Auf dem Jakobsweg in Werne: Einmal als Pilger im Kapuzinerkloster schlafen

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Wer sich als Pilger auf dem Jakobsweg ins Kapuzinerkloster in Werne begibt, kann nicht nur in geschichtsträchtigen Räumen schlafen, sondern auch einen Einblick in den Alltag der Brüder bekommen.

Werne

, 15.07.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Stille, einfach nur Stille. Ruhige Zeit zum Nachdenken oder das intensive (Er-)leben des Glaubens – es gibt viele Gründe, um ins Kloster zu gehen.

Für eine Nacht können das auch Pilger, die auf ihrer Reise auf dem Jakobsweg sind, erleben. Denn im mehr als 500 Jahre alten Kapuzinerkloster Werne können sie in Räumen schlafen, die eine besondere Geschichte haben.

Schlafen im ehemaligen Pesthäuschen am Kloster

Im ehemaligen Pesthäuschen, in dem die Kapuziner im 17. und 18. Jahrhundert Kranke gepflegt haben, finden heute regelmäßig Pilger ihre Ruhe. Vor allem in der Hauptsaison, von April bis Oktober, beziehen einige Männer und Frauen auf der Durchreise auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela ein Zimmer.

Mehr als 1000 Besucher übernachteten schon in einem der fünf Betten. Manche Gruppen breiten aber auch einfach ihre Isomatte auf dem Boden aus. „Wenn es ein echter Pilger ist, dann geht man aber alleine. Da sind Lebensentscheidungen zu treffen“, sagt Pater Wolfgang Drews.

„Gastfreundschaft ist einfach toll“

Auch im Juni 2018 war ein Pilger im Pesthäuschen zu Gast. Andreas Tielitz hat am Abend hier seine Wanderschuhe ausgezogen und das einzige Einzelzimmer bezogen. „Die Gastfreundschaft hier ist toll. Die Leistung von den Zimmern und den sanitären Einrichtungen ist besser als in den meisten Herbergen und positiver als in den meisten Hotels“, sagt der Mann aus Bremerhaven, der auch schon in Spanien Teile des Jakobsweges gegangen ist.

In Deutschland hat er bereits den Weg von Usedom über Rostock, Wismar, Osnabrück nach Münster abgehakt. „Und da habe ich vor vier Jahren aufgehört. In Ascheberg bin ich gestern wieder gestartet“, erzählt der 61-Jährige. Nun schläft er eine Nacht in Werne, ehe es für ihn innerhalb von drei Wochen über Dortmund, Köln, Trier bis nach Schengen in Luxemburg geht.

Alter und neuer Weckruf am Kapuzinerkloster in Werne

Am Morgen geht um 6.30 Uhr der Wecker des Smartphones. Er möchte sich nicht verspäten, weil er um Punkt 7 Uhr in der Kirche sein möchte. Früher ist ein Bruder noch mit zwei kleinen Holzblöcken durch die Flure des Klosters gegangen, um alle zu wecken: „Aufwachen, Brüder. Zeit zum Gebet!“

Auch ohne technische Hilfe hätte Tielitz nicht verschlafen. Um 7.45 Uhr donnern die Glocken der Kirche in die morgendliche Ruhe. Selbst die Nachbarn rund ums Kloster sind spätestens jetzt wach. Einige von ihnen finden den Weg auch zur heutigen Eucharistiefeier, die Pater Romuald, der Guardian (Hausoberer) des Klosters, leitet. Andreas Tielitz nimmt auf der Kirchenbank zwischen den Werner Bürgern Platz.

Eine Nacht im Kapuzinerkloster in Werne: Pater Gisbert Schütte (l.) und Guardian Romuald Hülsken (r.) nahmen Pilger Andreas Tielitz für eine Nacht im Kloster auf. Am Früchstückstisch tauschten sich die Männer im Juni 2018 rege aus.

Eine Nacht im Kapuzinerkloster in Werne: Pater Gisbert Schütte (l.) und Guardian Romuald Hülsken (r.) nahmen Pilger Andreas Tielitz für eine Nacht im Kloster auf. Am Früchstückstisch tauschten sich die Männer im Juni 2018 rege aus. © Andrea Wellerdiek (A)

„Am siebten Tage sollst du ruhen“ – besagt das Gebot, das im Zentrum des Gottesdienstes am Sonntag steht. Um einen Ausgleich zu seinem intensiven Arbeitsalltag zu finden, geht Andreas Tielitz auf Reise. Wenn er pilgert, dann geht er auch immer in die Kirche. „Dann finde ich Ruhe und den Weg zu Gott wieder“, sagt der 61-Jährige. Als er die Kirche nach dem 45-minütigen Gebet verlässt, wirkt er besonnen.

