Lokführer werden dringend gesucht. Auch als Quereinsteiger. Einer von ihnen ist Michael Stuck (55). Der einstige Ordensmann hat sich mit dem Jobwechsel einen Kindheitstraum erfüllt.

Werne, Lünen, Ascheberg, Capelle

, 23.08.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Er war im Kloster. Er war Feinmechaniker und Dreher. Er war Rettungssanitäter und selbstständiger Kundenbetreuer für Versicherungen und Finanzen. Michael Stuck (55) hat schon viele verschiedene Berufe ausgeübt. Doch erst vor zehn Jahren hat der gebürtige Münsteraner seinen Traumjob bei Keolis, dem Eurobahn-Betreiber, gefunden, wie er selbst erzählt.

2008 hat er eine Stellenanzeige zum Lokführer gelesen. „Da wusste ich: Das ist deine Chance. Und dann habe ich mich begeistern lassen“, erzählt Stuck.

Faszination Eisenbahn

Eigentlich war er aber immer schon von Eisenbahnen fasziniert. Als kleiner Junge ließ er seine Modelleisenbahn durch das Kinderzimmer sausen. Und als sein Vater ihn mit zum Bahnhof nahm und er die Züge - seinerzeit sogar Dampfloks - sah, bekam er ganz große Augen. Michael Stucks Onkel war sogar als Lokführer tätig. „Doch er hat immer gesagt, dass man bei der Bahn gelernt haben muss, um Lokführer zu werden“, erzählt Stuck.

Jahre später, als der Schienenverkehr längst privatisiert war, sitzt Michael Stuck wirklich im Führerstand. „Wenn ich hier sitze, dann bin ich glücklich. Ich habe mir meinen Kindheitstraum erfüllt“, sagt der 55-Jährige.

Als Quereinsteiger zum Lokführer: Michael Stuck (55) wechselt vom Kloster auf die Schiene

„Wenn ich im Führerstand bin, dann bin ich glücklich“, sagt Michael Stuck. © Andrea Wellerdiek

Elfmonatige Qualifizierung

Der Weg dorthin war kein leichter. Der Münsteraner musste wieder die Schulbank drücken. Für die Umschulung musste er viel pauken, auch Zuhause am Schreibtisch manche Stunden verbringen. Weil Michael Stuck eine technische Berufsausbildung absolviert hat, konnte er den Qualifizierungskurs auf sieben Monate verkürzen.

Heute sind die Quereinsteiger, darunter etwa auch ein Bäcker, in der Regel elf Monate in der Schulung zum Triebfahrzeugführer, wie der Lokführer heute bezeichnet wird. Noch etwa 120 Lokführer sucht das Unternehmen Keolis, das die Eurobahn betreibt. Vor allem für die Übernahme der S1- und S4-Strecken im Rhein-Ruhr-Netz wird laut Frauke Engel, Projektmanagerin bei Keolis, noch Personal gesucht.

Vielfältige Einsatzfahrzeuge

„Unsere Triebfahrzeugführer können auf vielen verschiedenen Triebwagen zum Einsatz kommen. Wir bedienen nicht nur die Eurobahnen, sondern mit dem Thalys auch den Fernverkehr sowie zukünftig auch die S-Bahn-Linien“, erklärt Engel.

Auch Michael Stuck fährt regelmäßig auf unterschiedlichen Linien - vor allem aber auf der RB50 zwischen Münster und Dortmund. „Von Münster nach Dortmund kenne ich mittlerweile jede Schwelle mit Namen“, sagt der 55-Jährige. „Ich liebe es, durch die Davert zu fahren.“

„Ich bin für den Zug verantwortlich. Das ist wahnsinnig toll.“
Michael Stuck, Lokführer

Für jede neue Strecke und jede neue Zugflotte müssen die Lokführer eine Prüfung ablegen. Und wer eine Strecke ein Jahr lang nicht mehr gefahren ist, muss seine Prüfung erneuern. Diese Vielseitigkeit reizt Michael Stuck. „Und ich mag diese Freiheit, die ich habe, wenn ich im Führerstand bin. Ich bin als Lok- und Zugführer der Chef des Zuges. Ich bin für den Zug verantwortlich. Das ist wahnsinnig toll“, sagt der Münsteraner.

An jedem Arbeitstag raus in die Natur zu fahren, auch das macht die Faszination Bahnfahren für Michael Stuck aus. „Und mich erfüllt es mit Stolz, wenn ich so viele Menschen von A nach B bringen kann, wenn sie mir ihr Ziel in meine Hände legen. Das lässt einen ehrfürchtig werden.“ Und es sind eine Menge Fahrgäste. 532 Sitzplätze sind in den fünfteiligen Flirt3-Fahrzeugen auf der RB50-Linie vorhanden. In einer durchschnittlichen Woche fahren laut Projektmanagerin Frauke Engel 41.000 Fahrgäste mit der RB50.

