Manfred Kindler kämpft gegen Kinderarbeit und Armut – und macht sich damit nicht nur Freunde

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Entwicklungshelfer Manfred Kindler pendelt zwischen den Welten. Zwischen Armut und Reichtum, zwischen Korruption und Sicherheit. Gern gesehen ist er nicht überall. Manchmal wird er auch vom Geheimdienst begleitet.

Werne

, 21.01.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Entspannt unter den Palmen auf den Malediven liegen, eine atemberaubende Safari in Afrika erleben oder sich auf die spannende Suche nach den Spuren der Inkas in Südamerika begeben - das, was man auf Urlaubsportalen im Internet oder in den Prospekten der Reiseunternehmen so über die fremden, faszinierenden Kulturen und Kontinente liest, hört sich oft geradezu paradiesisch an. So, als gäbe es nichts Schöneres, als dort zu leben. Und ein Großteil der Touristen sieht sich nach dem Urlaub in dieser Erwartung auch bestätigt: Ach, was für ein himmlischer Ort das doch war.

Doch ganz so paradiesisch wie es den Anschein hat, ist es oftmals gar nicht. Die schönen Bilder, die gibt es zwar - aber sie haben auch eine Schattenseite. „Hinter den Kulissen gibt es viel Elend, Not und Korruption. Das bekommt man als normaler Tourist überhaupt nicht mit“, sagt der Werner Manfred Kindler, während er in einem seiner Aktenordner blättert.

An der Entwicklungshilfe ist nichts Romantisches

In Kindlers Wohnung stehen viele Geschenke und Mitbringsel aus den 107 Ländern, die der 67-Jährige schon bereist hat. Figuren, Schatullen und feine Schnitzereien sind in den Regalen und Schränken zu sehen. Aber Kindler ist kein Souvenirjäger, er ist auch kein abenteuerlustiger Weltenbummler.

Der Werner ist Entwicklungshelfer. Doch mit dem klassischen Bild des Europäers, der nach Afrika reist, um dort Brunnen zu bohren und Krankenhäuser zu bauen, hat Kindler nicht viel am Hut. Genau genommen gar nichts.

„Ich muss den Leute oft erst einmal die Romantik der Entwicklungshilfe ausreden.“
Manfred Kindler

„Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, dann muss ich den Leuten oft erst einmal die Romantik der Entwicklungshilfe ausreden“, sagt Kindler mit einem leichten Schmunzeln. In den Häusern, die er baut, ist kein Platz für Patientenbetten. Sie bestehen auch nicht aus Backstein oder Beton.

Es sind vielmehr abstrakte Gebilde, deren Bauteile Bezeichnungen wie „Qualitätsdokumentation“, „Zertifizierung“ und „Akkreditierung“ tragen. „Es geht darum, Kontrollstrukturen aufzubauen, die ein Land benötigt, um international kostengünstig und selbstbewusst Handel betreiben zu können“, erklärt Kindler.

Manfred Kindler kämpft gegen Kinderarbeit und Armut – und macht sich damit nicht nur Freunde

Die Schattenseiten des Urlaubsdomizils: Von den Slums in den Entwicklungsländern bekommen Touristen oft gar nichts mit - Manfred Kindler schon. © Manfred Kindler

Dann fällt sein Blick auf das Foto, auf dem kleine Kinder in einer Fabrik Teppiche herstellen: „An diesen Teppichen arbeiten Dutzende Kinder monatelang - und dann wird das fertige Produkt für Peanuts an einen Großhändler verkauft, der später den zehnfachen Gewinn damit macht. Genau solche Szenarien wollen wir verhindern. Diese Ausbeutung - und natürlich auch die Kinderarbeit.“

Und wie soll das funktionieren? Um mal auf dem Teppich zu bleiben, lässt sich das Modell stark vereinfacht in etwa so erklären: Da wäre zum einen der interne Inspektor mit der Lupe, der penibel auf die Qualität der Ware achtet. Passt das soweit, kommt die Prüfstelle ins Spiel, die dem handgeknüpften Bodenbelag das entsprechende Gütesiegel verpasst - so etwas wie der TÜV also.

