Bahn kann „Beinahe-Zusammenstoß“ zweier Züge in Werne erklären

Fragen und Antworten

Der „Beinahe-Zusammenstoß“ zwischen zwei Zügen am Sonntag im Bahnhof Werne war anscheinend keiner. Warum man als Außenstehender trotzdem den Eindruck haben konnte und warum der Zug der Deutschen Bahn absichtlich so stark abbremste.

Werne

, 16.01.2018, 17:54 Uhr / Lesedauer: 3 min
Bahn kann „Beinahe-Zusammenstoß“ zweier Züge in Werne erklären

Die vermeintlich brenzlige Situation entpuppte sich nach Aussage der Bahn als ein harmloser Vorfall. © Jan Hüttemann

Die Situation wirkte bedrohlich: Zwei Züge fahren am Sonntagabend aufeinander zu. Während die aus Münster kommende Eurobahn bereits angehalten hat, bremst der Zug der Deutschen Bahn erst sehr spät. Das habe aber alles seine Richtigkeit, erklärt ein Bahnsprecher auf Anfrage unserer Redaktion.

Was war der Grund dafür, dass sich entgegenfahrende Züge überhaupt so nahekommen konnten?

„Das ist gar nicht so ungewöhnlich, wie man meinen mag. Zunächst war es so, dass beide Züge verspätet waren. Grund dafür waren mehrere technische Störungen“, so der Bahnsprecher. Da die Strecke Münster-Lünen bekanntermaßen eingleisig ist, habe die Bahn bereits einige Züge über Hamm umgeleitet, um die Strecke zu entlasten. Die beiden Zugführer, die sich dann doch gegenübergestanden haben, „waren aber darüber informiert, dass sie halten müssen“, führt der Sprecher seine Erläuterung fort.

Bahn kann „Beinahe-Zusammenstoß“ zweier Züge in Werne erklären

Dass zwei Züge sich auf einem Gleis näherten, hatte mit verschiedenen technischen Störungen im Vorfeld zu tun. © Jan Hüttemann

Warum hat einer der Züge dann so spät gebremst?

Da eben beide Züge verspätet waren, wollte die Bahn möglichst viel Fahrzeit rausholen. „Das können wir aber nicht schaffen, indem wir schneller fahren. Jede Strecke hat vorgegebene Geschwindigkeiten, die es einzuhalten gilt.“ Leichte Überschreitungen seien zwar möglich aber unerheblich. „Stattdessen können wir verlorene Fahrzeit aufholen, indem die Fahrzeuge deutlich stärker beschleunigen und abbremsen, worunter allerdings der Fahrkomfort spürbar leidet.“ Genau das sei auch der Grund gewesen, warum einer der Züge so spät gebremst hat. Rein mathematisch sinkt dadurch seine Durchschnittsgeschwindigkeit nicht so stark, als wenn er früher bremsen würde – der Zug macht damit Zeit gut.

Beide Zugführer waren zwar informiert, aber ist das nicht trotzdem etwas gefährlich?

„Nein, das ist ganz eindeutig geklärt, was in solchen Situationen zu tun ist. Außerdem sorgt die passende Infrastruktur dafür, dass hier nichts passieren kann.“ Unter anderem sorge dafür der sogenannte Durchrutschweg. „Die Abstände der Signalanlagen in Kombination mit den Haltezeichen befinden sich in einem Abstand, der einen Zusammenstoß ausschließt.“ Wenn ein Zug also ein Haltesignal überfahren sollte, „werden die Fahrzeuge sowieso automatisch eingebremst“. Der darauffolgende Abschnitt sei dabei lang genug, um Sicherheit garantieren zu können. „Auch wenn beispielsweise Schnee liegt und der Bremsweg sich verlängert.“

Hätte die Eurobahn, nur zur Sicherheit, nicht trotzdem vorher auf das Ausweichgleis wechseln können?

Das wäre schon möglich gewesen. Das hätte aber an der Gesamtsituation nicht viel verändert, da eben die Sicherheitsabstände eingehalten waren.

Also war die vermeintliche Gefahrensituation nur eine rein subjektive Wahrnehmung?

„Ganz genau so ist es“, so der Bahnsprecher. Allerdings sehe er ein, dass man als Außenstehender schnell zu dem Schluss gelangen kann, dass hier etwas gewaltig schief gelaufen ist. Immerhin kenne man oft nicht die technischen Hintergründe und Abläufe, die im Bahnbetrieb liefen. „Betrachtet man das große Ganze dann mit diesen zusätzlichen Informationen, haben wir hier eine harmlose Situation.“ Das wiederum war vermutlich auch der Grund, warum die Bahn zunächst keine konkreten Informationen zu dem Vorfall vorliegen hatte. „Das ist aber nicht die einzige Situation, wo die tatsächliche Sachlage und die subjektive Beobachtung deutlich auseinandergehen.“

Welche Situationen wirken denn noch gefährlich, sind es aber nicht?

Als Beispiel nennt der Bahnsprecher hier Bahnübergänge, wo die Schranken bei der Zugdurchfahrt nicht herunterfahren. „Da haben sich schon viele beschwert und ‚Skandal‘ gerufen, obwohl es gar keinen gab.“ Ganz konkret verweist er dabei auf die Straßenverkehrsordnung. Die sieht in §19 unter anderem vor: „Schienenfahrzeuge haben Vorrang an Bahnübergängen mit Andreaskreuz.“ Als Autofahrer darf man sich dem Übergang nur mit gemäßigter Geschwindigkeit nähern. Das trifft auch zu, wenn nur die Warnanlage blinkt, die Schranken aber oben bleiben. „Das kann zum Beispiel passieren, wenn die Schranken defekt sind. Die können ja nicht den ganzen Tag unten bleiben.“ Aufseiten der Bahn greifen in diesem Fall zusätzliche Maßnahmen: „Sollten die Schranken nicht schließen, hält der Zugführer zuerst an und gibt ein Warnsignal an die übrigen Verkehrsteilnehmer, bevor er danach weiterfährt.“

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