Wie in einer Telenovela: Bizarrer Streit einer Vredener Familie

rnDrama vor Gericht

Die große Hochzeit mit 200 bis 300 Gästen aus aller Welt war geplant. Sie platzte aber, weil plötzlich die Braut verschwand. Erst der Anfang einer teils dramatischen Geschichte.

Vreden

, 24.09.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer nachmittags den Fernseher anstellt, muss mitunter tapfer sein. Dort werden vor allem im Privatfernsehen Sendungen ausgestrahlt, die verschiedenste Familiendramen präsentierten – häufig am Rande der Geschmacklosigkeit. Ein Prozess am Amtsgericht Ahaus zeigte nun aber, dass sich manche dieser Dramen tatsächlich auch im echten Leben abspielen.

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Angeklagt war ein 61-jähriger Vredener und sein 23-jähriger Schwiegersohn, der in Rheine lebt. Dem 61-Jährigen wurde von der Staatsanwaltschaft unter anderem vorgeworfen, seine Tochter, die mit dem anderen Angeklagten verheiratet ist, ins Gesicht geschlagen zu haben. Außerdem soll er ihr und einem Mann, mit dem diese Ende 2019 unterwegs gewesen war, mit dem Tode gedroht haben. „Ich mache dir den Kopf ab. Du spielst mit der Ehre eines Mannes“, hatte der Vredener offenbar gerufen.

Todesdrohung per Telefon

Sein Schwiegersohn habe, so steht es in der Anklageschrift, dem damaligen Begleiter seiner Frau ebenfalls fast zeitgleich gedroht – allerdings per Telefon: „Wenn ich dich finde, wirst du sowieso sterben.“ Bis dahin kein ungewöhnlicher Fall für ein Amtsgericht. Dann wurde es allerdings kompliziert und teilweise dramatisch.

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„Haben Sie Ihre Tochter geschlagen?“, wollte der Richter vom 61-Jährigen wissen. Das bestritt dieser zunächst vehement, räumte allerdings ein, sehr wütend gewesen zu sein. „Ich habe alles für meine Tochter getan, habe ihr eine Hochzeit ermöglicht – und dann das“, erklärte der Vredener und sorgte damit zunächst für Fragezeichen bei den meisten Beteiligten.

Ehefrau verschwindet nach standesamtlicher Hochzeit

Sein Schwiegersohn brachte bei seiner Aussage etwas Licht ins Dunkel. Er habe kurz Zeit vor diesem Vorfall die Tochter des 61-Jährigen standesamtlich geheiratet. Die große Feier sollte allerdings noch folgen. Aus der ganzen Welt, so erklärte es der 23-Jährige, habe man Freunde und Verwandte nach Rotterdam eingeladen. „200 bis 300 Leute sollten kommen. Ich habe dafür extra einen Kredit aufgenommen“, berichtete er dem Richter.

Zu großen Hochzeitsfeier kam es aber bis heute nicht. Als das Fest Ende November 2019 steigen sollte, befand sich die Ehefrau des Angeklagten bei einem anderen Mann. Freiwillig oder unfreiwillig – das stand auch am Ende der Verhandlung nicht fest. Für den Vater schien die Sache aber klar. „Er hat mich als Schlampe bezeichnet. Er meinte, ich lag erst unter dem einen und dann unter dem anderen Mann. So könne man keine Hochzeit feiern“, berichtete die Tochter des 61-Jährigen bei ihrer Vernehmung.

Sowohl ihr Mann als auch ihr Vater seien der Meinung, sie habe eine Affäre mit einem Vredener gehabt, bei dem sie sich zu diesem Zeitpunkt aufgehalten hatte. „Da war aber zunächst nichts“, erklärte die Zeugin und richtete wiederum schwere Anschuldigungen gegen ebenjenen Vredener: „Er und seine Kollegen haben mich mit Zwang mitgenommen. Sie haben die Hochzeit kaputt gemacht.“ Auch von Schlägen gegen sie selbst und heftigen Drohungen gegen ihren Ehemann berichtete die 22-Jährige.

Völliges Unverständnis bei Richter und Staatsanwältin

Richter und Staatsanwältin sahen keinen Anlass, der Zeugin zu misstrauen. Allerdings zeigten sie dennoch völliges Unverständnis für die 22-Jährige. Denn diese lebt mittlerweile mit exakt jenem Vredener in Hildesheim zusammen, der sie geschlagen, verschleppt, ihren Noch-Ehemann bedroht und an ihrer Hochzeit gehindert haben soll. „Ich wusste nicht, wo ich sonst hinsoll. Zu meiner Familie kann ich nicht zurück“, erklärte sie.

Der Richter fand daraufhin deutliche Worte: „Es gibt Tausende Orte in Deutschland. Ausgerechnet diesen hätte ich aber auf keinen Fall gewählt.“ Dem Vorsitzenden wurde es allgemein zu viel. Er schlug vor, die Beweisaufnahme zu schließen. Das Verfahren gegen den Leidtragenden der ganzen Geschichte, den 23-jährigen Rheinenser, wurde ohne Auflagen eingestellt. Der 61-Jährige Vredener muss hingegen 1200 Euro zahlen. Denn den – wenn auch nicht besonders heftigen – Schlag gegen seine Tochter gestand er am Ende ein.

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