Und damit er gar nicht erst in Versuchung gerät, sich von irgendwelchen fiesen Gestalten schmieren zu lassen, schauen dem Prüfer bei seiner Arbeit sicherheitshalber die netten Damen und Herren von der Akkreditierungsstelle über die Schulter.

Kein Kampf gegen Kleinkriminelle

„Durch solche mehrstufigen Kontrollsysteme schaffen wir Transparenz. Und durch die international anerkannten Zertifikate öffnen wir den Ländern das Tor zum Weltmarkt“, sagt Kindler.

Doch wenn das alles so leicht wäre, wie bei dem hübschen Perserteppich, dann würde der Werner wohl kaum schon seit nunmehr 25 Jahren in der Entwicklungshilfe tätig sein. Er hätte wahrscheinlich nicht erst 107, sondern alle 194 Länder der Erde bereist - und nirgendwo würden mehr Kinder in Fabriken Teppiche knüpfen oder Schuhe zusammenbasteln.

Manfred Kindler kämpft gegen Kinderarbeit und Armut – und macht sich damit nicht nur Freunde

Auf der Sonnenseite: In Kenia stand Manfred Kindler mitten am Äquator. © Manfred Kindler

„Leider ist das nicht so einfach. Es gibt ja in jedem Land andere Gesetze. In jedem Land sind die Politik und Mentalität anders. Aber fast überall gibt es Korruption. Und das sind keine Kleinkriminellen sondern hochrangige Personen in Ministerien, aber auch schlechtbezahlte Polizisten, die nur durch Annahme von Schmiergeldern ihre Familie ernähren können. Deswegen bin ich auf manchen Ebenen auch nicht gerne gesehen“, sagt Kindler.

Das sei sogar so weit gegangen, dass er von Geheimdiensten heimlich begleitet worden sei, weil man ihm nicht getraut habe: „Allerdings habe ich mich dann immerhin sicher gefühlt.“

Aber wozu der ganze Stress, wenn es doch ganze Staatengemeinschaften gibt, die so viel Geld in die Entwicklungshilfe stecken, um arme Länder wirtschaftlich zu stärken - zum Beispiel die EU?

Für deren Wirken hat der Werner ein paar klare Worte parat: „Schauen Sie sich die Steuerpolitik der EU doch mal an. Sie hat die Entwicklungsländer sogar ärmer gemacht, weil sie die großen Industrien und internationalen Konzerne begünstigt. Die verdienen in diesen Ländern ihr Geld, erwirtschaften dort Umsatz, zahlen dort aber keine Steuern. Das Geld, was da verdient wird, fließt also aus dem Land raus.“

Manfred Kindler kämpft gegen Kinderarbeit und Armut – und macht sich damit nicht nur Freunde

Menschenmassen versuchen in Kenia, auf ein Schiff zu gelangen. © Manfred Kindler

Kindler leistet seine Arbeit in diesen Ländern nicht als Einzelkämpfer. Das wäre utopisch. Und es ist auch nicht so, dass er sich von heute auf morgen dazu entschließt, mal eben loszufliegen, um irgendwo die Welt zu verbessern. Er bekommt auch nicht plötzlich einen Anruf von einem der teppichknöpfenden Kinder.

„Ich komme über die Ministerien auf Druck der Geldgeber in diese Länder. Und ich mache das auch nicht ehrenamtlich. Dazu ist die Arbeit viel zu umfangreich und zeitaufwändig. Es gab Jahre, da war ich zehn Monate lang auf Ländertour“, sagt der 67-Jährige.

