Therapiepferd Kalle lässt Sorgen vergessen – Vredener Reitverein hat dafür umgebaut

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Markus hat das Down-Syndrom. Doch auf dem Rücken von Therapiepferd Kalle vergisst er all seine Sorgen. Damit das noch mehr Menschen erleben können, hat der Reitverein Vreden umgebaut.

Vreden

, 28.02.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vorsichtig streichelt Markus das goldfarbene Fell, täschelt den Hals des Pferdes und fährt mit den Fingern durch die weiche Mähne. Der Kontakt zu dem Hengst Kalle ist für den jungen Mann der Höhepunkt der Woche. Markus hat Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt.

Beherzt schwingt er ein Bein über den Rücken des Pferdes und setzt sich langsam hin. Ein perfekter Aufstieg, der so noch nicht lange möglich ist. Die Aufstiegshilfe hat der Reit- und Fahrverein Vreden gerade erst gebaut.

Markus kann über die neue Aufstiegshilfe problemlos auf das Pferd steigen.

Markus kann über die neue Aufstiegshilfe problemlos auf das Pferd steigen. © Victoria Garwer

Die Teilnehmer an den Therapie-Kursen können jetzt über eine barrierefreie Rampe zu einem Podest gelangen, ohne durch den Sand in der Reithalle laufen zu müssen. So können auch Menschen mit einer Gehbehinderung problemlos auf ein Pferd steigen.

Pferde müssen sich an neue Situation gewöhnen

Reittherapeutin Marlen Hubbeling führt das Therapiepferd Kalle von der Halle aus vor das Podest. Einmal, zweimal, dreimal. Zur Probe, bevor Markus auf den Pferderücken steigt. Denn auch Kalle muss sich an das neue Podest noch gewöhnen.

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„Pferde sind Fluchttiere. Alles, was von oben kommt, macht ihnen Angst. Deswegen müssen wir die Pferde langsam und vorsichtig auf die neue Situation vorbereiten“, erklärt Reittherapeutin Geesche Bals-Breuckmann.

Diesmal hat alles geklappt, Therapiepferd Kalle ist ruhig geblieben. Während Markus die ersten Runden durch die Halle dreht, erläutert der Geschäftsführer des Vereins, Jörg Lenhard, was sich in den letzten Wochen an der Reithalle in Doemern getan hat.

Reitverein bietet Therapiestunden mit Pferden an

Seit 1994 bietet der Verein Therapiestunden mit Pferden an, seit 2009 ist der Inklusionsgedanke auch in der Vereinssatzung verankert. „Das ist gar nicht so einfach, wie es klingt. Man braucht passende Pferde, passende Trainer und die Teilnehmer wollen möglichst schnell und einfach aufs Pferd kommen“, so Jörg Lenhard. Bislang aber gab es in der Reithalle viele Stufen, kein behindertengerechtes WC und keine barrierefreie Aufstiegshilfe.

Also stand ein Umbau an. Aus einem leeren Raum wurde eine große Toilette mit Wickeltisch, mit einer Rampe lassen sich die vielen Stufen umgehen und eine neue Bande macht die Halle für unerfahrene Reiter und Pferde sicherer.

Die Reithalle ist jetzt über eine barrierefreie Rampe erreichbar.

Die Reithalle ist jetzt über eine barrierefreie Rampe erreichbar. © Victoria Garwer

Die Maßnahmen haben 105.000 Euro gekostet. Rund 62.000 Euro kommen aus dem Fördertopf von Vital.NRW, 14.000 Euro hat die Stadt Vreden übernommen, die Sparkassenstiftung hat sich mit 4000 Euro beteiligt. Die restlichen 25.000 Euro hat der Verein aus eigenen Mitteln bezahlt.

Teilnehmer an Therapiestunden sind keine Vereinsmitglieder

Eine gute Investition, findet Jörg Lenhard. Finanziell hat der Verein davon aber wohl nicht viel. „Mit dem Therapeutischen Reiten wird man nicht reich“, sagt der Geschäftsführer. Die vier Reittherapeuten sind Vereinsmitglieder, die eine entsprechende Fortbildung gemacht haben und die Stunden ehrenamtlich leiten.

Die Teilnehmer hingegen sind keine Mitglieder. Es sind Gruppen vom Haus Früchting, vom Antoniusheim, von der Aktion Lebenshilfe, von Kindergärten oder Grundschulen.

Markus zeigt sein größtes Kunststück auf dem Pferd

An diesem Freitag darf eine Gruppe vom Haus Früchting Zeit mit dem Therapiepferd Kalle verbringen. „Das ist etwas ganz anderes als die Arbeit in der Werkstatt, eine gute Abwechslung“, findet Markus. Er hat sich inzwischen warm geritten und ist bereit zu zeigen, was er schon alles gelernt hat.

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Langsam beugt er den Oberkörper nach vorne, sodass er fast auf dem Pferd liegt. Dann streckt er ein Bein gerade nach hinten und einen Arm nach vorne. Währenddessen trabt Kalle gemütlich im Kreis. Markus hält die Spannung ein paar Minuten, richtet sich dann mit einem breiten Lächeln wieder auf, streckt den Rücken durch, reckt die Arme in die Luft und genießt den Applaus der Zuschauer.

Dann will er sein größtes Kunststück zeigen. „Ruhe bitte“, sagt er in Richtung Zuschauer. Er spricht leise, um Kalle nicht aufzuschrecken. Vorsicht platziert er seine Füße, sucht die richtige Stelle. Ganz langsam und mit Bedacht richtet er sich auf und steht schließlich stolz auf dem Pferderücken.

„Ruhe bitte“, weist Markus die Zuschauer an, während er versucht, auf dem Pferderücken aufzustehen.

„Ruhe bitte“, weist Markus die Zuschauer an, während er versucht, auf dem Pferderücken aufzustehen. © Victoria Garwer

Kalle bleibt die ganze Zeit ruhig. Keine Selbstverständlichkeit für ein Pferd. „Der ist dafür ausgebildet und kann auch mit vielen Menschen und Lärm gut umgehen“, sagt Reittherapeutin Geesche Bals-Breuckmann. Kalle gehört schon lange zum Verein, weitere Pferde aber sind ein Problem. „So ein fertig ausgebildetes Therpaiepferd ist sehr teuer, das können wir uns nicht leisten“, sagt Jörg Lenhard.

Deswegen bildet der Verein gerade selber ein Pferd aus und sammelt dafür Spenden. Und die nächsten Anträge auf finanzielle Unterstützung hat der Reitverein auch schon vorbereitet. Diesmal geht es um LED-Beleuchtung und eine neue, nachhaltigere Heizung.

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