Einzelhändler im Lockdown: „Es ist geradezu gespenstisch leer in Werne“

rnCoronavirus in Werne

Kneipen und Restaurants müssen den November über schließen. Das wirkt sich auch auf die Einzelhändler in Werne aus, die weiter öffnen dürfen. Die Auswirkungen sind deutlich spürbar.

Werne

, 18.11.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es nennt sich Lockdown light, dass Gastro-Betriebe, Kinos, Fitness-Studios schließen müssen. Im Gegensatz zum ersten Herunterfahren im Frühjahr 2020 dürfen Einzelhandelsgeschäfte weiter öffnen. Doch der Lockdown light trifft sie trotzdem hart.

Wir sprachen mit den erfahrenen Einzelhändlern Martin Gößl vom Sporthaus Werne und Hubertues Waterhues von der Buchhandlung Beckmann über die aktuelle Lage.

Hallo Herr Gößl, hallo Herr Waterhues. Die Gastronomie muss schließen, Sie dürfen weiter öffnen. Was hat sich dennoch bei Ihnen geändert?

Waterhues: Zunächst einmal dürfen wir deutlich weniger Kunden ins Geschäft lassen. Das bedeutet zu den wenigen Stoßzeiten, die wir momentan haben, dass Leute draußen warten müssen.

Wie viele Leute dürfen Sie in den Laden lassen?

Waterhues: Wir beschränken uns auf fünf gleichzeitig, weil die ja erfahrungsgemäß hin und her laufen. Ansonsten wäre es zu unübersichtlich.

Gößl (lacht etwas gequält): Es wäre schön, wenn es bei uns Stoßzeiten gäbe und Leute warten würden. Aber im Ernst, wird dürfen aufgrund unserer Größe bis zu 46 Leute gleichzeitig hineinlassen.

Einzelhändler im Lockdown: „Es ist geradezu gespenstisch leer in Werne“
„Hoffentlich bleibt uns in Werne Alles erhalten.“
Martin Gößl

Waterhues: Aber außerhalb dieser wenigen Stoßzeiten ist die Frequenz deutlich zurückgegangen.

Gößl: Das stimmt.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Waterhues: Die Verweildauer der Menschen in der Stadt ist deutlich zurückgegangen, die Leute können keinen Kaffee trinken, kein Stück Kuchen essen, kein Bier trinken, kein Schnitzel essen.

Gößl: Jetzt merkt man deutlich, wie groß die Abhängigkeit zwischen Gastronomie-Betrieben und stationärem Einzelhandel ist. Und umgekehrt.

Waterhues: Wenn die Cafés und Kneipen dicht sind, dann ist es geradezu gespenstisch leer in der Stadt.

Spüren Sie das auch in der Kasse?

Gößl: Natürlich. Ein Beispiel ist unsere Skisport-Abteilung. Dafür sind wir seit Jahrzehnten in Werne auch über die Grenzen Wernes bekannt. Aber kaum einer bucht jetzt Skireisen, entsprechend gehen die Nachfrage und der Umsatz zurück.

Aber da Sport im Verein oder im Fitness-Studio untersagt ist, kaufen die Leute nicht beispielsweise Hanteln oder Yoga-Matten für zu Hause?

Gößl: Hanteln und Matten sind schon seit dem ersten Lockdown im Frühjahr schwer zu bekommen. Aber wenn ich eine Hantel verkaufe, gleicht das ja nicht annähernd die nicht verkauften Skier aus, um ein Beispiel zu nennen.

Keine Reisen, kein Sport - die Leute müssten doch jetzt deutlich mehr lesen?

Waterhues: Wenn jeder, der auf eine Reise verzichtet, einen großen Bildband über sein Urlaubsziel kaufen würden... Nein, im Ernst, wir spüren einen Umsatzrückgang dadurch, dass einfach weniger Leute in der Stadt sind.

Einzelhändler im Lockdown: „Es ist geradezu gespenstisch leer in Werne“
„Die Verweildauer der Menschen in der Stadt ist deutlich zurückgegangen.“
Hubertus Waterhues

Wie hoch würden Sie das prozentuale Minus beziffern?

Waterhues: Ich möchte lieber das prozentuale Plus nennen: nämlich das von Amazon. Die haben im dritten Quartal ihren Gewinn enorm gesteigert. Das haben die nicht alles uns weggenommen, aber die Verluste sind in der Kasse spürbar.

Gößl: Wir haben die Kunden, die wir als Skifahrer kennen, gefragt, ob sie dieses Jahr auf die Pisten wollen. Etwa 70 Prozent haben bis jetzt nicht gebucht. Die kaufen dann auch nicht bei uns.

Haben Sie mal dran gedacht, Ihre Geschäfte runterzufahren, die Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken und zu versuchen, an staatliche Gelder zu kommen.

Gößl: Nein, nie.

Waterhues: Nicht eine Sekunde. Wir müssen ja froh sein, dass wir jeden Tag die Türen unserer Geschäfte öffnen dürfen, dass wir die Kunden beraten dürfen, dass wir verkaufen dürfen.

Haben Sie einen Überblick über die aktuelle Lage anderer Händler in Werne?

Waterhues: Jubiliert hat keiner, mit denen ich gesprochen habe.

Gößl: Es ist momentan einfach total schwierig. Jede Woche gibt es etwas anderes. Diese Ungewissheit ist es, die einen mürbe macht. Besser wäre, wenn einer sagen würde: „Bis März 2021 müsst ihr durchhalten, ab dann geht es wieder aufwärts.“

Waterhues: Das wäre schön. Aber das ist ja nur Wunschdenken.

Gößl: Beim ersten Lockdown war sich die Politik über die Marschrichtung einig, das hat sich positiv auf die Bevölkerung ausgewirkt. Jetzt prescht hier mal ein Politiker mit eigenen Ideen vor, dann da mal einer. Das ist nicht gut für das gesamte Klima.

Was passiert, wenn der Lockdown light um weitere Wochen verlängert wird?

Waterhues: Ich frage mich eher, was nach Weihnachten und Silvester passiert. Jetzt heißt es, Zähne zusammenbeißen, um ein schönes Weihnachtsfest zu haben. Und was dann? Liegen wir uns Weihnachten und Neujahr in den Armen, stoßen auf ein besseres 2021 an? Und dann kommt die dritte Welle, weil sich alle wieder angesteckt haben?

Gößl: Ich will mir das gar nicht vorstellen, wenn diese Maßnahmen verlängert werden. Da denke ich nicht nur an mich, sondern an die ganze Stadt. Hoffentlich bleibt uns in Werne Alles erhalten.

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