Teams aus Idealisten und Patrioten

Inzwischen laufe vieles über Videokonferenzen und Messenger-Dienste. Wo auch immer er sein Entwicklungsmodell an den Start gebracht hat, hat er allerdings Teams aus engagierten einheimischen Mitarbeitern, häufig „starken Frauen“, aufgebaut: „Das sind echte Idealisten und Patrioten, die für ihr Land richtig etwas aufbauen wollen. Es macht unglaublich viel Spaß, mit solchen Menschen zu arbeiten.“

Wenn Kindler im Ausland ist, dann trifft man ihn oft in Seminarräumen, bei Workshops und auf Konferenzen. Man sieht ihn aber auch in den Slums. An den Orten, an denen es nicht so gemütlich ist. Das gehöre schließlich dazu. Vor allem, wenn er in einem neuen Land startet.

„Man muss das alles kennenlernen: Die Sprache, die Mentalitäten, die Geschichte des Landes, die Lebensumstände der Menschen und die Art, wie sie ihr Leben unter diesen Bedingungen meistern. Das ist bewundernswert. Und man muss ihnen respektvoll auf Augenhöhe begegnen“, erzählt Kindler.

Manfred Kindler kämpft gegen Kinderarbeit und Armut – und macht sich damit nicht nur Freunde

Manfred Kindler baut keine Schulen. Die „Häuser", die er und seine Teams errichten, sind wesentlich abstrakter. © Felix Püschner

Nur so lassen sich die Bausteine des Entwicklungskonzepts richtig auf das Land abstimmen. Er könne ja nicht einfach so mit einem westlichen Modell dort auflaufen und es über das Land drüberstülpen. Andere Entwicklungshelfer täten das. Aber so funktioniere es nun mal nicht - zumindest nicht dauerhaft.

Und wie lange dauert es, bis so ein Projekt Früchte trägt? Da können drei Jahre vergehen oder auch zehn, sagt der Werner. Es gebe zudem immer mal wieder Rückschläge, weil die politische Korruption dann plötzlich doch wieder die Oberhand gewinnt und vieles zerstört, was er und sein Team vorher mühsam aufgebaut haben.

Kindlers Lieblingsland braucht keine Wirtschaft

Wenn man Kindler aber nach dem Land fragt, das ihn am meisten beeindruckt hat, dann bekommt man eine verblüffende Antwort. Es müsste doch eigentlich das sein, das wie der Phoenix aus der Asche gestiegen ist. Das Land, das es vom Armutsstaat zum Big Player geschafft hat. Aber es ist ganz anders.

Manfred Kindler kämpft gegen Kinderarbeit und Armut – und macht sich damit nicht nur Freunde

Kindler gibt vor Ort Seminare in den Entwicklungsländern. © Manfred Kindler

„Bhutan war für mich auf jeden Fall das interessanteste Land. Dorthin wurde ich mal zu Gesprächen eingeladen. Da regiert ein König, der anstelle des Wirtschaftsindexes einen Happiness-Index eingeführt hat. Er hat also das Ziel, seine Bevölkerung glücklich zu machen – durch Bildung und Gesundheit, aber nicht unbedingt durch Geld“, sagt Kindler. Das buddhistische Land sei eines der ärmsten der Welt. Aber die Menschen seien glücklich. Ohne eine modern funktionierende Wirtschaft. Ohne Entwicklungshilfe. Klingt fast schon paradiesisch - wie in einem Reiseprospekt.

Manfred Kindler kämpft gegen Kinderarbeit und Armut – und macht sich damit nicht nur Freunde

Nicht jedes beliebte Reiseland ist ein Paradies. Hier: Kairo © Manfred Kindler

Vorträge und Geschichten
  • Bei der VHS hält Kindler in diesem Semester fünf Vorträge unter dem Titel „Faszinierende Fremde: Entwicklungshilfe in Ostafrika, Lateinamerika, Karibik und Asien. Ein Blick hinter die Kulissen, der den Touristen verwehrt bleibt“. Infos dazu gibt es im aktuellen Kursheft der VHS (www.vhs-werne.de)
  • Einige Kurzgeschichten aus seinen Reisetagebüchern veröffentlicht Kindler im Ventura Verlag. (www.ventura-verlag.de)
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