Saueressigs Weg aus der Dorfschmiede zum Global Player

rnStart-up vor 70 Jahren

Vor 70 Jahren haben die Brüder Saueressig ihre erste Maschine zur Herstellung von Tiefdruckwalzen gebaut. Jack Saueressig (89) erinnert sich an die Stunde Null eines Weltunternehmes.

Vreden

, 29.01.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die Fahrradreifen versinken im lockeren Sand des tief ausgefahrenen Feldwegs. Der 19 Jahre alte Jacob, genannt Jack, muss ordentlich in die Pedalen treten. Sein Gepäckträger ist mit einem großen Blechkanister Diesel schwer beladen. Sechs Kilometer hat er sich schon abgeplagt von der Tankstelle in Ahaus bis hierher. Nun aber erreicht er sein Ziel: einen sonderbaren Rundbau auf einem Heidegrundstück in Barle, ein sandiges Fleckchen Niemandsland zwischen Ahaus, Vreden und Ottenstein. Es gibt keine Straße. Und es gibt auch keine Elektrifizierung. Hier wird der Diesel dringend als Treibstoff für den Generator gebraucht, damit in der Werkstatt der Strom fließen kann. Für Bohrer, Hobel und anderes Gerät. Für den Erfinder- und Konstrukteursgeist der Saueressigs. Für die Zukunft eines Weltunternehmens.

Ein Start-up vor 70 Jahren

„Wir waren ein echtes Start-up“, sagt Jack H. Saueressig 70 Jahre später und lacht. Dabei blitzen die Augen des 89-Jährigen heute noch genauso forsch wie einst die des jungen Mannes im „Blaumann“, den ein vergilbtes Foto zeigt. Es entstand 1950 in einer Zeit, als es das Wort Start-up noch gar nicht gab. Jack Saueressig ist heute der einzige Überlebende der Gründergeneration. Und es drängt ihn, die Anfänge des Unternehmes Saueressig zu erzählen. „Ich bin der letzte aus der Familie, der auch die Geschichten kennt, die aus den Akten nicht rekonstruiert werden können.“

Brüder mussten zupacken

Zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Karl und einem Onkel hat er eigenhändig den Rundbau in Barle errichtet, in mühsamer Handarbeit aus alten Luftschutzbunker-Steinen. „Unser Vater war währenddessen mit dem Erfinden einer Torfstechmaschine beschäftigt.“

Den Rundbau in Barle errichteten die Brüder Jack und Karl Saueressig in den Jahren 1946 bis 1948 in mühevoller Handarbeit zusammen mit einem Onkel.

Den Rundbau in Barle errichteten die Brüder Jack und Karl Saueressig in den Jahren 1946 bis 1948 in mühevoller Handarbeit zusammen mit einem Onkel. © privat (Jack H. Saueressig)

Das war in den Jahren 1946 bis 1948. Die Brüder wohnten in einer Baracke neben der Baustelle. Das war eine entbehrungsreiche Zeit mit härtester Arbeit“, erinnert sich Jack Saueressig. Bei Baubeginn waren die beiden Brüder gerade einmal 16 und 18 Jahre alt.

Die Vorgeschichte und die Weltwirtschaftskrise

Warum das Gebäude rund ist und wozu es eigentlich gebaut wurde, das ist eine andere Geschichte, die nur wenig mit der Erfolgsstory der Saueressig-Brüder zu tun hat. Oder eigentlich sehr viel. Darum soll auch sie hier erzählt werden.

Es ist die Geschichte des Vaters, Hans Saueressig senior. „Der Rundbau war seine fixe Idee“, sagt Jack Saueressig. Sein aus dem Emsland stammender Vater hat in den 1920-er Jahren als junger Elektroingenieur in Münster die Vredenerin Sophia Meyerink kennengelernt. Das Paar heiratet. 1926 wird ihr Sohn Hans geboren. Wenig später zieht die junge Familie nach Vreden. 1928 kommt Tochter Marianne zur Welt, 1929 Sohn Jack.

Die Geschwister Saueressig, aufgreiht wie die Orgelpfeifen (v.l.): Hans, Marianne, Jacob (Jack), Lieselotte und Karl.

