Die Innenstädte klagen über ausbleibende Kunden. Auch Sonja Grote aus Werne haben die Händler im vergangenen Jahr ans Internet verloren – wegen günstiger Preise und anderen Gründen.

Werne

, 02.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Gemütlich auf der Couch sitzen, den Laptop auf dem Schoß und alles bestellen, was man sich nur vorstellen kann. Auch in Werne entscheiden sich viele Menschen dafür, ihre Einkäufe im Internet zu tätigen und nicht in der heimischen Innenstadt, in der die Einzelhändler über ausbleibende Einnahmen klagen.

Sonja Grote aus Werne shoppt fast nur noch im Internet. Die Werner Innenstadt meidet die 42-Jährige mittlerweile meistens. Sie ist verheiratet, hat einen 16-jährigen Sohn und zwei Hunde. Ihre Zeit ist knapp, die Innenstadt nicht attraktiv genug.

Zeit- und Kostengründe sind ausschlaggebend

Die Gründe sind für die Wernerin vielschichtig. Einerseits sei das Online-Shopping zeitsparend und nicht an Öffnungszeiten gebunden. Wenn die Geschäfte schon geschlossen haben, kann sich die Erzieherin nach erledigter Arbeit und dem Tag mit Familie und Tieren abends noch an den PC setzen.

Aber auch die Preise geben einen Ausschlag bei ihrer Entscheidung fürs Online-Shopping. „Ich habe am verkaufsoffenen Sonntag eine wunderschöne Strickjacke anprobiert. War mir für 80 Euro zu teuer. Im Internet kostete sie nur 50. So kommt eins zum anderen“, so Grote.

„Das eigene Geld ist wichtiger als das der Händler“

„Ja, ich weiß, die Händler im Internet machen den Einzelhandel kaputt. Man muss einfach aufs Geld achten. Da ist das eigene leider wichtiger als das der Einzelhändler“, gesteht Grote.

Dass das Internet das Leben der Einzelhändler schwieriger macht, weiß auch Cordula Neiberger, Professorin für Wirtschaftsgeografie der Dienstleistungen an der RWTH Aachen.

Höhere Anforderungen an die Verkäufer

Während man früher in ein Geschäft ging, um sich über Produkte zu informieren und häufig dort direkt kaufte, werden heute zunächst Informationen im Internet eingeholt. „Entweder wird dann direkt online gekauft, oder man geht vorinformiert in ein Geschäft, um das Produkt zu sehen, auszuprobieren“, so Neiberger.

Die Anforderungen an die Fachkompetenz des Personals im Einzelhandel steigen damit. Aber auch die hohe Verfügbarkeit der Waren, die im Internet herrscht, wird erwartet. „Die Sortimente der Onlinehändler sind riesengroß, die Lieferzeit kurz. Das wird als Anspruch an den stationären Handel getragen“, sagt Neiberger.

Mittagspausen irritieren Kunden in Werne

In Werne kommen zudem noch andere Faktoren hinzu, die unsere Leser angeben. „Erst habe ich mich zwei Stunden nicht in die Stadt getraut, weil ich nie weiß, wann und ob Mittagspause ist, und dann kam ich in den Geschäften völlig ins Schwitzen“, sagt die 28-jährige Natalie Radzuweit.

Doch nicht alle Werner kaufen am liebsten im Internet. „Wer mich überzeugt, dem bin ich treuer Stammkunde“, sagt Michael Marcus Kerk und spricht damit die Chance der Einzelhändler an: Kunden direkt ansprechen und gut beraten.

Stammkunden zu gewinnen, ist schwierig

Bei Christof Schmersträter vom gleichnamigen Herrenmodegeschäft besteht ein Großteil der Kundschaft aus Stammkunden. Doch aus Neukunden Stammkunden zu machen, sei für ihn schwierig geworden. Zu wenig Kunden locke es in die Innenstadt.

Sonja Grote zieht es beispielsweise für den Kauf von Büchern in die Innenstadt. Einerseits habe sie das schon immer gemacht. Andererseits dürften hier kaum Preisunterschiede auftauchen: Schließlich sind die Preise durch die Buchpreisbindung festgelegt.

Expertin: Viele Inhaber schrecken vor Digitalsierung zurück

Doch welche Chancen gibt es, um mehr Kunden in die Innenstadt zu ziehen? Geht es nach Radzuweit, würde sie sich über längere Öffnungszeiten freuen. „Wenn ich von der Arbeit in Lünen zurückkomme, hat schon alles geschlossen.“ Andererseits wünscht sie sich „ansprechende Ketten“ wie H&M und Peek und Cloppenburg – wie beispielsweise in Lünen.

Auch die Expertin hat einen Tipp parat: „Viele Inhaber verstehen unter Digitalisierung lediglich Onlinehandel, vor dem sie zurecht zurückschrecken“, sagt Neiberger.

Städte könnten von neuen Möglichkeiten profitieren

Doch schon eine aussagefähige Homepage oder Interaktion mit dem Kunden über soziale Medien seien gute Wege zur Kundengewinnung. „Hier können inhabergeführte Geschäfte mit vergleichsweise geringem Aufwand tätig werden“, so Neiberger.

Sie ist davon überzeugt, dass die Städte als Handelsstandorte nicht untergehen werden. Doch möglicherweise werden eher große Städte und attraktive Mittelstädte profitieren, beispielsweise durch Onlinehändler, die in zunehmendem Maße auch stationäre Geschäfte eröffnen.

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