Corona als neue Herausforderung: So arbeitet der blinde Marvin Reher bei Amazon

rnTag der Sehbehinderten am 6. Juni

Die Corona-Krise stellt Marvin Reher (25) vor besondere Hürden. An seinem Arbeitsplatz bei Amazon in Werne muss sich der blinde Mann stets an neue Wege und Sicherheitsvorkehrungen gewöhnen.

Werne

, 06.06.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Stock gleitet rhythmisch über den Boden, über die schwarz-gelben Streifen, die auf dem gesamten Gelände zu sehen sind. Marvin Reher (25) kann diese Markierungen, die es seit dem Ausbruch der Corona-Krise bei Amazon in Werne gibt, nur schemenhaft erkennen. Denn er ist nahezu blind.

Die Pandemie und die damit verbundenen Sicherheitsvorkehrungen in dem Logistikzentrum stellen den jungen Mann auf eine besondere Probe. Denn die eingespielten und bekannten Wege haben sich ein Stück weit geändert. Und Amazon justiert die Maßnahmen in der Corona-Krise regelmäßig neu.

Blindenstock jeden Tag im Gepäck

Um sich auf die neuen Situationen einstellen zu können, nimmt der 25-Jährige seinen Blindenstock jeden Tag mit zur Arbeit. „Es kann immer etwas Unvorhersehbares passieren“, wie er sagt. Der Mann aus Hamm ist seit seinem 16. Lebensjahr fast blind.

Er hat eine Sehkraft von zwei Prozent. Durch einen Gen-Defekt ist er im Jugendalter plötzlich erblindet - als Einziger aus seiner Familie. Lange rätselten die Ärzte, wieso Marvin Reher sein Sehvermögen verloren hat.

Seinen Blindenstock hat Marvin Reher immer mit dabei, wenn er zur Arbeit nach Werne fährt. Mit einem Taxi wird er von Hamm zu seiner Arbeitsstelle nach Werne gebracht.

Seinen Blindenstock hat Marvin Reher immer mit dabei, wenn er zur Arbeit nach Werne fährt. Mit einem Taxi wird er von Hamm zu seiner Arbeitsstelle nach Werne gebracht. © Andrea Wellerdiek

Erst gingen die Experten von einer Entzündung des Sehnerves aus. Als aber auch die Behandlung mit Kortison nicht anschlug, war klar, dass das nicht die Ursache sein konnte. Bei Reher sind aufgrund des Gen-Defekts Sehnerven abgestorben, die nicht wieder herstellbar sind. Nun kann er nur Lichter, Schriften und Umrissen von Menschen in seiner Umgebung erkennen. Das gilt für einen Radius von etwa fünf Metern.

Die Corona-Krise, in der der Sicherheitsabstand von zwei Metern bei Amazon höchste Priorität hat, bildet für Marvin Reher eine besondere Herausforderung. An seinem Arbeitsplatz findet er sich aber schnell zurecht.

Spezielle Technik hilft Marvin Reher

In seinem Einzelbüro kann er mit spezieller Technik für Sehbehinderte seine Arbeit als Telefonist erledigen. Mit einer Software wird die Schrift auf dem Computerbildschirm vergrößert oder in ein anderes Farbschema umgewandelt. An seinem Platz kann Marvin Reher außerdem die Sprachausgabe nutzen. „Eigentlich würde die schon ausreichen. Ich bräuchte eigentlich gar keinen Bildschirm“, erklärt Marvin Reher, der seit dem 1. Juli 2019 bei Amazon in Werne beschäftigt ist.

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Die Technik wird von der Agentur für Arbeit bezahlt. Amazon als Arbeitgeber verzichtet auf Fördermittel des Landes für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung, wie Pressesprecherin Antje Kurz-Möller erklärt.

„Für uns ist es selbstverständlich, alle unsere Mitarbeiter, die auch aus vielen verschiedenen Schichten und mehr als 80 verschiedenen Nationen kommen, zu integrieren. Warum sollten wir da für eine Gruppe eine Ausnahme machen und Fördermittel beantragen?“ Marvin Reher ist einer von 170 Menschen mit Handicap, die bei Amazon in Werne arbeiten.

Was für viele Mitarbeiter schon ungewöhnlich ist, ist für Marvin Reher erst recht eine Herausforderung: Mit dem Blindenstock geht der 25-Jährige über die Markierungen, die an den Sicherheitsabstand erinnern.

Was für viele Mitarbeiter schon ungewöhnlich ist, ist für Marvin Reher erst recht eine Herausforderung: Mit dem Blindenstock geht der 25-Jährige über die Markierungen, die an den Sicherheitsabstand erinnern. © Andrea Wellerdiek

Krankmeldungen bei Amazon ein großes Thema

Er fühlt sich nach eigenen Angaben integriert „Denn ich verstehe mich sehr gut mit meinen Kollegen. Sie sind sehr hilfsbereit“, sagt er. Seine Kollegin Vera Kranz nickt. „Man vergisst eigentlich, dass er blind ist. Es fällt uns sehr leicht, Marvin zu integrieren. Er arbeitet sehr selbstständig“, sagt die Personalreferentin.

Mit der Personalabteilung steht Reher ständig in Kontakt. Denn er nimmt als Telefonist die Krankmeldungen der Mitarbeiter an. Am Anfang der Corona-Krise seien die Kollegen verunsichert gewesen. „Oft haben sie sich zum Beispiel gefragt, wie sie nun ihre Kinder betreuen sollen“, erzählt Reher.

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Er selbst sieht in der Corona-Krise mittlerweile das Einkaufen als größte Herausforderung. „Es ist schon eine Kunst, mit Einkaufswagen und Blindenstock gleichzeitig durch den Laden zu gehen“, so der 25-Jährige. Die neuen Wege bei Amazon hatte er hingegen nach einem Tag drauf. Und dank des Blindenstocks hält er automatisch den Sicherheitsabstand zu anderen Mitarbeitern ein.

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