Darum muss Philipp (20) aus Werne kiffen

Cannabis ist Rettung

Und dann flippt Philipp aus. Er schlägt um sich, sich selbst - manchmal schlägt er sich bewusstlos. Er will das nicht tun, aber er kann nicht anders. Seine Rettung: kiffen. Die bewegende Geschichte eines schwer kranken jungen Mannes aus Werne - über seine Krankheit, Cannabis als Lösung und den Kampf mit der Krankenkasse.

WERNE

10.08.2016 / Lesedauer: 5 min

Philipps Krankheit heißt „dissoziative Bewegungsstörung“. Die Symptome sind ähnlich wie beim Tourettesyndrom: Tics, Krämpfe, Schreie. Als Philipp ein Kind war, hatte er Lymphdrüsenkrebs. Seine Eltern Udo und Gudrun Funhoff sagen: Nach der Chemotherapie hat es angefangen.

Man kann Philipps Krankheit nicht heilen. Aber es gibt ein Medikament, das ihm hilft und mit dem die Anfälle vorbeigehen: Cannabis. Für andere ist das eine Droge, die müde macht, hungrig und albern. Für Philipp ist es ein Medikament, das ihn so macht, wie er sein will: normal.

In unserem Video erzählt Philipp, wie sich die Anfälle anfühlen und was er sich für die Zukunft wünscht:

Auch Tabletten für 1000 Euro haben nicht geholfen

Der 20-Jährige hat viele Medikamente ausprobiert. Auf manchen Beipackzetteln ist als Nebenwirkung „plötzlicher Tod“ vermerkt, manche kosten pro Tablette über 1000 Euro. Nichts hat geholfen. „Mit den Medikamenten habe ich mich gefühlt, als würde ich neben mir stehen, als wäre ich gar nicht richtig da“, sagt Philipp über Substanzen wie Clonazepam, die bei Epilepsie eingesetzt werden. Außerdem nimmt er täglich Herzmedikamente, weil er von den teuren Tabletten Herz-Rhythmus-Störungen bekommen hat.

Dass Cannabis ihm helfen könnte, hat er selbst herausfinden müssen. In einem Internetvideo erzählt ein Mann mit ähnlicher Krankheit seine Geschichte, erzählt von Cannabis und davon, dass auf einmal alles leichter wurde. Das war 2009. Seitdem raucht Philipp Cannabisblüten, drei Gramm am Tag, alle anderthalb Stunden eine Zigarette.

Familie kann die Kosten nicht mehr übernehmen

Fünf Gramm Cannabis kosten in der Apotheke 75 Euro. Philipps Tagesdosis kostet also 45 Euro. Familie Funhoff kann das nicht mehr bezahlen. Udo Funhoff (58) ist Frührentner, seitdem bei ihm Nierenkrebs diagnostiziert wurde, trotzdem arbeitet er noch in einem Fitnessstudio. Seine Frau Gudrun (56) geht jeden Morgen von fünf bis sieben zu ihrem 450-Euro-Job. Wenn Philipp wach wird, muss sie wieder zu Hause sein, denn alleine hat er Angst vor den Krämpfen, vor sich selbst.

Die Eltern wünschen sich, dass ihr Sohn keinen Tabak mehr rauchen muss, keine Zigaretten drehen, sondern nur noch den Wirkstoff aus dem Cannabis inhalieren kann. Das geht mit einem speziellen Gerät, einem Vaporisator, der 400 Euro kostet. Das Geld haben sie nicht, es liegt in den Kassen der Apotheke, 1400 Euro im Monat für Cannabisblüten, verpackt in einer weißen Dose mit gelbem Deckel. Es war ein Kampf, das Medikament überhaupt zu bekommen, denn Cannabis fällt unter das Bundesopiumgesetz. Es zu finanzieren, ist die nächste Hürde.

Krankenkasse ist nicht verpflichtet zu zahlen

In einem Gutachten des medizinischen Dienstes Westfalen-Lippe fasst ein Gutachter Philipps Krankengeschichte zusammen. Fünfmal steht dort in anderen Formulierungen der Satz: „Nur Cannabis hilft, die Symptome zu lindern.“ Am Ende kommt der Gutachter trotzdem zu dem Schluss: Die Krankenkasse ist nicht verpflichtet, zu zahlen.

Der Arzt Dr. Franjo Grotenhermen ist davon nicht überrascht. Er ist Experte für die Behandlung mit Cannabis. „In Deutschland ist es als Medikament nicht offiziell zugelassen, das müsste die Herstellerfirma beantragen“, sagt er.

