Aufnahmestopp bei allen Tafeln im Kreis Unna

Belastungsgrenze erreicht

Der Tafel-Verein des Kreis Unna hat angesichts der anhaltend steigenden Zahl von Flüchtlingen die Reißleine gezogen: "Wir werden bis auf weiteres keine neuen Tafelkunden mehr aufnehmen", sagt Ulrike Trümper vom Tafel-Verein. Die Zahl der Kunden ist in NRW teils bis zu 40 Prozent gestiegen.

Kreis Unna

, 07.10.2015, 14:12 Uhr / Lesedauer: 3 min

"Wir sind alle am Limit", sagt Wolfgang Weilerswist, Vorsitzender des Landesverbands der Tafeln in NRW. Plötzlich seien bis zu 40 Prozent mehr Menschen zu versorgen. Die meisten dieser "Neukunden", wie er sie nennt, seien Flüchtlinge.

Die Zahl der überschüssigen Lebensmittel, die Geschäftsleute  den Tafel-Vereinen zur Verfügung stellten, sei nicht im selben Maße gewachsen. Die Folge: lange Wartelisten für die Tafelnutzung oder - wie jetzt im Kreis Unna  - ein Aufnahmestopp. Zwei, drei andere Tafel-Vereine in NRW hätten sich ebenfalls schon zu diesem Schritt durchringen müssen.

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Die etwa 4000 Menschen, die zurzeit an den neun Ausgabestellen der Tafel im Kreis Unna günstige Lebensmittel beziehen, würden weiter versorgt, macht Ulrike Trümper (60), Gründerin und Vorsitzende des Tafel-Vereins Unna, klar. Bedürftige, die jetzt erst kommen  - egal aus welchem Grund und mit welcher Nationalität - hätten aber leider das Nachsehen.

Ein Entschluss, der Trümper und ihren 120 ehrenamtlichen Mitarbeitern sehr schwer gefallen ist: "Wir wollen schließlich Menschen in Armut helfen, unabhängig davon, woher sie kommen." Aber sie seien inzwischen am Ende ihrer Kraft: "Die Lebensmittel reichen nicht, das Personal für die Versorgungslogistik reicht nicht, unsere technischen Möglichkeiten reichen nicht."

Ohne Helfer bricht das System zusammen

Zum Aufnahmestopp sieht sie keine Alternative - auch aus Verantwortung für die Helfer. "Die meisten sind zwischen 66 und 80 Jahre alt." Sie hätten im zu eng gewordenen Lager in Königsborn und in den überfüllten Ausgabestellen kaum noch Gelegenheit, sich hinzusetzen und einmal durchzuatmen. "Es wird nicht mehr gelacht bei dem ganzen  Stress". Ein Alarmsignal, wie Trümper meint: Denn wenn die fleißigen Helfer, die mit ihr seit 2004 das Tafel-Netzwerk aufgebaut haben, nicht mehr kämen, falle auch für die Stammkunden das Angebot der Lebensmittel weg.

Auch in den anderen Tafel-Vereinen des Landes engagieren sich vor allem Senioren, wie Wolfgang Weilerswist, der selbst in der Eifel lebt, bestätigt. Nicht nur die körperliche Arbeit - das Schleppen der Gemüsekisten und das Einräumen der Waren - falle schwer. "Viele sprechen auch kein Englisch", ergänzt Trümper. Und das sei oft die einzige Möglichkeit, sich mit den Flüchtlingen verständigen - wenn überhaupt.

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Vor dem Aufnahmestopp von Mittwochmorgen hatten die Tafelaufnahmestellen die Zugänge gedrosselt. "Wir haben zuletzt nur noch fünf Neukunden während jeder Ausgabe aufgenommen", so Trümper. Oft hätten aber mehr als 15 vor der Tür gestanden. "Wenn sie dann in die großen traurigen Augen eines Kindes gucken müssen, tut das schon weh", sagt sie.

Genauso wie die Beschimpfungen von deutschen Tafelkunden, die sich beschwerten, dass sie plötzlich weniger Lebensmittel bekämen. "Klar, wird versucht, die einzelnen Gruppen gegeneinander auszuspielen", bestätigt Weilerswist.  Böse Beschimpfungen aus dem rechten politischen Spektrum gehörten für ihn zur Tagesordnung. "Aber das ist unser Grundsatz, dass wir nicht zwischen Menschen und Menschengruppen unterscheiden, die zu uns kommen."

Tafel-Vereine hoffen auf Zuschüsse

Auch die anderen Landesverbände der Tafel ächzen unter den aktuellen Herausforderungen. "Wir hoffen da auf Hilfe des Bundes", sagt der NRW-Tafelchef Weilerswist. Ulrike Trümper schließt sich da an: "Man muss uns entgegenkommen", sagt sie. "Mit mehr Helfern und geeigneten Räumen können wir weiterarbeiten."  Die Bereitschaft öffentlicher Stellen zur Hilfe vermisse sie zurzeit aber. Im Gegenteil: Sie beobachte, dass sich die Städte nur zu gerne darauf verlassen hätten, dass die Ehrenamtler es schon machten.

Auch Kordula Mertens, Leiterin des Werner Ordnungsamtes und zuständig für die Versorgung der zurzeit mehr als 350 Flüchtlinge in der Lippestadt, hat gerne auf das Angebot der Tafel verwiesen. Dass diese nun nicht mehr weitere Flüchtlinge aufnehme, stelle die Stadt aber nicht vor einen Versorgungsengpass. "Die Flüchtlinge in Werne bekommen annähernd so viel Geld wie Hartz-IV-Empfänger", sagt sie. "Darin sind Lebensmittel eingerechnet." 

Nach Bekanntwerden des Aufnahmestopps auch in Werne, wo die Tafel jeden Mittwoch öffnet, werde sie aber jetzt das Gespräch mit Dieter Schimmel suchen, der die Tafel-Gruppe Werne leitet.

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