Nach der Schließung neue Wege gehen. „Das Material zum Kuren liegt vor der Haustür!“, meint Karikaturist Heinz-Schwarze-Blanke. © Heinz-Schwarze-Blanke
Umfrage

Von „starkes Stück“ bis „Ende als Chance“: Krankenhausschließung bewegt

Die Nachricht vom nahenden Ende des Akut-Krankenhauses in Vreden überraschte als solche vielleicht nicht gänzlich, Vorgehensweise und Zeitpunkt allerdings schon. Das zeigt eine Umfrage.

Viele Emotionen, aber auch der Appell, dem Realismus ins Auge zu sehen, durchziehen die Statements zur nahenden Schließung des St.-Marien-Hospitals seitens Verwaltung und Politik. Bürgermeister Tom Tenostendarp bedaure auch „als Bürger der Stadt Vreden das Vorgehen der Geschäftsführung des Klinikums Westmünsterland sehr“.

Er zeichnete den Weg noch einmal nach: Am Montagabend sei er von der Geschäftsführung des Klinikums gebeten worden, eine interfraktionelle Runde einzuberufen. Diese habe dann am Mittwochabend stattgefunden, die bevorstehenden Veränderungen seien von der Geschäftsführung des Klinikums mitgeteilt worden.

Tom Tenostendarp
Bürgermeister Tom Tenostendarp © Stadt Vreden © Stadt Vreden

„Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, mir fehlten erst die Worte, ein starkes Stück“, berichtet der Bürgermeister auf Nachfrage. Er sehe es kritisch, dass künftig keine stationäre Akutversorgung für die Vredenerinnen und Vredener am Standort mehr durchgeführt werden soll. Er spüre eine „große Verunsicherung“. Schon bei den Entwicklungen zu den Themen Essen auf Rädern und Notarztversorgung habe man gemerkt, dass das Krankenhaus den Vredenern eine Herzensangelegenheit sei.

Bürgermeister; „Wir schauen allein von der Seitenlinie darauf“

Tom Tenostendarp betont, dass „weder unser Stadtrat noch die Stadtverwaltung oder ich als Bürgermeister Einfluss haben auf die Handlungen, Maßnahmen und Konsequenzen des Klinikums“: „Wir schauen allein von der Seitenlinie darauf.“ Man müsse darauf vertrauen, „dass diese Entscheidung von großer Tragweite die bestmögliche ärztliche Versorgung gewährleistet und die Arbeitsplätze aller Mitarbeitenden gesichert sind“: „Da ist es als Bürgermeister auch meine Pflicht, genau darauf zu schauen.“

Für Hendrik Mulder (FDP) setze sich im Grunde der „seit drei Jahren schleichende Tod“ fort: Auch bei den Themen Essen auf Rädern oder Notarzt habe man immer zu hören bekommen, das Krankenhaus bleibe als solches erhalten. „Es geht doch nur noch um Zahlen, die Menschen werden vergessen“, erklärt er.

Hendrik Mulder (FDP)
Hendrik Mulder (FDP) © Christiane Nitsche © Christiane Nitsche

Er gehe davon aus, dass diese Entscheidungen schon vor Monaten festgestanden habe: „Daran rütteln können werden wir nicht mehr, nur Druck aufbauen“, glaubt Mulder, dass „alles schon in Stein gemeißelt ist“. Das Klinikum hätte „viel früher mit offenen Karten spielen“ müssen.

Dass eine „nächste schlechte Nachricht“ zu erwarten sei, dass habe Reinhard Laurich (SPD) schon am Montag geahnt. Ob die Entscheidung letztlich gut oder schlecht sei, dafür fehle viel Hintergrundwissen.

Aber: „Die Art des Verfahrens ist nicht gut.“ Das Klinikum habe sich letztlich immer auf Bund und Land zurückgezogen. Es sei bei allen einschneidenden Entscheidungen zuletzt suggeriert worden, der Krankenhaustandort bleibe erhalten. So noch vor der Kommunalwahl vor einem Jahr.

Reinhard Laurich (SPD)
Reinhard Laurich (SPD) © Christiane Nitsche © Christiane Nitsche

Die Millioneninvestition als „Trostpflaster“ müsse man im Auge behalten: „Es wird ja noch etwas dauern.“ Viel Vertrauen sei verspielt worden und entsprechend müsse man kritisch verfolgen, ob die Maßnahmen so auch umgesetzt werden.