Außerdem gibt es wenig Forschung zur Therapie mit Cannabis – nur die vielen Patienten, die sagen: Nichts anderes hilft. Nur, wenn der Patient in einer lebensbedrohlichen Situation ist, muss die Kasse die Kosten für Cannabis erstatten. Solange gilt: „Cannabis ist zwar für die Krankenkasse günstiger, aber nicht zugelassen.“

"Haben Angst, dass das Geld nicht reicht"

Ab 2017 wird es eine Gesetzesänderung geben. Dann müssen die Kassen das Medikament bezahlen, unter der Voraussetzung, dass alle konventionellen Therapien ausgeschöpft sind. Deshalb hat Familie Funhoff Beschwerde gegen das Gutachten eingelegt. Weil sie es ungerecht findet und weil sie nicht mehr warten kann: „Wir haben jeden Monat Angst, dass das Geld nicht reicht“, sagt Udo Funhoff. Auch Philipp spürt diese Angst. Und wie es den beiden älteren Brüdern Florian (22) und Tim (26) geht, die ihre Eltern in allem unterstützen, kann man nur vermuten.

Philipp geht es nicht um den Rauschzustand, den andere von Cannabis bekommen. Er spürt ihn nicht. Philipp will mit seinen Eltern einkaufen gehen, ohne angestarrt zu werden. Er will nicht immer Beulen am Kopf haben, er will Freunde, sich ein Leben aufbauen, einen Schulabschluss machen und einen Beruf lernen. Weiter als bis zur sechsten Klasse hat er es in der Schule nicht geschafft. Die Lehrer warfen ihm vor, er würde die Anfälle spielen.

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Nachbarn beschweren sich über Philipps Schreie

Philipp muss lernen, mit seiner Krankheit umzugehen. Dafür braucht er eine stationäre Verhaltenstherapie, die in Hannover angeboten wird. Die hat er schon mal angefangen und wurde nach zwei Monaten nach Hause geschickt: Zu stark die Anfälle, zu schwach die Medikamente, die man ihm gab. „Es gibt welche, die enthalten den Cannabis-Wirkstoff THC. Aber für Patienten wie Philipp sind sie zu niedrig dosiert“, sagt Dr. Grotenhermen.

Philipp musste zurück nach Werne, wo die Nachbarn sich beschweren, wenn er im Garten bei Anfällen laut schreit und wo seine Mutter ihrem 20-jährigen Sohn das Fleisch in kleine Stücke schneidet, weil ein Messer in Philipps Händen zu gefährlich wäre.

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Eltern brechen in Tränen aus

Philipp glaubt an Gott, er betet jeden Tag. „Ich könnte mir vorstellen, mal bei der Kirche zu arbeiten“, sagt er über seine Zukunftspläne. Nach der Therapie will er ein Berufsfindungsjahr machen, das hat die Arbeitsagentur ihm angeboten.

Als Philipp von seinen Wünschen erzählt, von Kindern, einer Frau und einem ganz normalen Leben, brechen seine Eltern in Tränen aus. Sie haben viel für ihren Sohn getan, abnehmen können sie ihm nichts. Nicht die Krämpfe, nicht die Anfälle, nicht die Angst.

Krankenkasse lenkt ein

Doch Philipps Geschichte vom Kampf gegen die Krankenkasse endet gut. Im Laufe der Recherche unserer Redaktion startete die Familie ein Beschwerdeverfahren, das positiv entschieden wurde. Die Techniker Krankenkasse erstattet ihnen jetzt die Kosten für Philipps Cannabis – auch rückwirkend für die vergangenen sieben Monate. Ein Erfolg.

Trotzdem sind Philipp und seine Familie bereit dazu, ihre Geschichte hier erzählen zu lassen. Denn sie wissen: Sie sind eine Ausnahme. Viele andere Familien kämpfen den gleichen Kampf um ein Medikament, das von Vorurteilen behaftet ist und deshalb für die Betroffenen entweder sehr teuer oder im schlimmsten Fall gar nicht zugänglich ist. Der Arzt Franjo Grotenhermen sagte auf Anfrage, er habe 220 Patienten, die das Medikament benötigen. Nur drei von ihnen bekommen die Kosten von der Krankenkasse erstattet.

Cannabis als Medikament
Der Wirkstoff von Cannabis ist THC - Tetrahydrocannabinol. Ähnlich wie Nikotin hängt er sich an bestimmte Rezeptoren im Gehirn.
Bis jetzt gibt es ein Medikament, das in Deutschland zugelassen ist und den Cannabis-Wirkstoff enthält. Es heißt „Sativex“, für Patienten mit multipler Sklerose.
Um Cannabisblüten zu bekommen, muss ein ärztlich unterstützter Ausnahmeantrag beim Bundesinstitut für Arzneimittel gestellt werden.
Forscher vermuten, dass Cannabis bei bis zu 50 verschiedenen Krankheitsbildern helfen kann.
Ein Gramm Cannabis kostet in der Apotheke etwa 15 bis 20 Euro.
Auf dem Schwarzmarkt würde man sieben bis zehn Euro bezahlen, mit dem Risiko, dass das Cannabis verunreinigt ist.
Weitere Infos gibt es im entsprechenden Artikel der Online-Enzyklopädie .

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