Exotische Spinnen in Vreden und eine Familie mit dem Rücken an der Wand

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Riesige Spinnen, Skorpione und Insekten sorgen in Vreden an diesem Wochenende für Grusel und Schauer auf dem Rücken. Die Schaustellerfamilie hat ganz andere Sorgen. Sie steht vor dem Nichts.

Vreden

, 24.10.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Spider World in Vreden: Exotische Spinnen aus aller Welt zeigt die Schaustellerfamilie Frank an diesem Wochenende auf der Wiese an der Wüllener Straße. Im dem schummerig beleuchteten Zirkuszelt reihen sich 50 Terrarien auf langen Tischen aneinander. Nur eine Handvoll Besucher geht an diesem Samstagmittag ihnen entlang. Immer mal wieder tönt ein lautes „Iiieeh“ oder „Eklig“ durch das Zelt. Trotzdem scheint das Interesse an den exotischen Tieren groß.

Thomas Roths mit seinen beiden Söhnen Till (5) und Fynn (3). Für die Familie war schnell klar, dass sie die Spider-World besuchen müssen. Schließlich ist Till auch begeisterte Dino-Fan.

Thomas Roths mit seinen beiden Söhnen Till (5) und Fynn (3). Für die Familie war schnell klar, dass sie die Spider-World besuchen müssen. Schließlich ist Till auch begeisterte Dino-Fan. © Stephan Rape

Eva-Maria Roths, ihr Mann Thomas und die beiden Söhne Till (5) und Fynn (3) sind vier von ihnen. Vor allem Till ist begeistert: „Voll cool!“, ist sein eindeutiges Urteil. „Direkt vor unserem Haus hängt ein Werbeschild der Ausstellung“, sagt Eva-Maria Roths.

Die Spider-World gastiert noch bis Sonntag, 25. Oktober, an der Wüllener Straße. Geöffnet ist von 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene neun, für Kinder acht Euro.

Da sei schnell klar gewesen, dass sich die Familie die Spinnen ansehen wird. Und das, obwohl sie selbst eigentlich überhaupt keinen Vertrag mit den Krabbeltieren hat. „Die sind mir zu schnell, zu wuselig, einfach eklig“, sagt sie – und hält erst einmal lieber etwas Abstand zu den Terrarien.

14-Jähriger bringt den Vredenern die Tiere ganz nah

Dann betritt der 14-jährige Nandino Frank das Zelt. Er gehört zu der Schausteller-Familie, die mit der Spinnenausstellung durch die Lande reist und übernimmt gerade die Live-Show, die einmal in der Stunde stattfindet. Er holt eine Riesengespenstschrecke und einen blauen Waldskorpion aus ihren Terrarien, erzählt etwas über Lebensraum, Beutetiere und Fressfeinde. Sein kleines Publikum hört gebannt zu. Auch lassen sich große und kleine Besucher die Tiere auf die Hand setzen.

Obwohl sie eigentlich so gar keinen vertrag mit Spinnen hat, nimmt Eva-Maria Roths an diesem Samstagnachmittag sogar eine Vogelspinne auf die Hand. "War gar nicht so schlimm", sagt sie wenige Augenblicke später. Konfrontationstherapie.

Obwohl sie eigentlich so gar keinen vertrag mit Spinnen hat, nimmt Eva-Maria Roths an diesem Samstagnachmittag sogar eine Vogelspinne auf die Hand. "War gar nicht so schlimm", sagt sie wenige Augenblicke später. Konfrontationstherapie. © Stephan Rape

Erst als er eine brasilianische Riesenvogelspinne aus ihrer Kiste holt, mag sich erst keiner dazu durchringen, das Tier anzufassen. Doch ausgerechnet Eva-Maria Roths überwindet sich und lässt sich die Unterteller-große Spinne auf die Hand setzen. „War gar nicht schlimm“, sagt sie wenige Augenblicke später und strahlt über ihre Gesichtsmaske.

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Die Spinne sei überhaupt nicht unangenehm sondern ganz weich gewesen. „Aber die war ja auch ganz langsam“, schränkt sie schnell ein. Die kleineren einheimischen Spinnen werden ihr wohl auch in Zukunft nicht so nahe kommen.

Von der Freude, die Tiere vorzuführen

„Das macht einfach Freude“, erzählt Nandino Frank. Die Tiere vorzuführen und den Menschen die Scheu vor Spinnen und Insekten zu nehmen, sagt er selbstsicher. Wo habe man schließlich schon die Gelegenheit, solche Tiere zu sehen oder gar anzufassen. Routiniert steckt er die Vogelspinne zurück in ihr kleines Gehege. Er sei mit den Tieren und dem Leben auf der Reise aufgewachsen und könne sich gar nichts anderes vorstellen.

Auch mit dem Publikum ist der junge Schausteller zufrieden. „Es darf ja im Moment nicht so voll werden“, sagt er. Da gebe es ja ganz klare Vorgaben wegen des Coronavirus.

Düstere Aussichten wegen Coronavirus

So viel zu der Begeisterung vor den Kulissen. Dahinter sieht es deutlich düsterer aus. Stephanie Riedesel (34) ist die Chefin des kleinen Familienbetriebs. Sie sitzt am Samstagnachmittag im Kassenhäuschen vor dem Zirkuszelt. Zufrieden blickt sie nicht über den Tresen.

Stephanie Riedesel (34) ist die Chefin des kleinen Familienunternehmens. Die Zukunft sieht im Moment düster für sie aus. Vreden war vorerst der letzte Auftritt der Spider-World. Jetzt geht es erstmal ins Winterquartier. Finanziell steht die Familie mit dem Rücken zur Wand.