Die Geschwister Saueressig, aufgreiht wie die Orgelpfeifen (v.l.): Hans, Marianne, Jacob (Jack), Lieselotte und Karl. © privat (Jack H. Saueressig)

Hans Saueressig Senior arbeitet in der Firma Carl Hecking und in der Elektrozentrale im Butenwall an der Berkel. Doch als die Weltwirtschaftskrise auch über Vreden hereinbricht, verliert Vater Saueressig seine Arbeit. 1929, kurz nach Jacks Geburt, zieht die junge Familie nach Enschede in der Hoffnung, dort ein besseres Leben zu finden. In Enschede kommen das vierte und fünfte Kind zur Welt: 1930 Lieselotte und 1931 Karl Wilhelm.

Der Traum von der Schallplattenfabrik

„Mein Vater war ein geborener Erfinder“, sagt Jack Saueressig. In Enschede gründet Hans Saueressig senior die Firma Simplex, die beschreibbare Spezial-Schallplatten und Aufnahmegeräte entwickelt und produziert. Dank der Findigkeit von Hans Saueressig senior blüht das Unternehmen in den 1930er-Jahren auf.

Im Mai 1939 meldete Hans Saueressig senior seine „Aufnahmemaschine“ in den USA zum Patent an.

Im Mai 1939 meldete Hans Saueressig senior seine „Aufnahmemaschine“ in den USA zum Patent an. © privat (Jack H. Saueressig)

Zu den Kunden zählen nicht nur der Reichsrundfunk in Berlin, sondern auch die Avro in Hilversum, die BBC in London und sogar amerikanische Radiosender. Bei Kriegsende 1945 aber beschlagnahmt der niederländische Staat die Firma in Enschede als Feindvermögen. Wieder mittellos bezieht die siebenköpfige Familie Saueressig eine behelfsmäßige Baracke in Lünten.

Vater Hans Saueressig aber glaubt weiter fest an den Erfolg einer neuen Schallplattenfirma. Dafür lässt er seine Söhne das schallplattenrunde Gebäude in Barle errichten. Doch die Erfindung des Tonbandes läuft den beschreibaren Schallplatten den Rang ab. Der wirtschaftliche Erfolg bleibt aus.

Vater brachte die Gründer-Idee aus Enschede mit

Hans Saueressig aber hatte aus Enschede nicht nur die fixe Idee der kreisrunden Architektur mitgebracht. Zufällig hatte er dort in einer Textilfabrik Monteure aus Leipzig kennengelernt, die eine Revolution im Textildruck einführten: das Fotogravurverfahren. Bis dahin wurden die Druckwalzen graviert oder geprägt. Die neue Technik erlaubte das kostensparende und viel effizientere fotografische Kopieren mit einem anschließenden Ätzvorgang.

1948 erzählt Hans Saueressig senior dem Gronauer Textilfabrikanten Nico van Delden von diesem neuen Verfahren zur Herstellung von Tiefdruckwalzen. Und dass er die dafür notwendigen Maschinen bauen könne. Zusammen mit seinen Söhnen. Er erhält den Auftrag – und verliert schon bald wieder sein Interesse. Sein Erfindergeist schwebt lieber wieder in anderen Sphären.

Arbeitsteilung unter den Söhnen

Seine Söhne aber bleiben bei der Sache, zeichnen, konstruieren, bauen. Weil die provisorische Werkstatt im Rundbau zu schlecht ausgestattet ist, wechseln die Saueressigs in die Ottensteiner Dorfschmiede Baumeister. Von dort aus wird 1949 die Anlage tatsächlich nach Gronau ausgeliefert.

Jack H. Saueressig war unter den Brüdern Saueressig der Konstrukteur am Zeichenbrett. Dieses Bild malte sein Mitarbeiter Slim Badaoui im Jahr 1990.

Jack H. Saueressig war unter den Brüdern Saueressig der Konstrukteur am Zeichenbrett. Dieses Bild malte sein Mitarbeiter Slim Badaoui im Jahr 1990. © Slim Badaoui

Aber wie konnte das den jungen Saueressig-Brüdern gelingen? Ohne Erfahrung und ohne Maschinenbaustudium? Nun, sie waren wohl die Söhne eines geborenen Erfinders. „Ich war von Anfang an der Konstrukteur“, sagt Jack Saueressig. Das Zeichnen hat er als Jugendlicher gelernt, als er seinem Schwager, der vom Fach war, über die Schulter schaute. Sein Bruder Hans war der „Maschinenbauer“ in dem Trio. Er hatte zumindest eine Ausbildung als Feinwerkmechaniker. Und Karl Saueressig war der geborene Kaufmann.

