Tierwohl in Werne

Diskussion um Mecke und Tierschutz: „Die Politik hat gar nichts gemacht“

Auf der einen Seite prügelnde Tierstellen-Mitarbeiter, auf der anderen Schweinebauern in Existenznot: Die Grünen haben mit dem agrarpolitischen Sprecher im Bundestag über die Tierhaltung der Zukunft diskutiert.

Die Tierquälerei in der Viehsammelstelle der Fleischerei Mecke hat dem Kreis Unna gemeinsam mit den verbotenen Schächtungen Anfang 2020 im Betrieb Prott in Selm zu trauriger Berühmtheit auf Bundesebene verholfen. Oft sei er in dieser Zeit gefragt worden „Was machen die bei dir Zuhause?“, sagte Friedrich Ostendorff, Biobauer und agrarpolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag.

Auf Einladung der Grünen in Werne war er neben Herbert Goldmann (Kreisverband Unna) am Montagabend (13. September) ins Hotel Baumhove nach Werne gekommen, um neben dem Tierskandal bei Mecke auch die Frage zu diskutieren: Wie kann und muss es weitergehen mit dem Tierwohl in Deutschland? Was die Bilder aus den Tierbetrieben in Werne und Selm gezeigt hätten, sei „absolut kriminell“ gewesen. „Kein Tierhalter steht morgens auf und überlegt, wie er heute sein Tier quält“, sagt Ostendorff.

„Mecke“ sei früher ein Qualitätsmerkmal gewesen

„Früher, wenn es besonders schön werden sollte, hat man auf der Feier gesagt: ‚Wir sind extra zu Mecke gefahren‘“, so Ostendorff. Das habe sich mit dem Skandal schlagartig verändert. Lebende Kühe, die per Seilwinde auf Anhänger gezogen werden, prügelnde Betriebsmitarbeiter: Solche Tierquälereien seien nicht zu entschuldigen. Gleichzeitig gebe es abseits von diesen beiden Fällen viele Betriebe, die überfordert seien. „In der Familie finden sich vielleicht noch ein paar Helfer. Aber es ist schon schwierig, sich intensiv um jedes einzelne Tier zu kümmern.“

Im Publikum der Info-Veranstaltung saßen neben vielen Grünen-Mitgliedern auch der Landwirt Georg Laurenz und der Lebensmitteleinzelhändler Clemens Overmann, der auch Neulandfleisch vertreibt. Besonders in der Diskussion mit den angereisten Politikern wurden die Kaskaden, die der Preisdruck auf die Landwirte mit sich bringt, deutlich. 1,25 Euro habe ein Bauer pro Kilo Schweinefleisch am Montag bekommen, erklärte Georg Laurenz. Fleisch müsse seinen Preis haben. „Und wenn man dann zwei Mal in der Woche Fleisch isst und nicht sechs Mal. Das muss aber ankommen in der Gesellschaft.“

Durch den Preisdruck geben viele Landwirte auf – nach und nach. „Wir haben eine absolut katastrophale Erlössituation am Schweinemarkt“, so Ostendorff. „Die Schweinehaltung hat sich in den letzten 10 Jahren halbiert.“ Allein von 2020 auf 2021 gebe es nun eine Million weniger Schweine in Deutschland – aktuell rund 26 Millionen. Das Kompetenznetzwerk Nutztierhaltung, die sogenannte Borchert-Kommission, plädiere dafür, die Tierzahl insgesamt zu senken und es bedürfe einer anderen Qualität und Haltungsform, um Akzeptanz in der Gesellschaft zu finden.

Ein Trend hin zu weniger Fleischkonsum sei bereits spürbar, sagt Ostendorff: „Die Geiz-ist-Geil-Mentalität ist vorbei.“ Worauf die Supermärkte reagieren: „Aldi bietet ab 2030 nur noch Fleisch der Stufen 3 und 4 an“, so Ostendorff. 3 sei dabei die Tierhaltung in Außenklimaställen und 4 Bio. Das habe zur Folge gehabt, dass Kaufland gesagt habe: Wir sind noch schneller. Die Politik sei so mit ihrer Ansage, die Tierhaltung bis 2040 zu ändern, schon längst überholt worden. „Die Politik hat gar nichts gemacht“, sagt Ostendorff. Es sei nichts passiert und man habe „alle Zeichen der Zeit“ verschlafen.

Doch wie können Landwirte auf dem Weg zu einer tiergerechteren Haltung unterstützt werden? Zum einen müsse der Umbau der Anlagen gefördert werden mit rund 40 Prozent, mehr sei unverantwortlich dem Steuerzahler gegenüber. Schließlich handele es sich immer noch um wirtschaftliche Unternehmen. Der größte Kostentreiber seien aber die laufenden Kosten.

„Da muss der Markt einsetzen“, so Ostendorff. Die Borchert-Kommission favorisiere eine Tierwohlabgabe von 40 Cent an der Ladentheke pro Kilo Schweinefleisch, was dann an die Betriebe für den Mehraufwand gehe. Dem Argument, dass sich etwa Hartz-IV-Empfänger dann kein Fleisch mehr leisten könnten, entgegnete Ostendorff damit, dass dies nicht Aufgabe der Landwirtschaft sei, sondern Aufgabe der Sozialpolitik, die sowieso zu geringen Hartz-IV-Sätze anzuheben.

„Absoluter Handlungsbedarf“ der kommenden Regierung

Daneben fiel die Diskussion aber immer wieder auch auf den Kreis Unna, sein Veterinäramt und die Frage, wie solche Tierquälereien so lange Zeit unentdeckt bleiben konnten. Dass er lese, dass die Firma Mecke nur ein paar Mal innerhalb von Jahren besucht worden sei, obwohl sich der Betrieb direkt um die Ecke befinde, zeigte Overmann fassungslos. „Es gibt 47 Veterinäre beim Kreis Unna, die wohnen von Mecke im Schnitt 15 Kilometer entfernt. Da muss erst eine Soko Tierschutz aus München 600 Kilometer entfernt anreisen, um den ganzen Kreis Unna auf den Kopf zu stellen“, so der Lebensmitteleinzelhändler.

Herbert Goldmann hakte ein und erklärte, dass es sich bei den 47 Veterinären jeweils um Halbtagsstellen, also 26 Vollzeitstellen handele. Zwar habe der Kreis Unna angekündigt, 14 weitere Stellen zu schaffen. Doch dadurch sei nicht garantiert, dass die Qualität und Quantität der Aufgaben verbessert würde. Zu sagen, man sei restlos überfordert und man brauche mehr Leute sei immer der erste Reflex einer Behörde.

Es bestehe absoluter Handlungsbedarf der neuen Bundesregierung in Sachen Tierschutz. Es habe immer geheißen, es gebe keinerlei Erkenntnisse, dass bei Mecke etwas schief gelaufen sei, 14 Tage später sei der Betrieb geschlossen worden. 6 Monate nach dem Skandal in Selm müsse die Verwaltung in der Lage sein, Erkenntnisse vorzustellen. Doch das sei bis heute nicht der Fall. „Die Verwaltung sieht sich immer noch außer Stande, die Fragen zu beantworten.“

Über die Autorin
Redakteurin
Gebürtige Münsterländerin, seit April 2018 Redakteurin bei den Ruhr Nachrichten, von 2016 bis 2018 Volontärin bei Lensing Media. Studierte Sprachwissenschaften, Politik und Journalistik an der TU Dortmund und Entwicklungspolitik an der Philipps-Universität Marburg. Zuletzt arbeitete sie beim Online-Magazin Digital Development Debates.
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Eva-Maria Spiller