„Sieg Heil“-Rufe im Taxi nach Lünten – Junge Männer beleidigen Taxifahrer und fliehen

rnRechtsradikale im Taxi?

Wüste rassistische Beschimpfungen und rechtsradikale Parolen musste ein Taxifahrer am Donnerstag auf dem Weg nach Lünten erdulden. Die Täter, eine Gruppe junger Männer, flüchtete.

Vreden

, 04.10.2019, 16:21 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am frühen Donnerstagmorgen will eine Gruppe junge Männer nach durchzechter Nacht von Ottenstein nach Lünten mit dem Taxi fahren. Unterwegs beleidigen sie den Taxifahrer und rufen im Taxi laut „Sieg Heil“ und ausländerfeindliche Parolen. Schließlich lassen sie den Fahrer anhalten und flüchten aus dem Taxi – ohne zu bezahlen.

Stefan Bratz, der Taxiunternehmer, der den Fahrer beschäftigt, schäumt vor Wut. Der 43-Jährige ist seit 1993 Taxifahrer und führt von der Wüllener Bauerschaft Sabstätte aus sein kleines Unternehmen. Sechs bis acht Aushilfsfahrer beschäftigt er. „Es geht mir nicht ums Geld“, sagt Stefan Bratz. Auf dem Taxameter standen gerade einmal 9,50 Euro, als die Gruppe aus dem Taxi flüchtete.

Hemmschwelle ist seit drei Jahren rapide gesunken

„Es ist über die vergangenen drei Jahre immer schlimmer geworden“, sagt Stefan Bratz. Ein regelrechter Sport habe sich daraus entwickelt, aus dem Taxi zu rennen. ohne zu bezahlen. Auch der Ton sei deutlich rauer geworden. Die Hemmschwelle sinke. Gleichzeitig nehmen Sachbeschädigung und sogar Diebstähle zu. „Das merkt man meistens erst morgens am Schichtende“, erzählt der Taxiunternehmer.

„Sieg Heil“-Rufe im Taxi nach Lünten – Junge Männer beleidigen Taxifahrer und fliehen

Seit 1993 sitzt der 43-jährige Stefan Bratz im Taxi hinterm Lenkrad. "Über die vergangenen drei Jahre sind Pöbeleien und Betrug deutlich schlimmer geworden", sagt er. © Stephan Teine

Gestohlene Kopfstützen oder Fußmatten, aufgeschlitzte Sitze, beschädigte Innenverkleidungen – die Liste der Schäden ist lang. Nach so einer Nacht habe er praktisch komplett umsonst gearbeitet. Die Beleidigungen sind da natürlich noch einmal eine ganz andere Hausnummer, seien aber auch nichts Außergewöhnliches mehr.

Fahrermangel am Wochenende stellt Unternehmer vor Probleme

„Das ist auch nicht mehr mit Alkohol zu entschuldigen“, sagt Stefan Bratz. Sein Problem: Ohnehin sei es fast schon nicht mehr möglich, für die Nachtschichten am Wochenende Fahrer zu finden. „Und dann kommen auch noch solche Idioten dazu“, sagt er wütend.

Der betroffene Fahrer habe sich wüste Beleidigungen und Beschimpfungen anhören müssen. „Dabei ist das mein bester Mann“, sagt Stefan Bratz. Der Fahrer möchte nicht in der Öffentlichkeit genannt werden.

Junge Männer in der Gruppe sind das Hauptproblem

Es sei immer wieder das gleiche: Vor allem in Gruppen fühlten sich junge Männer offenbar besonders stark. „Es sind eigentlich immer Gruppen von 16- bis 25-Jährigen, die Ärger machen“, so Stefan Bratz weiter. Je weniger Leute auf der Tour nachher im Taxi sitzen, desto stiller werde es. „Am Anfang grölen die ‘rum, wenn man sie dann nach und nach zuhause absetzt, wird es im Taxi immer ruhiger“, erzählt er.

