Die Lehren aus dem Wahlergebnis 2017 in Werne

Analyse und Kommentar

Es gab zwar Gewinner, doch zum Feiern war am Abend der Bundestagswahl in Werne niemandem so richtig zumute. Die Volksparteien haben massiv Wähler verloren, die AfD hat ein signifikantes Ergebnis eingefahren. Welche Lehren sind aus dem Wahlergebnis in der Lippestadt zu ziehen? Eine Analyse und ein Kommentar.

WERNE

, 26.09.2017, 11:41 Uhr / Lesedauer: 4 min
Die Lehren aus dem Wahlergebnis 2017 in Werne

Keine Partystimmung am Sonntagabend: Vertreter der Werner CDU (oben) und der SPD.

Das Abschneiden der AfD:

Das Ergebnis der rechten Partei liegt mit 8,4 Prozent zwar unter dem bundesweiten Wert, trotzdem verzeichnete die AfD in Werne ein Stimmenplus von 5,5 Prozent. Als Schwerpunkte kristallisierten sich die Wahllokale Kita Jona in Stockum, die ehemalige Barbaraschule im Evenkamp, die Kita St. Johannes und die Weihbach-Turnhalle an der Stockumer Straße heraus. Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da ein Viertel der Wähler per Brief abgestimmt hat und somit nicht in der Statistik für den Wahlbezirk auftaucht. Da die AfD in keinem der sechs Briefwahlbezirke zweistellig wurde, könnte auch das reale Ergebnis in den „echten“ Wahllokalen niedriger sein. Fest steht aber: Die Partei hat es geschafft, auch ohne Strukturen und Präsenz vor Ort ein signifikantes Ergebnis einzufahren. Das kann ein Indiz dafür sein, dass viele Werner aus Protest ihr Kreuzchen gemacht haben. Die Politiker sollten sich trotzdem Gedanken machen, wie sie diesem Phänomen begegnen.

Der Absturz der Volksparteien:

Die Zeiten, in denen der CDU eine absolute Mehrheit in Werne sicher war, sind längst vorbei. Das Wahlergebnis zeigt aber, dass sich weder Christ- noch Sozialdemokraten ihrer Sache in der Lippestadt überhaupt noch sicher sein können: Wie auch im Bund haben beide hier massiv Wähler verloren, die Enttäuschung über die eigene Partei scheint bei vielen Anhängern schwerer zu wiegen als die Identifikation mit den Werten, für die CDU und SPD stehen (oder in den Augen der Wähler: gestanden haben). Auch wenn die Politik in Berlin gemacht wird: Die Gespräche mit den Enttäuschten müssen vor Ort stattfinden, denn nur hier können die Parteien ihre Wähler auch wirklich noch erreichen.

Trügerische Freude:

Die FDP profitierte sicher auch in Werne vom „Lindner-Bonus“ sowie von der Tatsache, dass manchem CDU-Protestwähler die AfD dann doch zu extrem war. Keine Frage: Die Werner Liberalen können mit Recht für sich reklamieren, die Wähler erreicht zu haben. Allerdings müssen sie befürchten, dass es bei den nächsten Wahlen wieder ein paar Prozentpunkte runter geht – dorthin, wo Linke und Grüne jetzt schon sind. Die Freude der Grünen, nun doch nicht in der Bedeutungslosigkeit versunken zu sein, ist ohnehin trügerisch: Denn genau das könnte doch noch passieren, wenn man die neue dritte Kraft in Deutschland – trotz der bereits erwähnten fehlenden Strukturen vor Ort – nicht ernst nimmt. Eine Gefahr, die übrigens allen Parteien, die sich gerne auf Platz drei gesehen hätten, droht.

