Eine Chance für längst vergessene Tiere und Pflanzen

Für jede Fläche, die der Mensch bebaut, muss er einen Ausgleich in der Natur schaffen. Und auf Ausgleichsflächen haben längst vergessene Pflanzen- und Tierarten eine Chance. Helga Felgenträger erkundete diese Gebiete in Werne.

von Von Helga Felgenträger

, 27.07.2007, 21:08 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Schauen Sie mal, eine Blattbauch-Libelle“. Über der Uferböschung des Feuchtbiotops an der Hellstraße kreist ein bläulich schillerndes Insekt. Ein typischer Pionier vegetationsarmer Flächen, der andere Lebewesen nach sich zieht“. Burkhard Klinkhammer vom Umweltamt der Stadt Werne, der in Eberswalde Landschaftsnutzung und Naturschutz studierte, sieht in dem winzigen Getier das erste Indiz für eine gut angelegte Ersatzmaßnahme, die 2006 für das Baugebiet „Schomberger Weg“ angelegt wurde. Für Naturliebhaber ein bisweilen trister Anblick: Ein flaches und ein tiefes Gewässer ohne jeglichen Bewuchs, landläufig ließe es sich als Mergelgrube bezeichnen.

Mergelgrube verrät auch etwas über die Kulturgeschichte

„Tatsächlich lassen sich hier Rückschlüsse auf die alten Lehm- und Mergelgruben der Landbevölkerung ziehen“, erkennt der Ökologe anhand des Erdreiches den seltenen Wiesenton-Mergel und erinnert an den Feldbrandziegel, den die Bauern für ihre Höfe selbst herstellten. „Nachdem der Ton abgebaut war, lief die Grube voll Wasser“, schlägt die Ersatzmaßnahme den Bogen zur Kultur-Historie.

In Horst wird kein Baum und kein Strauch vom Mensch gepflanzt

Auf dem Gelände in Horst überlässt der Werner Landschaftsökologe die Bildung der Vegetation der freien Natur. „Kein angepflanzter Baum, kein Strauch soll den Einfluss der Natur stören“, vertraut Klinkhammer auf das jahrhundertealte Keimgut des ehemaligen Flachmoores, das im Erdreich schlummert und bei intakter Keimfähigkeit wieder zutage treten könnte. Bisher eroberte typisches Ackerbegleitgrün wie Sauerampfer und Knöterich die Wiese. Bei einer Extensiv-Grünanlage, die nicht industriell-landwirtschaftlich genutzt und damit nicht gedüngt wird, könnte die Artenvielfalt wieder zurückgeholt werden.

Eine intakte Wiese ist bunt und nicht grün

„70 Pflanzenarten auf 25 bis 50 Quadratmetern“, sagt Klinkhammer. „Eine intakte Wiese ist daher bunt und nicht grün“, so der Ökologe, der auf der Ersatzfläche mit Streuobstwiese und Feuchtbiotop am Rombergweg erste Erfolge erzielte. Der spreizende Hahnenfuß mit seinen weißen Blüten, der zu den gefährdeten Pflanzen zählt, ist hier wieder neben rosa-blühendem Blutweiderich, Rohrkolben oder Flatterbinse heimisch geworden. Mit dem Bewuchs auf den angelegten Flächen ist Klinkhammer zufrieden. Mit einigen Ausnahmen halten sich die Pächter an die Vorgaben: Düngen untersagt! Nur so entsteht wieder ein historisch gewachsenes Landschaftsbild. 

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