„Wir haben aus unseren Fehlern sehr viel gelernt“

Jack Saueressig scheint sich über den verblüffenden Erfolg auch heute noch nicht zu wundern: „Das haute einfach hin“, sagt er. Doch er will die Anfänge nicht verklären und gesteht: „Wir haben eine schlechte Maschine gebaut. Das hat uns in der Mängelbeseitigung und Nachbetreuung noch viel Arbeit beschert. Aber wir haben aus unseren Fehlern sehr viel gelernt. Und dann konnten wir es viel besser machen.“ 1951 halten die Brüder Jack und Hans Saueressig ihre erste Patentschrift in den Händen. Sie nennt auch noch den Namen ihres Vaters.

Die Wanderjahre der Gründer

Es folgt Phase 2 der Unternehmensgründung. Die drei Saueressig-Brüder gehen ab 1950 auf „Tournee“. Mit einem großen Textilunternehmen in Bielefeld machen die drei immer noch mittel- und werkstattlosen Brüder einen Deal: Ihr stellt uns Material und die große Betriebsschlosserei zur Verfügung, und wir bauen euch in zwei Monaten eine Fotogravuranlage. Und nur wenn alles funktioniert, bekommen wir 25.000 Mark. Die Bielefelder Direktoren sagen Ja. „Der Bedarf an modernen Anlagen war so groß. Es herrschte ja überall Mangel“, so erklärt Jack Saueressig sieben Jahrzehnte später die Gunst der Stunde.

Jack H. Saueressig (l.) im Blaumann bei der Ausführung des ersten großen Auftrags in einer Bielefelder Textilveredelungsfirma.

Jack H. Saueressig (l.) im Blaumann bei der Ausführung des ersten großen Auftrags in einer Bielefelder Textilveredelungsfirma. © privat (Jack H. Saueressig)

Die drei Brüder machen sich an die Arbeit. Tag und Nacht. „Wir haben zwei Monate lang nur von Kommissbrot und Magarine gelebt. Das ist heute unvorstellbar“, sagt Jack Saueressig.

Das allerste Saueressig-Dessin, graviert auf der ersten Anlage „System Saueressig“ im Dezember 1950 in Bielefeld.

Das allerste Saueressig-Dessin, graviert auf der ersten Anlage „System Saueressig“ im Dezember 1950 in Bielefeld. © privat (Jack H. Saueressig)

Aber die Tortur bringt den Erfolg. Lukrative Aufträge in Herdecke und Augsburg folgen. „Danach konnten wir uns zu Dritt auch unser erstes Auto leisten: einen gebrauchten Opel Kapitän“, erzählt Jack Saueressig.

Ihr erstes Auto, einen gebrauchten Opel Kapitän, kauften die drei Saueressig-Brüder 1952 nach ihrem Geschäftserfolg in Augsburg. Hier parkt der Wagen am Rundbau in Barle, unter den strengen Augen von Wachhund Donar.

Ihr erstes Auto, einen gebrauchten Opel Kapitän, kauften die drei Saueressig-Brüder 1952 nach ihrem Geschäftserfolg in Augsburg. Hier parkt der Wagen am Rundbau in Barle, unter den strengen Augen von Wachhund Donar. © privat (Jack H. Saueressig)

Mehr noch: Als die drei Brüder in den Rundbau nach Barle zurückkehren, haben sie 300.000 D-Mark auf der hohen Kante und einen Kompagnon an ihrer Seite: den Vredener Textilunternehmer Willi Huesker, mit dem sie gemeinsam die Firma Vredener Tiefdruck-Gravuren Saueressig + Co gründen.

Der Rest ist die bekannte Unternehmesgeschichte: 1953 beginnt die Fertigung von Tiefdruckwalzen in angemieteten Räumen im Obergeschoss der Lederfabrik Reerink an der Ausbachstraße.

Theo Bok beim Ätzen eines Tiefdruckzylinders in den Produktionsräumen an der Ausbachstraße. Das Wasser wurde damals mit der Gießkanne aus der nahen Berkel geholt.

