Klarer Rahmen gibt Halt

Vreden Steffi G. läuft mit einem Trockentuch durch den Gemeinschaftsraum - sie ist auf der Jagd nach Fliegen. Sie scheint den Besuch nicht wahrzunehmen, aber Daniel A. ist an diesem Mittwochvormittag gut aufgelegt und sucht Kontakt. Eine andere Bewohnerin kommt kurz herein, geht aber schnell wieder. "Jetzt ist eigentlich Zeit fürs Mittagessen", erklärt Simone Brückner.

13.07.2007, 19:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Heilpädagogin leitet die Dietrich-Bonhoeffer-Gruppe im Haus Früchting. Seit Fe bruar sind dort nach und nach sieben Frauen und Männer eingezogen in die neue Wohngruppe, die speziell für Menschen mit besonders herausforderndem Verhalten eingerichtet wurde.

Klare Strukturen und einen verlässlichen Rahmen - und dazu kann auch das pünktliche Mittagessen gehören -, das brauchen alle Bewohner, obwohl sie doch so unterschiedlich sind. "Das gibt Sicherheit, ist der äußere Halt", ergänzt Simone Brückner.

Sie und ihr Team von sieben weiteren Mitarbeitern kümmern sich - im Drei-Schicht-Betrieb - um die sieben Männer und Frauen im Alter von 18 bis 43 Jahren. Die Bewohner sind geistig behindert, haben Diagnosen wie Autismus oder atypischer Autismus mit Impulsdurchbrüchen, mit Angst- oder Zwangssymptomatik oder mit extremen Wahrnehmungsstörungen.

"Die Mitarbeiter müssen ständig die Antennen ausgefahren haben", beschreibt Hermann-Josef Sönnekes, pädagogischer Leiter des Hauses Früchting. "Die Arbeit hat einen anstrengenden Aspekt, man muss immer zu 100 Prozent in der Situation sein", gibt ihm Simone Brückner Recht. Aber sie und ihr Team sehen das viele Positive in ihrer Arbeit auf gleicher Höhe wie das Anstrengende: "Kreative Verhaltensweisen stehen im Vordergrund", nennt die Heilpädagogin das Besondere an ihrem Job mit den besonderen Menschen. Ein Beispiel: Zu angstbesetzt, um aus dem elterlichen Auto auszusteigen, war ein junger Mann, bei seinem ersten Besuch im Haus Früchting. "Die Sonne schien - und so haben wir Stühle geholt, uns ans Auto gesetzt, Kaffee getrunken und geredet, haben ihm Teilhabe an der Entscheidung ermöglicht", blickt Brückner zurück. "Jetzt wohnt er bei uns und fühlt sich wohl."

Wobei "das Wohlfühlen" nicht mit landläufigen Maßstäben gemessen werden kann: Vieles scheint fremd, was den Bewohnern gut tut. Zum Beispiel, wenn Daniel A. im eingezäunten Bereich Fahrrad fährt, fühlt er sich nicht "eingesperrt", sondern sicher in seinem abgegrenzten Gebiet.

"Zum Konzept des Hauses Früchting gehört, dass der Mensch Arbeit angeboten bekommt, egal wie schwer er behindert ist", betont Hermann-Josef Sönnekes. Das gilt auch für die Bonhoeffer-Gruppe: Räumlich getrennt von den Einzelzimmern und den Gemeinschaftsräumen ist die Werkstatt eingerichtet, in der jeder nach seinen Möglichkeiten arbeitet. Wer aber sein Zimmer nicht verlassen kann, dem wird auch angeboten, dass die Arbeit zu ihm gebracht wird. Arbeit, Freizeit und Rückzug in ihre Zimmer wechseln sich so ab, wie es dem Rhythmus der Bewohner entgegen kommt.

Aber jetzt ist Mittagszeit, und Arbeitserzieher Gregor Laurich kommt gerade mit einem Rollwagen voller Nadelschachteln aus der Werkstatt am Wohnzimmer vorbei. Daniel A. schnappt sich eine davon und spielt damit. Er hat jetzt Freizeit. Und genießt sie - allein, aber nicht einsam unter den anderen. ewa

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