Kein Platz für Heldengeschichten: Piet Boering geht in den Ruhestand

rnEin Leben als Soldat

Oberstleutnant Piet Boering geht nach 42 Jahren in der Armee in den Ruhestand. Den will er jetzt in Vreden genießen. Für Heldengeschichten sieht er in der Stadt keinen Platz.

Vreden

, 20.11.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Oberstleutnant Piet Boering ist in den Ruhestand versetzt. Der Mann, der da auf seiner Terrasse in Vreden sitzt, wirkt so gar nicht wie ein lang gedienter Soldat. Fröhlich plaudert er an diesem Vormittag über seine Zeit in der niederländischen Armee, im deutsch-niederländischen Korps in Münster oder in verschiedenen Hauptquartieren der NATO. Nur manchmal blitzen düstere Erinnerungen durch.

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Als Piet Boering zur Armee geht, ist die Welt völlig anders. Am 23. August 1978 meldet sich der Niederländer zur Musterung. Die NATO steht da noch dem Warschauer Pakt gegenüber. Der Kalte Krieg droht in jedem Moment heiß zu werden. Piet Boering kommt zur Artillerie. „Unsere Aufgabe war es bei einem Angriff die sowjetischen Panzer aufzuhalten mit Artilleriefeuer aufzuhalten“, sagt er. Oder viel mehr so lange zu bremsen, bis Verstärkung aus den USA in Europa eingetroffen wäre.

Für Sorgen gab es keinen Platz

„Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen“, sagt Piet Boering. Praktisch andauernd ist er damals im Manöver. Seine Frau Toke sieht er nur selten. „Aber das war für mich ja normal. Ich wusste ja worauf ich mich eingelassen habe, als ich einen Soldaten geheiratet habe“, sagt sie mit einem Schmunzeln. Dann wird sie ernst: Sie habe damals mit auf dem Stützpunkt gewohnt. Den Frauen der anderen Soldaten sei es ja genauso gegangen. „Man hat die tapfere Frau gegeben, die ihrem Mann den Rücken stärkt“, erinnert sie sich.

Eine große Militärparade, wie sie Oberstleutnant Piet Broering zum Ruhestand eigentlich bekommen hätte, musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Stattdessen kam Brigadegeneral Rob Querido (l.), Stabschef des Deutsch-Niederländischen Korps, in Vreden vorbei, um das Ruhestands-Geschenk zu überreichen.

Eine große Militärparade, wie sie Oberstleutnant Piet Broering zum Ruhestand eigentlich bekommen hätte, musste wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Stattdessen kam Brigadegeneral Rob Querido (l.), Stabschef des Deutsch-Niederländischen Korps, in Vreden vorbei, um das Ruhestands-Geschenk zu überreichen. © Stephan Rape

Erst vor Kurzem sei ihr klar geworden, wie groß die Belastung immer gewesen sei. „Da kam so eine riesige Erleichterung über mich“, erzählt sie und kämpft mit den Tränen.

Bei der Musterung wollte er sich einem Freund beweisen

Doch wie kam Piet Boering auf die Idee, Soldat zu werden? Schließlich war sein ursprünglicher Berufswunsch ja einmal Förster. „Eigentlich wollte ich nur einem Freund beweisen, dass ich die Aufnahmeprüfung ohne Probleme schaffe“, sagt der 61-Jährige mit seinem ansteckenden Lachen. Um die Geschichte kurz zu machen: Piet Boering schafft die Prüfung spielend.

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Und er bleibt dabei: Das ist heute 42 Jahre her. Die Kameradschaft bei der Truppe, ein bisschen Abenteuerlust und die Möglichkeit, viel von der Welt zu sehen, hätten ihn motiviert. „Klar, man sieht nicht unbedingt die schönsten Gegenden der Welt, aber man kommt viel herum“, sagt er und trägt wieder sein verschmitztes Lächeln im Gesicht.

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Dreimal geht er in den scharfen Einsatz – jeweils für etwas mehr als ein halbes Jahr: 1995 ist er als Blauhelmsoldat im Bosnienkrieg in Srebrenica, 2000 im Kosovo und 2008 in Afghanistan. Er sei dort aber weniger Soldat als eher „Brückenbauer“ gewesen. Als Kontaktoffizier zwischen Armee, Hilfsorganisationen und der Zivilbevölkerung. Im Rückblick sagt er, dass der Einsatz in Srebrenica der schlimmste war. Wegen des Massakers von Srebrenica musste er später mehrfach als Zeuge vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal aussagen.

Veteranengeschichten passen nicht in die Zeit

Details zu seinen Einsätzen nennt er nicht. „Ich möchte nicht der Veteran sein, der den Leuten seine Kriegsgeschichten erzählt“, sagt er. Das passe einfach nicht. Denn schließlich könne sich hier sowieso kaum jemand vorstellen, was es bedeute in ein Kriegsgebiet zu gehen. „Zum Glück“, sagt Piet Boering und schluckt einmal schwer. Ältere Menschen, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben, hätten eine vage Vorstellung. Jüngeren Leuten sei das einfach nicht zu erklären. Ihm selbst sei es schwer gefallen, den Kontrast zwischen Einsatz und Zuhause zu verarbeiten.

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Er schildert eine Erinnerung: „Beim Einsatz in Srebrenica hatte ich eine Woche Urlaub. Ich flog nach Hause und war nur wenige Stunden nachdem ich das Kriegsgebiet verlassen hatte mit meiner Frau und unseren beiden kleinen Kindern auf dem Weg nach Disneyland. Diese Autofahrt war einfach brutal“, sagt er – jetzt mit deutlich leiserer Stimme. Auch in seinen Augen blitzen jetzt einige Tränen auf. Eine Erinnerung, die er dann mit einer Handbewegung beiseite wischt. „So war das eben.“

Auch für seine Frau war Srebrenica im Rückblick der schlimmste Einsatz. Der Kontakt sei damals über E-Mail ja noch nicht möglich gewesen. Briefe seien unregelmäßig oder mit viel Verspätung angekommen. Telefonate seien noch seltener gewesen.

Plötzlich bricht der Kontakt zum Hauptquartier ab

Sie erinnert sich an den Moment, als sich plötzlich das Hauptquartier bei ihr meldet und fragt, ob sie etwas von ihrem Mann gehört habe. Der Kontakt zur Truppe ist da abgerissen. Erst Tage später bekommt sie die Nachricht, dass alles in Ordnung ist. Sie möchte noch weitererzählen, doch ihr Mann winkt ab. „Es reicht“, sagt er leise.

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Auch nach den Einsätzen blieb die Zeit zuhause knapp. Die Arbeit trennte das Paar häufig. „Meine Frau sagt immer, dass wir erst seit 20 Jahren verheiratet sind, weil ich die Hälfte der Zeit nicht zuhause war“, sagt er, haut auf den Tisch und bricht wieder in lautes Lachen aus.

Zeit, endlich richtig Vredener zu sein

Für Piet Boering ist die Zeit beim Militär vorbei. Er will sich jetzt in der neu gewonnenen Freizeit in Vreden engagieren. „Ruhig sitzen kann er sowieso nicht“, sagt Toke Boering lachend. Sie hat sich wieder gefangen. Bei der Vredener Tafel hat er sich gemeldet. „Die brauchen immer helfende Hände“, sagt er. Und er möchte die Zeit genießen, Golf spielen oder auch einfach nur auf seiner Terrasse sitzen. Er fühlt sich selbst schon lange als Vredener. Nun habe er auch die Zeit, das zu sein.

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