Ein Selbstbildnis des Baumeisters?

Leben mit der Lippe

Ein Steinmetz ohne Bart: Das war unmöglich im Mittelalter. Zumindest für Baumeister Roseer und seine Leute. Weder diesseits der Lippe noch jenseits. Das macht die Suche nach dem echten Bildnis des gefragten Bauherrn auch heute noch zu einer haarigen Sache.

Werne

von Von Sylvia Lüttich-Gür

, 16.08.2013, 18:15 Uhr / Lesedauer: 1 min
Bärtige Männer aus Stein gibt es mehrere in der Kirche St. Christophorus. Einer von ihnen soll den Baumeister zeigen. In anderen Darstellungen haben sich wahrscheinlich andere Steinmetze verewigt.

Bärtige Männer aus Stein gibt es mehrere in der Kirche St. Christophorus. Einer von ihnen soll den Baumeister zeigen. In anderen Darstellungen haben sich wahrscheinlich andere Steinmetze verewigt.

Große Augen, flächiges Gesicht, fleischige Lippen und eine Nase, die an einen verlorenen Boxkampf erinnert: Der Mann war keine Schönheit, dem dieses Gesicht gehörte. Davon kann sich jeder überzeugen, der die Werner Stadtkirche St. Christophorus besucht. Dort ist das steinerne Männerantlitz in einigen Metern Höhe zu finden, gleich vorne rechts neben dem Haupteingang. Heidelore Fertig-Möller, Leiterin des Stadtmuseums, glaubt, dass Meister Roseer so ausgesehen haben könnte.

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Steinmetze an der Lippe

Die steinernen Köpfe in der Christophorus-Kirche gaben Rätsel auf. Wer verbirgt sich dahinter?
15.08.2013
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Dieser bärtige Mann befindet sich im Südschiff von St. Christophorus.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Die Fertigstellung der Stadtmauer 1502 hatte fast ein Jahrhundert des Friedens eingeleitet.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Werne mit dem historischen Rathaus und der Kirche im Hintergrund: Die Gebäude entstanden alle in einer fast 100 Jahre dauernden Phase des Frieden - nach der Fertigstellung der Stadtmauer.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Die St.-Christophorus-Kirche war 1400 durch den Angriff des Grafen von der Mark erheblich zerstört worden. 46 Jahre später ist auch der Turm heruntergefallen Das war der Anlass für einen Neubau.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Christophorus trägt das Jesuskind auf seiner Schulter durch den Fluss. Ob es sich dabei um die Lippe handelte, ist in der Legende nicht vermerkt. In der Kirche der Lippestadt, die den Namen des Riesen trägt, ist er nicht zu übersehen.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Heidelore Fertig-Möller, die Leiterin des Stadtmuseums, vermutet, dass es sich bei diesem Bildnis um Meister Roseer handelt.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Kunstvoll frisierter Bart: Dieser Kopf befindet sich im Südschiff von St. Christophorus gleich rechts neben dem Haupteingang.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Bärtige Männer aus Stein gibt es mehrere in der Kirche St. Christophorus. Einer von ihnen soll den Baumeister zeigen. In anderen Darstellungen haben sich wahrscheinlich andere Steinmetze verewigt. Ob das auch für dieses hockende Männchen gilt, ist ungewiss.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Diese Steinkonsole stammt nicht aus der Kirche St. Christophorus, sondern aus St. Reinoldi in Dortmund. Der Dortmunder Baumeister Roseer hat vermutlich zeitgleich beide Baustellen betreut. Hat er sich auch in beiden Gotteshäusern verewigt? Für die Reinoldi-Kirche ist das belegt. Die Konsole mit seinem Gesicht ist allerdings hinter dem hölzernen Chorgestühl verschwunden. Der hier abgebildete Kopf befindet sich in der Sakristei, möglicherweise das Bildnis eines Mitarbeiters.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Dieser alte Kupferstich aus dem Stadtmuseum zeigt Werne mit der1502 fertiggestellten Stadtmauer.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Werne mit dem historischen Rathaus und der Kirche im Hintergrund: Die Gebäude entstanden alle in einer fast 100 Jahre dauernden Phase des Frieden - nach der Fertigstellung der Stadtmauer.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Das Steinhaus erhielt in dem friedlichen Jahrhundert nach Fertigstellung der Stadtmauer seine Verzierungen.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Auf Spurensuche in St. Reinoldi: Das Bildnis des bärtigen Mannes befindet sich hinter der Tür zur Sakristei. Die Kirche ist zurzeit für den Publikumsverkehr gesperrt wegen Sanierungsarbeiten.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
Christophorus trägt das Jesuskind auf seiner Schulter durch den Fluss. Ob es sich dabei um die Lippe handelte, ist in der Legende nicht vermerkt. In der Kirche der Lippestadt, die den Namen des Riesen trägt, ist er nicht zu übersehen.© Foto: Sylvia Lüttich-Gür
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Ausgerechnet ein Dortmunder hat zwischen 1470 und 1480 die Werner Kirche wieder aufgebaut. Auf den Fundamenten des romanischen Vorgängerbaus, wie Dr. Heinrich Brückmann vom Kirchenvorstand berichtet.Graf von der Mark zerstörte Kirche Die alte Kirche hatte im Jahr 1400 ein anderer Mann aus dem Gebiet jenseits des Grenzflusses zerstört: der Graf von der Mark. Mehr als 40 Jahre dauerte es, bis sich die Bürger von Werne von dem verheerenden Überfall so weit erholt hatten, dass sie sich an den Wiederaufbau ihrer Kirche machten - mit der Hilfe von Roseer, dem offiziellen Dortmunder Stadtbaumeister.

Was der gebürtige Holländer zu leisten vermochte, konnte sich damals schon jeder anschauen. Roseer hat für die Dortmunder Kirche St. Reinoldi Saalchor und Sakristei neu gestaltet: mit gotischem Schwung, den sich auch die Werner für ihre Kirche wünschten.Ist ausgerechnet der Mann mit der dicken Nase und den wulstigen Lippen der Schöpfer feingliedriger, schlanker Steinbögen, wie es die Museumsleiterin vermutet? Dafür spricht, dass sich in der Sakristei von St. Reinoldi eine Steinkonsole befindet, die dem Werner Charakterkopf wie zum Verwechseln ähnelt. Dass sich Roseer in der Dortmunder Kirche verewigt hat, ist verbürgt. Allerdings soll sein Konterfei nicht mehr zugänglich sein. Es sei längst verdeckt vom hölzernen Chorgestühl, ist zu lesen. Wer ist dann aber der Unbekannte mit der Knollennase? Ein wichtiger Geselle? Ein zweiter Roseer? Auf jeden Fall ein Anhänger der damaligen Bart-Mode.

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