Als Quereinsteiger zum Lokführer: Michael Stuck (55) wechselt vom Kloster auf die Schiene

Michael Stuck versucht, die Kunden durch Ansagen zu informieren. Das gibt er auch an seine Kollegen weiter, die er als Ausbildungslokführer betreut. © Andrea Wellerdiek

„Polizeiliche Anordnung als Ausrede“

Emotional wird er auch, wenn es öffentliche Kritik an der Eurobahn gibt. „Einige Kunden wissen gar nicht, was dahintersteckt, wenn die Eurobahn unpünktlich ist“, sagt Stuck. Er erinnert sich etwa an eine Bombendrohung am Bahnhof Capelle. Als der Zug geräumt wurde, habe eine Kundin gesagt: „Das heißt also polizeiliche Anordnung. Ich dachte, das wäre eine Ausrede der Bahn.“

Solche Aussagen sorgen für Kopfschütteln bei Michael Stuck. „Manchmal ist es nicht einfach, seine Emotionen zu bändigen“, gibt der Lokführer zu. Vor allem nicht dann, wenn er den Frust der Kunden abbekommt, obwohl ihm selbst die Hände gebunden sind.

Information ist wichtig

„Wenn wir ständig an der Seite stehen, um den Fernverkehr Vorrang zu lassen, dann ärgert mich das ganz schön. Vor allem sind heute 80 Prozent der Fahrgäste im Nahverkehr unterwegs. Es ist für Pendler doch viel schlimmer, wenn sie zu spät zur Arbeit kommen“, sagt der 55-Jährige.

Michael Stuck hofft, dass er vor allem durch Transparenz den Ärger minimieren kann. Deshalb nutzt der Münsteraner, der mittlerweile auch als Ausbildungslokführer tätig ist, häufig das Mikrofon im Führerstand. „Unter betrieblicher Störung können sich die Kunden nicht viel vorstellen. Wenn ich aber bei einer Verzögerung durch vorausgehende Züge sage: ‚Wir stehen im Stau‘ - dann kann man das hoffentlich besser nachvollziehen.“

Situationen, die man nie vergisst

Und manchmal sind außergewöhnliche Umstände für eine Verspätung verantwortlich. Etwa bei Personenunfällen (in der Regel sind das Selbstmorde). „Das geht an die Nieren. Es sind die schlimmsten Situationen, weil man dann selbst nicht handeln kann“, erzählt Michael Stuck.

Drei Mal in einem Berufsleben erleben Lokführer statistisch gesehen einen Personenunfall. Bei Michael Stuck passiert es im August 2015. Plötzlich gab es einen Knall am Bahnhof in Werne. Stuck macht eine Notbremsung, bringt das Fahrzeug nach 700 bis 1000 Metern zum Stehen. Später sieht er den Mann an den Gleisen liegen.

„Wenn man vorne sitzen bleibt, wäre das furchtbar. “
Michael Stuck, Lokführer

Michael Stuck, der im Rettungsdienst tätig war, kann nichts mehr machen. In dieser Situation, die er in der Ausbildung theoretisch durchgespielt hat, funktioniert er irgendwie. Erst gibt er einen Nothaltauftrag heraus, dann informiert er den Fahrdienstleiter. „Und dann wartet man auf die Dinge, die dann passieren.“ Der Rettungsdienst und die Polizei kommen zum Einsatzort.

„Ich bin dann durch den Zug gegangen. Man muss was tun. Wenn man vorne sitzen bleibt, wäre das furchtbar. Es ist gut, wenn man sich um die Menschen kümmern kann, um sich selbst abzulenken“, sagt Stuck. Erst wenn der Zug evakuiert und man allein ist, beginne man selbst mit der Verarbeitung des Suizids.

Psychologische Hilfe

Für jeden Betroffenen dauert das unterschiedlich lange. Mit Hilfe eines Psychologen wird der Lokführer auf die Rückkehr vorbereitet. Nicht allen Kollegen ist das in der Vergangenheit gelungen. Michael Stuck schafft es.

Nur vier Monate nach dem Personenunfall in Werne erlebt er aber seine bislang schlimmste Situation. „Zwei Kinder haben auf der Bahnstrecke zwischen Preußen und Lünen Steine auf die Gleise gelegt. Ich habe sofort gebremst und gehupt. Sie gingen nicht weg. Erst in letzter Sekunde sind sie weggesprungen“, erzählt Michael Stuck.

Unvorhersehbare Ereignisse

An jedem Arbeitstag muss er mit unvorhersehbaren Ereignissen rechnen. Einen Ausgleich findet er beim Meditieren, bei Reisen mit seiner Frau oder wenn er mit seinem Patenkind Zeit verbringt. Natürlich ist der Junge auch mit dem Eisenbahn-Gen infiziert. „Ich spiele jetzt große Eisenbahn“, sagt Michael Stuck und lächelt.

Dass er mit 45 Jahren seinen Traumjob gefunden hat, macht ihn dankbar. Das Pauken für die theoretische Prüfung hat sich gelohnt. Etwa 30 bis 40 Prozent fallen laut Frauke Engel durch. Auch die praktische Prüfung hat es in sich. „Vor allem bei den Rangierarbeiten bin ich ganz schön ins Schwitzen gekommen“, erzählt Stuck.

Schritt nicht bereut

Die Umschulung bereut er keineswegs. Im Gegenteil. Heute kann sich der 55-Jährige, der einige Jahre als Ordensmann tätig war, keinen anderen Beruf vorstellen. Bei Keolis hat er sich seinen Kindheitstraum erfüllt. Als Quereinsteiger.

Keolis, der Eurobahn-Betreiber, sucht weitere Lokführer. Nähere Informationen gibt es im Internet.
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