Ein paar Minuten später ist er mit den Gedanken doch wieder bei der Arbeit, als er mit den Padres am Frühstückstisch im Refektorium sitzt. Andreas Tielitz, der als Bestatter jeden Tag mit dem Tod zu tun hat, tauscht sich rege mit den Brüdern aus. Auch sie haben in ihrer Arbeit als Seelsorger oder als Redner bei Beerdigungen mit dem Thema Sterben zu tun.

Gespräche mit den Padres

Die Kapuziner mögen diese Gespräche, die sie mit den Pilgern, die sie für eine Nacht zu Gast haben, führen. In Erinnerung bleibt etwa der Austausch mit den drei Schwestern aus Kasachstan. „Die hatten sehr beeindruckende Dinge zu erzählen“, sagt Pater Wolfgang Drews. Viele Fragen haben die drei der insgesamt vier Padres, die im Kloster leben, an Andreas Tielitz.

Es geht etwa um Bestattungen, die heute in immer mehr Formen möglich sind. „Ich finde es schlimm, wenn die Menschen keinen Ort der Trauer mehr haben – zum Beispiel bei Seebestattungen. Ich kann mir persönlich nicht vorstellen, an einen Strand an der Ost- oder Nordsee zu gehen und an meinen verstorbenen Verwandten zu denken“, sagt Tielitz. Er versucht in seinen Gesprächen für Beerdigungen immer, Werte zu vermitteln, erklärt er. Damit rennt er bei den Kapuzinern offene Türen ein.

Sich bewusst Zeit nehmen

Guardian Romuald berichtet von Terminwünschen und Nachfragen für Bestattungen am Samstag, damit möglichst wenige Angehörige Urlaub nehmen müssen. Kopfschütteln bei allen. Sich bewusst Zeit nehmen für wichtige Dinge im Leben – das ist auch das Ziel von Andreas Tielitz auf seiner Pilgerreise.

Nach dem Frühstück mit üppigem Angebot und tiefgründigen Gesprächen geht Tielitz, nachdem er mit Pater Gisbert Schütte den Tisch abgeräumt hat, zurück in sein Zimmer im Pesthäuschen.

Der Pilger trägt seinen emotionalen Ballast mit

Er packt seinen Rucksack, der etwa 16,5 Kilogramm wiegt. Weil er nie weiß, ob er einen Schlafplatz findet, hat er auch einen Schlafsack und eine Isomatte mit. Immer mit dabei: emotionaler Ballast.

„Wir haben alle im Leben unser Päckchen zu tragen und hier und da Geschehnisse, mit denen wir vielleicht nicht so gut klar kommen. Auch ich habe jeden Tag mit starken Emotionen zu tun. Leider bleibt auch etwas hängen an emotionaler Belastung. Und ich hoffe, dass ich die auf dem Weg loswerden kann. Gerade im Alter ist die Spannkraft nicht mehr so stark und da müssen wir sehen, dass wir fremde Lasten loswerden.“

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Für heute hat der Bremerhavener einen konkreten Plan. „Ich gehe es etwas ruhiger an.“ Von Werne führt sein Weg zum Cappenberger See. Wenn er dort so interessante Gespräche führen wird, wie hier, dann wäre das schon eine tolle Sache, meint er.

Im Kapuzinerkloster habe ihn überrascht, dass seine Vorstellung von dem Leben der Brüder eine ganz andere war. „Man hatte immer das Bild vor Augen, dass sie auch ihren Garten selbst pflegen und die Hausarbeit aufteilen. Aber hier bekommen sie ja wirklich viel Hilfe“, sagt er. Eine Nacht im Kapuzinerkloster zeigt, wie ihr Alltag wirklich aussieht.

Jetzt lesen

  • Das gemeinsam Frühstück mit den Padres fällt in der Corona-Krise aus. Die Pilger müssen sich selbst versorgen.
  • Wer einmal im ehemaligen Pesthäuschen am Kapuzinerkloster in Werne übernachten möchte, meldet sich einfach vorab bei den Padres im Kapuzinerkloster an - entweder unter Tel. (02389) 98 966-0 oder per E-Mail an werne@kapuziner.org
  • Eine Stempelstelle befindet sich im Vorraum vor der Pforte des Kapuzinerklosters. Sie ist von 7 bis 20 Uhr zugänglich.
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