Ende der Werner Hauptschule: "Eine Träne im Auge"

Großes Interview

Klaus Sichelschmidt (64) war stellvertretender kommissarischer Schulleiter der Schule am Windmühlenberg in Werne. War? Ja, denn seit dem 30. Juni ist Schluss - die Schule ist ausgelaufen, wurde geschlossen. 63 Schüler waren es noch zuletzt. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es ist, eine Schule zum Ende zu leiten.

WERNE

, 04.07.2017, 13:15 Uhr / Lesedauer: 4 min
Ende der Werner Hauptschule: "Eine Träne im Auge"

Schon bald schließt Klaus Sichelschmidt sein Büro ein letztes Mal ab. Der Schulbetrieb für die Hauptschule an der Bahnhofstraße ist seit Juli beendet.

Herr Sichelschmidt, wenn Sie das Rad zurückdrehen könnten – sagen wir, zu dem Zeitpunkt, als klar wurde, dass die Schule am Windmühlenberg schließen muss. Was würden Sie in diesem Prozess bis heute anders machen?

Viel anders machen kann man ja gar nicht. Das kommt ja von oben – das ist ein Beschluss und den müssen wir dann umsetzen. Ich denke, wir haben alles gemacht, was möglich war, um die Schule hier vernünftig zu Ende zu führen. Wir haben immer gesagt, es wäre schöner gewesen, wenn wir drüben geblieben wären. (2013 zog die Hauptschule an die Bahnhofstraße, Anm. d. Red.) Hier hat es einige Probleme durch die Räumlichkeiten gegeben, weil das Schulgebäude begrenzt ist.

 

Mit „drüben“ meinen Sie am Windmühlenberg?

Ja, das wäre für die Schule wahrscheinlich die bessere Lösung gewesen. Auch für das Verständnis der Schüler. Man könnte meinen, manche Schüler haben sich gesagt: Wir sind jetzt das Auslaufmodell und uns ist alles relativ egal, was hier läuft. Wenn wir drüben geblieben wären, hätte es wahrscheinlich eine bessere Identifikation gegeben.

 

Was hat sich in den Zeiten des Umbruchs für ein Gefühl eingestellt bei Schülern und bei Lehrern? Gab es ein engeres Zusammenrücken?

Es gab schon ein engeres Zusammenrücken. Man muss die einzelnen Jahrgänge betrachten. Es ist mehr eine Entwicklung, zum Ende hin ließ bei manchen Schülern die Motivation etwas nach – so kann man das vielleicht nennen. Wobei das wahrscheinlich in jedem Jahrgang der Fall ist.

Wir haben hier eigentlich die Arbeit genauso weitergemacht wie vorher. Vorteil bei einem kleinen Kollegium ist natürlich, dass die Kommunikation besser klappt, denn man braucht keine großen Konferenzen einzuberufen. In der Pause sitzen eh alle zusammen und tauschen sich aus. Das war für die Zusammenarbeit sehr förderlich.

Nun ist Schluss für die Schule. Sind Sie wehmütig?

Das kann ich eigentlich nicht sagen, weil es ja immer weitergeht. Für alle Kollegen, die hier sind, gibt es eine neue Stelle. Ich speziell bleibe hier im Gebäude, ich gehe zur Sekundarschule. Das heißt: Für mich ist das hier nicht abgeschlossen.

 

Wobei ja trotzdem eine Schule mit viel Geschichte ein offizielles Ende findet.

Ja. Eine Träne im Auge – so könnte man das vielleicht sagen.

 

Wie geht es jetzt konkret weiter?

Nach der Abschlussfeier am Samstag war Feierabend. Wir haben 14 Tage Zeit, uns hier ganz zu verabschieden. Wir müssen noch die Fachräume und Klassenräume leerräumen, wir müssen unsere Sachen übergeben. Dann werden wir in kleinem Kreis noch einmal Abschied feiern. Und dann ist die Sache gelaufen.

Jahrelang haben sich die Hauptschule, die Realschule und die Sekundarschule ein Gebäude geteilt. Was bedeutete das für das Zusammenleben?

Es ist nicht ganz unproblematisch. Ich kann nur sagen: Es sind drei Kollegien. Es gibt immer Menschen, mit denen man besser auskommt, es gibt welche, mit denen man nicht so gut auskommt. Wir sind natürlich immer weniger geworden. Wir sind jetzt noch sechs, außerdem noch zwei Kollegen, die aber immer nur kurzzeitig bei uns sind. Also insgesamt acht im Kollegium. Die Realschule hat, glaube ich, auch sechs oder sieben Kollegen. Die Sekundarschule hat mittlerweile um die 80. Dann sind wir im Endeffekt die, die irgendwo noch mitlaufen.

Aber es hat auch Vorteile: Wir müssen zum Beispiel nicht mehr die Spülmaschine ausräumen (lacht). Es fällt ja gar nicht auf, wenn wir da ein, zwei Tassen haben, wenn da 80 Leute ihre Tassen reinstellen. Und es gibt noch viele andere Beispiele, wo es dann wirklich Hand in Hand geht und wir gar nicht mehr viel sagen brauchen. Es ist schon eingespielt.

 

Viele Eltern hatten ja die Befürchtung, dass es schwierig sein wird, vernünftigen Unterricht zu gewährleisten, wenn eine Schule sukzessive aufgelöst wird. Wie haben Sie das Problem gelöst?