Ob letztere Maßnahmen auch die vorhergesagte Wirkung entfachten, das fragt sich auch Gertrud Welper (Bündnis 90/Die Grünen): „Gibt es für eine solche stationäre Reha überhaupt einen Markt?“ Für sie sei dies „kein Trost“. Die Argumentation, dass man 62 Millionen Euro Förderung in den Raum hole, sei ihr „ziemlich egal“.

Gertrud Welper (Bündnis 90/Die Grünen)
Gertrud Welper (Bündnis 90/Die Grünen) © privat © privat

Von den Entwicklungen sei sie enttäuscht: Bei den Diskussionen um den Notarztstandort habe man alles so dargestellt, dass Vreden gute Abteilungen habe. Wie viele Vredener habe sie eine enge emotionale Bindung zum Krankenhaus, was nun passiere, sei „entsetzlich“. „Für mich wurde das Krankenhaus in einer Salamitaktik aufgelöst“, betont Gertrud Welper.

Gewering: Verantwortung liegt nicht vor Ort

Von einem „traurigen Tag für Vreden“ spricht Heinz Gewering (CDU) mit Blick auf vergangenen Donnerstag. Diese Entscheidung reihe sich ein in die des Verlustes vieler Dienstleistungen für Vreden, zum Beispiel auch bei Banken, in der Justiz oder auch bei Krankenkassen.

Bei aller Emotion dürfe man aber auch „nicht die Augen vor der Realität verschließen“: „Kleine Häuser sind wirtschaftlich nicht mehr zu führen.“

Heinz Gewering (CDU)
Heinz Gewering (CDU) © Victoria Thünte © Victoria Thünte

Die Verantwortung liege letztlich nicht vor Ort. Positiv sei doch das Nachnutzungskonzept zu bewerten: Als Rehabilitationseinrichtung erhalte Vreden künftig „überregionale Bedeutung“. Das „Sterben des Krankenhauses“ habe nicht erst gestern begonnen: „Dass es Stadtlohn als noch funktionierendes Krankenhaus trifft, ist sicher überraschender.“

Das „Ende als Chance“ sieht grundsätzlich auch Elmar Kampshoff (UWG): „Natürlich ist die Frustration, die mir von der Bevölkerung rückgekoppelt wird, enorm. Verständlich, es trifft mich auch“.

Das Klinikum sei allerdings der falsche Adressat, eher seien es „Spahn, Laumann und die Krankenkassen“. Respektabel sei die verantwortungsvolle Entscheidung, zu investieren und den Standort in anderer Verwendung zu erhalten – und damit auch die Arbeitsplätze.

Elmar Kampshoff (UWG)
Elmar Kampshoff (UWG) © Victoria Garwer © Victoria Garwer

Im Gesundheitswesen gehe es heute letztlich um Qualität, Expertise, Exzellenz. Es sei auch Aufgabe eines Politikers, dies dem Bürger zu erklären: „Kliniken haben keine andere Wahl, zu einem Zusammenschluss wäre es früher oder später gekommen.“ Auch wenn das Herz blute – man müsse auch dem Verstand folgen.

Kirchengemeinde St. Georg sieht ihre Ziele umgesetzt

Für nachvollziehbar hält Tim Slaba, Vertreter im Aufsichtsrat des Klinikums Westmünsterland für die Katholische Kirchengemeinde St. Georg als Gesellschafterin, die Entwicklung. Die drei avisierten Ziele würden sämtlich erreicht: Alle Mitarbeiter vom Standort Vreden blieben an Bord.

Tim Slaba (Kirchengemeinde St. Georg)
Tim Slaba (Kirchengemeinde St. Georg) © privat © privat

Die neue stationäre orthopädische und rheumatologische Rehabilitationsklinik schließe eine Versorgungslücke im westlichen Münsterland und werde Vreden über die Grenzen der Stadt hinaus bekanntmachen. Und nicht zuletzt: „Mit der Erweiterung des Krankenhauses Ahaus und der Errichtung des telemedizinischen Zentrums in Stadtlohn sichern wir die wohnortnahe Versorgung unserer Bürgerinnen und Bürger“, erklärt Slaba.

Übrigens: Zur persönlichen Stellungnahme wird die Geschäftsführung des Klinikums zur nächstmöglichen politischen Sitzung am 28. Oktober eingeladen. Auch werde das Klinikum zeitnah eigene Informationsveranstaltungen für die Bürgerinnen und Bürger anbieten, teilt Bürgermeister Tom Tenostendarp mit.

Über den Autor
freier Mitarbeiter