Klarheit und Transparenz:

Das Wahlergebnis ist auch in Werne ein neuer, vielleicht letzter Hinweis an die „Etablierten“, die Bürger wieder mit ins Boot zu nehmen. Wer Entscheidungen hinter verschlossenen Türen trifft, dann öffentlich Alibi-Diskussionen führt und die Entscheidung ohne Begründung am Ende doch nur abnickt, muss sich nicht wundern, dass sich die Wähler von ihm abwenden. Fairerweise muss man sagen: In Werne hat es diesbezüglich bereits vielversprechende Ansätze gegeben (Kita-Beiträge, Jung kauft Alt, Turnhallen-Diskussion). Es wäre wünschenswert, wenn dieser Trend fortgesetzt und intensiviert würde. Und Bürgermeister Lothar Christ hat ebenfalls Recht, wenn er sagt: „Jetzt sind wir alle gefordert, nicht nur die Politik.“

 

 

Unser Redakteur Daniel Claeßen kommentiert die Sachlage:

Keine Panik!

Jetzt haben wir den Salat: Die Rechten sitzen im Parlament, und alle fragen sich, wie es so weit kommen konnte. Dabei haben wir in den vergangenen Monaten seelenruhig dabei zugesehen, wie sich die AfD in den Köpfen der Verängstigten und Vernachlässigten festgesetzt hat. Es kann wirklich niemanden, schon gar nicht die sogenannten etablierten Parteien, überraschen, dass es nun tatsächlich so gekommen ist.

Für ein Land mit unserer Geschichte geht es in Ordnung, dass man trotz aller Vorhersehbarkeit kurz innehält und den Schock verdaut. Aber dann ist es auch gut. Hysterie oder Panik ob der möglichen Bedrohung für die Demokratie wären exakt die falsche Reaktion. Es gibt eben eine neue Herausforderung, und der müssen wir uns stellen. Wie Bürgermeister Lothar Christ schon ganz richtig sagt: Das betrifft uns alle. Und ob das Wahlergebnis wirklich eine Zäsur ist, hat die AfD schließlich nicht allein zu entscheiden.

Das sind nicht alles Vollidioten

Und nein, es ist auch nicht wie 1933. Erstens sind die Rechten noch weit von der Macht entfernt. Zweitens geht es unserem Land gut. Drittens ist unser Geld noch was wert. Viertens sind die Nachbarländer in Europa heute unsere Freunde. Fünftens sind 1933 keine Menschen spontan gegen die NSDAP auf die Straße gegangen. Die Reaktionen vom Abend des 24. September 2017 – auf den Straßen, nicht in den Fernsehstudios – sollten uns zuversichtlich stimmen: Es sind 87 Prozent der Deutschen, die sich von der AfD weder jagen noch zurückholen lassen.

Was die anderen 13 Prozent angeht: Das sind nicht alles Vollidioten, sondern zum Teil verärgerte oder verzweifelte Bürger. Sie nach der Wahl weiter zur Sau zu machen, ist totaler Blödsinn. Wer einen AfD-Wähler kennt, sollte mit ihm reden – zur Not immer und immer wieder. Die Leute sollen merken, dass man sich um sie kümmert, sie ernst nimmt, sich mit den Problemen beschäftigt. Nur so kann man sie zurückgewinnen. Und das ist ab sofort unsere ureigene Verantwortung, wenn wir hier was retten wollen.

Der Feind unserer Gesellschaft ist nun sichtbar

Und natürlich muss jedem auch klar sein: Wir werden die AfD nicht mehr los. Ein paar rechte Knallköpfe wird es immer geben, und die haben bei der AfD ein neues Zuhause gefunden. Das ist eigentlich sogar gut: Der Feind unserer Gesellschaft ist nun sichtbar und klar zu verorten. Das macht es wesentlich einfacher, gegen ihn zu kämpfen (aber bitte mit demokratischen Mitteln).

Zu guter Letzt: Es ist viel über die AfD geredet worden, vielleicht sogar zu viel. Damit sollte jetzt Schluss sein. Es gibt schließlich noch andere Parteien, und die haben womöglich sogar einige gute Ideen. Noch ein Grund, die Dinge bestimmt, aber entspannt anzugehen: Keine Panik!

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