Das haben wir, glaube ich, ganz gut gelöst. Da hat der Schulrat auch viel mitgewirkt. Wir konnten wirklich alle Fächer abdecken. Ich glaube, das einzige Problem, das wir hatten, war katholische Religion. Aber auch das haben wir gelöst. Wir mussten nicht sagen: Aha, für dieses Fach haben wir gar keinen Lehrer. Das war immer gewährleistet. Auch mit sechs Personen kann man das hinkriegen.

Die Arbeit mit den Schülern ist etwas schwieriger geworden, aber auch mit einem kleineren Kollegium haben wir das gut bewältigt. Wir haben zum letzten Mal unseren traditionellen Eislauftag durchgeführt und zum Abschluss gab es noch eine Klassenfahrt mit der gesamten Schule in die Niederlande. Daneben liefen Arbeitsgemeinschaften wie die Kanu-AG oder das Schwimmtraining wie gewohnt weiter.

 

Wie viele Lehrer waren Sie, als Sie in das Gebäude an der Bahnhofstraße gezogen sind?

Ich meine, zwischen 15 und 20.

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Was ist dann mit der Differenz passiert?

Man kriegt ja mit, wie so die Entwicklung ist. Viele haben sich gleich von Anfang an woanders beworben. Auch jetzt, im letzten Jahr, sind noch drei, vier Leute gegangen. Die haben sich eben an Schulen beworben, an die sie wollten. Und dann hat der Schulrat dafür gesorgt, dass das fast immer gut geklappt hat.

Das Problem in der Hauptschule ist: Hier werden bestimmte Kollegen natürlich nicht gerne gehen gelassen, weil immer mehr Schulen zugemacht werden, aber der Fachunterricht an den bestehenden Schulen ja geleistet werden muss. Einige Kollegen haben dann nicht einfach die Möglichkeit, sich eine Schule auszusuchen. Das kann man auf der einen Seite verstehen, weil der Unterricht ja laufen muss. Für die betroffenen Kollegen ist es natürlich nicht schön.

 

Sie sprachen vom Verstehen. Können Sie verstehen, dass man damals den Schritt von Haupt- und Realschule zur Sekundarschule gegangen ist?

Tja, das ist eine ganz persönliche Frage. Wir haben das Gesamtschulmodell. Und die Sekundarschule ist ja im Grunde genommen nicht viel anderes. Ich kann jetzt nicht hinterfragen, was speziell für Werne die beste Lösung ist. Aber ich denke mehr an frühere Zeiten zurück.

Früher war ja die Hauptschule nicht so negativ behaftet, was sie heute teilweise ist. Früher haben die Leute acht Jahre Schule gemacht, sind dann in die Lehre gegangen, haben einen Beruf gelernt. Erst kam das neunte Schuljahr dazu, dann das zehnte. Mein Eindruck ist, dass es für manche Schüler viel besser wäre, wenn sie spätestens nach der neun aufhören. Sie sitzen dann noch ein Jahr, obwohl sie gar keine Lust mehr dazu haben. Obwohl es vielleicht besser wäre, wenn sie direkt in eine Ausbildung gehen würden. Und dann vielleicht auch mehr Chancen hätten.

Aber das mit den Chancen hängt auch mit den Leistungen zusammen. Heutzutage werden überall Fachkräfte gesucht, aber wenn die Leistungen der Schüler ein bestimmtes Niveau nicht erreichen, wird sie auch keiner einstellen. Und da schließt sich der Kreis: Ich habe das Gefühl, dass das Niveau leider immer mehr gesunken ist.

 

Das Niveau…?

… der Schulbildung. Das kann ich ganz ehrlich sagen. Das kann man auch daran sehen, was in den zentralen Abschlussprüfungen gefordert wird. Da kann ich mich an andere Zeiten erinnern. Das zeigt, dass da auch schon eine gewisse Anpassung erfolgt ist, damit die Schüler zumindest ein bestimmtes Ziel erreichen können.

 

Und wenn dann Schluss ist – was passiert mit Ihnen persönlich? Wie geht es für Sie weiter, beruflich?

Ich bleibe hier an der Schule. Herr Steiner (Schulleiter der Sekundarschule, Anm. d. Red.) hatte mich angesprochen, ob ich nicht an der Sekundarschule weiterarbeiten möchte. Ich habe hier sehr viel Verwaltungsarbeit gemacht und soll die Kollegen von der Sekundarschule unterstützen – und natürlich auch unterrichten. Von daher habe ich es ganz gut getroffen.

Geschichte der Hauptschule am Windmühlenberg
2006: Durch einen Brand der Fürstenhofschule sind Teile des Gebäudes nicht mehr nutzbar. Eine Lösung für die Hauptschulsituation in Werne: Fürstenhofschule und Marienschule, die am Standort Windmühlenberg liegt, fusionieren zur Hauptschule am Windmühlenberg.
2007/2008: Die Schüler werden vorerst in beiden Gebäuden unterrichtet: Die Klassen 5 bis 8 in der ehemaligen Marienschule und die Klassen 9 bis 10 im Gebäude der ehemaligen Fürstenhofschule.
2010: Alle Schüler der fusionierten Hauptschule werden am Standort Windmühlenberg unterrichtet.
2011: Die Schule am Windmühlenberg nimmt den letzten Jahrgang auf.
2013: Das Schulzentrum an der Bahnhofstraße 1 kann bezogen werden. Die Klassen ziehen am 8. April – zusammen mit den Schülern der Konrad-Adenauer-Realschule und den Schülern der neuen Marga-Spiegel-Sekundarschule – in den Bau ein.
2017: Am 30. Juni lief die Schule am Windmühlenberg offiziell aus.

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