Geld für technische Hilfsmittel.  Der Appell von Paskarbis an die Firmen: „Informieren Sie sich bei uns.“ Dazu bestünden viele Möglichkeiten.

  • www.arbeitsagentur.de
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