Sein Taxifahrer und er selbst haben Anzeige erstattet. Der Fahrer wegen Beleidigung, er selbst wegen Betrugs. „Da verstehe ich keinen Spaß mehr“, sagt der Sabstätter. Solche Fälle werde er jetzt und in Zukunft mit aller Härte verfolgen. „Da können die Schuldigen sich nachher noch so oft versuchen, zu entschuldigen“, sagt er. Seine Anzeige werde er auf keinen Fall zurückziehen.

„Sieg Heil“-Rufe im Taxi nach Lünten – Junge Männer beleidigen Taxifahrer und fliehen

Bei Gruppen junger Männer nimmt Stefan Bratz schon seit längerer Zeit den ungefähren Fahrpreis per Vorkasse und rechnet nachher mit den Fahrgästen ab. © Stephan Teine

Selbst ist er nur noch selten nachts unterwegs. Sein Hauptgeschäft sind Kranken- und Kurierfahrten oder Flughafentransfers. Dennoch gehören die Fahrten am Wochenende fest zum Geschäft. „Wäre ich nicht darauf angewiesen, würde ich die schon längst nicht mehr anbieten“, sagt er. Zu groß ist der Ärger inzwischen geworden. Doch auf den Umsatz in den Nächten am Wochenende kann er schlicht nicht verzichten.

Schutz vor Übergriffen und Betrug ist nur schwer möglich

Vor solchen Übergriffen können er und seine Fahrer sich nur schlecht schützen. „Ich habe mittlerweile ein Gefühl dafür, bei welchen Gruppen es kritisch werden kann“, sagt er. Viel dagegen tun, kann er trotzdem nicht. „Bei manchen Fahrgästen verlangen wir auch bei kürzeren Fahrten schon Vorkasse“, sagt er. So lasse sich zumindest der finanzielle Verlust etwas eingrenzen. Aber auch dabei müssten eigentlich die anderen Taxiunternehmer aus dem Kreis mitziehen. Gespräche in dieser Richtung habe es aber noch nicht gegeben.

Die Polizei kann zumindest nach den aktuellen Fallzahlen keinen Anstieg bei Beleidigungen oder Zechprellerei gegen Taxifahrer feststellen. „Das kommt immer wieder vor“, sagt Thorsten Ohm von der Pressestelle der Kreispolizei Borken. Oft sei Alkohol im Spiel, er mag ihn aber nicht automatisch mit solchen Fällen in Verbindung bringen. Insgesamt sei die Fallzahl aber nicht so groß, dass die Daten Rückschlüsse erlauben. „Einen Trend kann ich nicht feststellen“, sagt er.

Große Resonanz auf Facebook

Stefan Bratz geht es vor allem um seine Fahrer. „Das Schlimme ist, dass es immer die Leute trifft, die sich die Nächte am Wochenende um die Ohren hauen, damit die Menschen sicher nach Hause kommen“, erzählt Stefan Bratz.

„Sieg Heil“-Rufe im Taxi nach Lünten – Junge Männer beleidigen Taxifahrer und fliehen

Das Posting von Stefan Bratz bei Facebook hat sich rasend schnell verbreitet. © Stephan Teine


Den aktuellen Fall hat Stefan Bratz noch am Donnerstag bei Facebook in mehreren Gruppen veröffentlicht. Fast 200 Mal wurde sein Beitrag binnen kürzester Zeit geteilt und weiterverbreitet. Die Resonanz dort ist praktisch einstimmig: Unverständnis, Unglaube und die Forderung nach harter Bestrafung der Täter sind dort in fast allen Kommentaren zu lesen.

„Es ist schon toll zu sehen, wie schnell sich das verbreitet und wie sehr die Leute hinter einem stehen“, erklärt Stefan Bratz. Er setzt sich wieder hinter das Lenkrad und macht sich auf zur nächsten Tour.

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