Diskutierten auf dem Podium im Alten Rathaus über die Zukunft und Probleme der Kirche (v.l.): Andrea Martin, Bruder Dr. Stefan Walser, Kirchenrätin Daniela Fricke, Pfarrer Alexander Meese und Pastoralreferentin Brunhilde Oestermann-Giersch. © Felix Püschner
Kirche in Werne

Diskussion im Rathaus: Missbrauch und Zukunft der Kirche rücken in den Fokus

Sinkende Mitgliederzahlen und Skandale: Wie soll es da bloß weitergehen mit der Kirche? Bei einer Podiumsdiskussion im Alten Rathaus in Werne kamen Experten zu Wort - und machten teils klare Ansagen.

Bei der Kirche gibt es viele Baustellen. Dazu gehören unter anderem der Mitgliederschwund und – was noch viel schwerwiegender ist – der Missbrauchsskandal, von dem sowohl die Katholische als auch die Evangelische Kirche betroffen sind. Bei der von der Volkshochschule Werne veranstalteten Podiumsdiskussion im Alten Rathaus geraten genau diese Themen in den Fokus.

Als Gesprächsteilnehmer hat die VHS an diesem Abend neben Bruder Dr. Stefan Walser vom Kapuzinerkloster Münster auch Daniela Fricke, Kirchenrätin der Evangelischen Kirche von Westfalen und Beauftragte für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung, eingeladen. Die Runde komplettieren Brunhilde Oestermann-Giersch, Pastoralreferentin in der Krankenhausseelsorge sowie Alexander Meese, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Werne.

„Ich kann im Gottesdienst noch so viel rumjonglieren – dadurch wird die Kirche nicht attraktiver“

Pfarrer Alexander Meese

Und der macht vor allem bei einem der Punkte ein klare Ansage. Es geht darum, warum die Kirche immer mehr Mitglieder verliert. Meese räumt ein, dass man „die Menschen zeitweise aus dem Blick verloren“ habe. Das hänge wohl auch damit zusammen, dass man ihnen kein Zugehörigkeitsgefühl gegeben habe. Und wie will man die verlorenen Schafe nun zurückgewinnen? Meese: „Ich kann im Gottesdienst noch so viel rumjonglieren und mit dem Fuß einen Ball hochhalten – dadurch wird die Kirche nicht attraktiver.“

Vielmehr müssten alle mit anpacken, so Wernes Pfarrer weiter: „Die Hauptamtlichen werden die Kirche nicht allein retten. Auch die Ehrenamtlichen und die anderen Gemeindemitglieder sind dafür verantwortlich, wie attraktiv Kirche ist. Das liegt an uns allen. Wir müssen da zusammenspielen.“

Alles umzukrempeln ist keine Option

Ein volles Gotteshaus jeden Sonntag wäre eine tolle Sache, bleibe aber wohl eine Wunschvorstellung. Denn jeden Sonntag in der Kirche zu sitzen, passe einfach nicht mehr zur heutigen Lebenswelt. Was man als Pfarrer hingegen durchaus beeinflussen kann, ist die Art der Gottesdienstgestaltung. „Sie können gerne zu mir in den Gottesdienst kommen und das erleben“, appelliert Meese an einen Mann im Publikum. Er setze zum Beispiel bei Familiengottesdiensten auf „viel Bewegung“.

Actionreiche Gottesdienste, wie man sie aus Südamerika oder Afrika kennt, ließen sich auf Deutschland aber nicht übertragen. Die Bedürfnisse seien hier nun mal anders – und man müsse zielgruppenorientiert vorgehen, wenn man die Kirche wieder attraktiver für die Menschen machen wolle. Alles grundlegend umzukrempeln, sei keine Option: „Wir wollen den Kern der Leute, die jetzt noch da sind, schließlich nicht auch noch verlieren.“

Pfarrer Alexander Meese im Gespräch mit Pastoralreferentin Brunhilde Oerstermann-Giersch
Pfarrer Alexander Meese im Gespräch mit Pastoralreferentin Brunhilde Oerstermann-Giersch © Felix Püschner © Felix Püschner

Klar ist allerdings auch: Allein mit netten Gottesdiensten gewinnt man die Mehrheit der Menschen bestimmt nicht zurück. Wichtig sei vor allem, ihnen das Gefühl zu geben, dass man an wichtigen Punkten des Lebens für sie da sei – etwa bei der Taufe, bei der Einschulung oder auch bei der Beerdigung. „Wenn wir da enttäuschen, kommt es zum Bruch“, sagt Meese.