Theo Bok beim Ätzen eines Tiefdruckzylinders in den Produktionsräumen an der Ausbachstraße. Das Wasser wurde damals mit der Gießkanne aus der nahen Berkel geholt. © privat (Jack H. Saueressig)

1955 werden die neuerrichteten Firmengebäude an der Ottensteiner Straße bezogen. Gleichzeitig wird in Wüllen die Maschinenfabrik errichtet, in der die Maschinen für den Betrieb in Vreden gebaut werden.

Das neue Firmengebäude an der Ottensteiner Straße wurde 1955 bezogen.

Das neue Firmengebäude an der Ottensteiner Straße wurde 1955 bezogen. © privat (Jack H. Saueressig)

Unter der Leitung von Jack H. und Karl W. Saueressig entwickelt sich das Vredener Unternehmen zu einem Innovationsträger der grafischen Industrie, zu einem der wichtigsten Arbeitgeber der Stadt Vreden und zu einem Global Player mit weltweiter Kundschaft und mit Neugründungen in England, Polen, Russland und in den USA und in der Türkei.

Im Zeichensaal, links stehend Erich Kampshoff

Im Zeichensaal, links stehend Erich Kampshoff © privat (Jack H. Saueressig)

Auch im Münsterland initiiert oder inspiriert Saueressig zahlreiche Unternehmensgründungen. Beispiele sind die Polywest Kunststofftechnik oder die Ahauser Gummiwalzen.

2008 aber endet für viele Vredener überraschend die Geschichte des Familienunternehmens Saueressig. Die des Global Players Saueressig geht freilich weiter. Die Familie verkauft die Mehrheitsanteile an den amerikanischen Konzern Matthews International Corporation. Jack Saueressig sagt, dieser Schritt habe die Chance geboten, Synergien zu nutzen sowie technischen Produkten und Dienstleistungen einen erweiterten Absatzmarkt zu erschließen.

Jack H. Saueressig (89) kann auf eine unternehmerische Erfolgsgeschichte zurückblicken.

Jack H. Saueressig (89) kann auf eine unternehmerische Erfolgsgeschichte zurückblicken. © Markus Gehring

Was Jack Saueressig im Rückblick besonders wichtig ist: „Durch die Übernahme von Matthews sind keine Arbeitsplätze in den einzelnen Werken verloren gegangen. Es wurden keine Werke geschlossen. Und der Name Saueressig steht heute innerhalb der Matthews-Gruppe weltweit für Tiefdruck. Allein in Vreden arbeiten über 600 Menschen für das Unternehmen Saueressig.

Rundbau-Ruine zeugt noch von der Unternehmensgründung

Der Vredener Dyk in Barle ist als Landstraße 560 längst eine gut ausgebaute Straße. Nichts erinnert mehr an den sandigen Feldweg, den einst Jack Saueressig mit seinem Fahrrad befuhr. Doch wer nicht mit Tempo 100 vorbeirauscht, kann heute noch von Vreden kommend, rund 800 Meter vor dem Kreisverkehr Barle, die Reste der einstigen Schallplattenfabrik erahnen. Eine Ruine. Und der Beginn einer wirklich runden Sache.

Fotoband zur Firmengeschichte

  • Mit Unterstützung seiner ehemaligen Mitarbeiter Heiner Aagten und Reinhard Rotthues hat Jack H. Saueressig jetzt die Geschichte des Unternehmens Saueressig in einem Bildband festgehalten.
  • Das Buch ist nur in kleiner, unverkäuflicher Auflage erschienen. Ein Exemplar hat Jack Saueressig an den Ersten Beigeordneten Bernd Kemper überreicht. Es ist für das Stadtarchiv bestimmt.
  • Mit dem Fotoband sei es ihm auch darum gegangen, möglichst viele der früheren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als wichtigen Teil der Firmengeschichte fotografisch festzuhalten.
Buchübergabe für das Stadtarchiv (v.l.): Clemens Brückerhoff, Erster Beigeordneter Bernd Kemper, Hubert Krandick, Jack H. Saueressig und Heiner Aagten.

Buchübergabe für das Stadtarchiv (v.l.): Clemens Brückerhoff, Erster Beigeordneter Bernd Kemper, Hubert Krandick, Jack H. Saueressig und Heiner Aagten. © Stadt Vreden

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