Stephanie Riedesel (34) ist die Chefin des kleinen Familienunternehmens. Die Zukunft sieht im Moment düster für sie aus. Vreden war vorerst der letzte Auftritt der Spider-World. Jetzt geht es erstmal ins Winterquartier. Finanziell steht die Familie mit dem Rücken zur Wand. © Stephan Rape

„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt die Schaustellerin. Vreden war vorerst der letzte Auftrittsort für die Familie. „Wir ziehen von hier ins Winterquartier“, sagt sie. In der Nähe von Wolfsburg hat die 14-köpfige Familie einen Standort für Lastwagen, Wohnanhänger und die Terrarien gefunden. Eigentlich war für das kommende Wochenende ein Auftritt in Bocholt geplant. Auch danach gab es schon gebuchte Termine.

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„Wir mussten alles absagen“, erklärt die 34-Jährige. Nicht einmal mehr die Kaution für den Platz in Bocholt habe die Familie aufbringen können. „Wir sind am Ende“, sagt sie und blickt ins Leere. Das Coronavirus hat die Familie hart getroffen. Viereinhalb Monate konnten sie das Zelt nirgends aufbauen. Danach blieben viele Besucher weg. Jetzt steigen die Infektionszahlen überall wieder rapide an.

Eintrittspreise an der Untergrenze der Kalkulation

Sie ist froh über jeden Besucher, der kommt. Kritik an den Eintrittspreisen überhört sie inzwischen stoisch. „Vor ein paar Jahren habe ich noch versucht, mit den Besuchern zu diskutieren“, sagt sie. Neun Euro für Erwachsene und acht Euro für Kinder sei an der absoluten Untergrenze. Schließlich muss der Betrieb ja finanziert werden. Die Kosten für die Tiere seien da noch der kleinste Betrag. „Platzmiete, Kaution, Strom, Wasser, Entsorgung“, zählt sie auf.

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Exotische Spinnen: Spider-World in Vreden

Die Schaustellerfamilie Frank ist am Wochenende mit der Spider-World zu Gast in Vreden. Für die Vredener ein Ausflug zwischen Grusel und Begeisterung. Für die Schaustellerfamilie der vorerst letzte Auftritt und ein Kampf mit dem Rücken zur Wand.
24.10.2020
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Exotische Spinnen und Insekten sorgen am Wochenende bei der Spider-World auf der Wiese an der Wüllener Straße für einige Schauer auf dem Rücken. © Stephan Rape
Der dreijährige Fynn Roths ist von den Tieren sichtlich gebannt. © Stephan Rape
Thomas Roth mit seinen beiden Söhnen Till (5) und Fynn (3). Für die Familie war schnell klar, dass sie die Spider-World besuchen müssen. Schließlich ist Fynn auch begeisterte Dino-Fan. © Stephan Rape
Stephanie Riesdesel (34) ist die Chefin des kleinen Familienunternehmens. Die Zukunft sieht im Moment düster für sie aus. Vreden war vorerst der letzte Auftritt der Spider-World. Jetzt geht es erstmal ins Winterquartier. Finanziell steht die Familie mit dem Rücken zur Wand.© Stephan Rape
Eva-Maria Roths mit einer Riesengespenstschrecke auf der Hand. Bei der Live-Vorführung konnte das Publikum den exotischen Tieren ganz nah kommen.© Stephan Rape
Ein blauer Waldskorpion. Ob er giftig ist? "Nicht schlimmer als ein Bienen- oder Wespenstich", sagt der 14-jährige Nandino Frank, der die Vorführung übernommen hat. © Stephan Rape
Erst bei der brasilanischen Riesenvogelspinne war das Publikum etwas zurückhaltender. © Stephan Rape
Nandino Frank (14) erklärt dem Vredener Publikum wo die Spinnen und Insekten leben und was sie fressen.© Stephan Rape
Rund 50 Terrarien reihen sich auf langen Tischen in dem kleinen Zirkuszelt aneinander. Laut eigener Aussage ist die Spider-World die größte mobile Spinnenausstellung in ganz Europa.© Stephan Rape
Obwohl sie eigentlich so gar keinen vertrag mit Spinnen hat, nimmt Eva-Maria Roths an diesem Samstagnachmittag sogar eine Vogelspinne auf die Hand. "War gar nicht so schlimm", sagt sie wenige Augenblicke später. Konfrontationstherapie.© Stephan Rape
Nandino Frank (14) mit der brasilianischen Riesenvogelspinne. Er ist mit den Tieren aufgewachsen und kann sich ein anderes Leben gar nicht vorstellen.© Stephan Rape

Wovon die Familie in Zukunft leben soll? Stephanie Riedesel zuckt mit den Schultern. Von Ämtern oder Jobcentern erwartet sie nur wenig Hilfe: „Dort sagt man uns, dass wir erst einmal Zelt und Wagen verkaufen, eine Wohnung und Arbeit suchen sollen, bevor es Unterstützung gibt“, erklärt sie. Doch ihr Leben sei das auf Reisen. „Das ist unsere Grundlage, unsere Existenz. Man kann uns doch nicht ein anderes Leben aufzwingen.“

Irgendwie muss die Show weitergehen

Zwei Jungen kommen aufgeregt an das Kassenhäuschen. Stephanie Riedesel fegt die düsteren Gedanken beiseite und setzt ihr freundlichstes Gesicht auf. „Schön, dass ihr da seid“, ruft sie den beiden Jungen zu, kassiert und legt weitere 16 Euro in die spärlich gefüllte Kasse.

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Die Jungen betreten das Zelt. „Ich hab so Schiss“, raunt der eine dem anderen noch lachend zu, bevor sich die Zeltplane hinter ihnen schließt. Die Show muss weitergehen.

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