Besagter Bruch könne aber auch ganz andere, teils pragmatischere Gründe haben – zum Beispiel, wenn jemandem die Kirchensteuer zu hoch ist. Oder aber, weil er ein Statement setzen und einen Protest zum Ausdruck bringen möchte. „Viele, die austreten, wollen einfach nichts mehr mit der Institution Kirche zu tun haben“, sagt Daniela Fricke. Und spätestens an diesem Punkt kommen die Gesprächsteilnehmer an einem Punkt nicht mehr vorbei: dem Missbrauchsskandal.

„Die Betroffenen von sexualisierter Gewalt erleben jetzt quasi alles noch einmal.“

Kirchenrätin Daniela Fricke

„Wie geht die Evangelische Kirche mit der Verheimlichung und der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle um?“, fragt Moderatorin Andrea Martin in Richtung Fricke. Die Kirchenrätin spricht daraufhin von einem „Baukastenprinzip“. Da gebe es zunächst Formen der individuellen Aufarbeitung, also Gespräche mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt, die oftmals schon froh darüber seien, dass ihnen überhaupt jemand zuhöre und glaube. Da gebe es aber auch die institutionelle Aufarbeitung nach dem Motto: Was ist in den eigenen Reihen eigentlich schiefgelaufen, dass es soweit kommen konnte?

Und dann seien da schließlich noch die finanziellen Anerkennungsleistungen: Wer einen entsprechenden Antrag stellt, kann mittlerweile ein Schmerzensgeld zwischen 5.000 und 50.000 Euro erhalten. Zuvor gab es einen pauschalen Betrag von 5.000 Euro. „Das sind alles aber rein symbolische Summen. Wir können damit nichts ungeschehen machen“, sagt Fricke.

Kirchenrätin sieht neues Zahlungsmodell kritisch

Sie sieht die Änderung von den Pauschalen hin zu den gestaffelten Beträgen aber durchaus problematisch. Der Grund: Man müsse jetzt individuell bewerten, welches Leid schwerer wiegt und welcher Betrag einem Betroffenen demensprechend zusteht. „Über die Höhe der damaligen Pauschale konnte man sicherlich streiten. Aber die Betroffenen mussten damals eben nur so viel erzählen, wie sie wollten. Es musste nur plausibel sein. Jetzt müssen sie genauer beschreiben, was sie erlebt haben. Das sind unangenehme Situationen. Sie erleben jetzt quasi alles noch einmal“, erzählt Fricke.

Der Missbrauchsskandal in der Kirche war ein zentrales Thema der Podiumsdiskussion.
Der Missbrauchsskandal in der Kirche war ein zentrales Thema der Podiumsdiskussion. © Felix Püschner © Felix Püschner

Und wie sieht es in Sachen Prävention aus? Die gibt es natürlich, betont die Kirchenrätin. Seit der Einführung des Kirchengesetzes zum Schutz vor sexualisierter Gewalt am 1. März sind die Maßnahmen sogar quasi in Stein gemeißelt. Jede Gemeinde ist nun dazu verpflichtet, ein Schutzkonzept inklusive Risikoanalyse zu entwickeln und danach zu handeln: Sie muss beispielsweise schauen, ob es Räume gibt, in denen Täter unbemerkt agieren könnten.

Ebenso muss sie genau festlegen, welche Regeln im Kontakt mit Menschen gelten – wie nah man beispielsweise seinem Gegenüber bei der Seelsorge kommen darf und wann eine tröstende Hand auf der Schulter vielleicht doch schon zu viel ist. Auch ein erweitertes Führungszeugnis ist bei der kirchlichen Arbeit nun Pflicht. All dies sei nur ein Auszug aus dem Baukasten, betont Fricke. Gebrauchen kann die Kirche besagten Kasten offensichtlich dringend. Schließlich gibt es viele Baustellen.

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Redakteur
Geboren 1984 in Dortmund, studierte Soziologie und Germanistik in Bochum und ist seit 2018 Redakteur bei Lensing Media.
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Felix Püschner