Erste Stadtführung für sehbehinderte Menschen

In der Werner Altstadt

Den Urlaubsort bei einer Stadtführung besser kennenlernen? Walter Görlitz (60) winkt ab. Das bringe ihm gar nichts. Der Bergkamener ist blind. „Und die wenigsten Gästeführer beschreiben die historischen Gebäude, über die sie sprechen.“ Dass es auch anders geht, hat der Vorsitzende des Sehbehinderten- und Blindenvereins des Kreises Unna am Mittwoch in Werne erlebt: Wir waren auch mit Video- und Fotokamera dabei.

Werne

, 16.07.2015, 15:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
Erste Stadtführung für sehbehinderte Menschen

Vor vom Rathaus gibt es ein Tastmodell für blinde und sehbehinderte Menschen. So können sie ertasten, was ihnen durch das fehlende Augenlicht verborgen bleibt.

Görlitz hat mit elf anderen Männern und Frauen, die kaum oder gar nicht sehen können, an der ersten Werner Stadtführung für Blinde und Sehbehinderte teilgenommen: eine besondere Herausforderung für Heidelore Fertig-Möller, die Leiterin des Stadtmuseums.  „Ich muss  die Teilnehmer mit meinen Augen sehen lassen“, sagt sie. Das bedeute:  Beschreiben, beschreiben, beschreiben – und anfassen lassen.

Tastmodelle helfen

Dabei helfen die vier Tastmodelle in der  Innenstadt -  kleine Bronzegüsse von historischen Gebäuden: dem Stadtmuseum am Kirchhof, der Kirche St. Christophorus im Herzen der Altstadt, dem 500 Jahre alten Rathaus am Markt und dem Bürgerhaus aus dem 19. Jahrhundert auf der Steinstraße.

Da könne die Gästeführerin noch so treffende Worte wählen, sagt Elke Jagielki (52): „Wenn man die Finger über die Modelle wandern lässt, bekommt man einen noch intensiveren Eindruck.“

FOTOSTRECKE
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Stadtführung für Blinde

Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller führt eine Gruppe von sehbehinderten Menschen durch den Innenstadtkern von Werne.
16.07.2015
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Die selbstdrehende Kugelspitze am Ende des weißen Taststocks ist ein zuverlässiger Alltagsbegleiter für Menschen, die nicht sehen können.© Foto: Sylvia vom Hofe
Heinz Heidemann staunt. Obwohl er gebürtiger Werner ist und sich bestens auskennt in seiner Stadt, hatte der stark Sehbeinderte das noch nicht entdeckt: Einkerbungen im Sockel des Alten Rathauses. Dort habe das Wachpersonal einst seine Waffen geschliffen, sagt Heidelore Fertig-Möller.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Ausgangspunkt der Stadtführung: das mittelalterliche Stadtmodell im Museum am Kirchhof. Allerdings befindet es sich - unertastbar für die Blinden und Sehbehinderten - unter Glas. Museumsleiterin Heidelore Fertig-Möller hofft, dass sich ein Sponsor findet, der die 20 000 Euro für ein Tastmodell aus Bronze zur Verfügung stellt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Hotel Baumhofe: ein attraktiver, denkmalgeschützter Fachwerkbau aus dem 15. Jahrhundert. Das Schiild mit der Aufschrift 1484, von de die Museumsleiterin spricht, suchen auch die sehenden Begleiter der Gruppe lange vergebens.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Museum, wie es dieTeilnehmer der Stadttour nicht sehen können.© Foto: Sylvia vom Hofe
Am Kapuzinerkloster: Dass Kapuziner nach Werne kommen, haben sich die Werner Bürger vor über 350 Jahren selbst gewünscht, wie Fertig-Möller sagt: "Es war damals um die Moral schlecht bestellt in der Stadt."© Foto: Sylvia vom Hofe
Am jüdischen Friedhof: einem Platz, der den meisten Teilnehmern der Gruppe bislang verborgen geblieben ist. Er befindet sich hinter dem letzten erhaltenen Stück Stadtmauer.© Foto: Sylvia vom Hofe
Zwischen Kirchplatz und Marktplatz erläutert Heidelore Fertig-Möller die baugeschichte des historischen Rathauses.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Museum selbst ist ein historisches Gebäude: das Alte Amtshaus von 1691 auf dem Kirchhof. Vor dem Haus steht ein Tastmoidell: das Haus im Miniformat aus Bronze.© Foto: Sylvia vom Hofe
Angelika Börste, die zusammen mit Heinz Heidemann die Werner Gruppe leitet, hat seit 29 Jahren eine Augenkrankheit, die sich stetig verschlechtert.© Foto: Sylvia vom Hofe
Heinz Heidemann (2. v. r.) , Sprecher der Werner Gruppe, ist in Werne geboren. Er freut sich über das Angebot der Stadtführung besonders.© Foto: Sylvia vom Hofe
Anfassen heißt für Menschen, die nicht sehen können, mit den Händen sehen - in diesem Fall eine Schreibfeder.© Foto: Sylvia vom Hofe
Aus großen Steinblöcken haben die Werner vor etwas mehr als 500 Jahren das historischen Rathaus errichtet.Es gleiche vollkommen einem gotischen Bogenhaus, wie es für Münster typisch sei, sagt Heidelore Fertig-Möller. Mancher weiß, was sie meint. In Münster gibt es auch Stadtführungen für Blinde.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die hebräischen und deutschen Inschriften können die Teilnehmer der Gruppe tastend unterscheiden.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Chor der Kirche St. Christophorus prägt die Altstadt Wernes.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Tafel an der Kirche erinnert an den Erbauer der Klosterkirche und des Klosters direkt daneben: Kapuzinerpater und Architekt Ambrosius von Oelde.© Foto: Sylvia vom Hofe
Walter Görlitz, der Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenvereins des Kreises Unna, freut sich über das Angebot von Stadtführungen für Sehbehinderte. "Man muss viel mehr erklären als bei anderen Führungen, wo es nur heißt: Schauen Sie hierhin, schauen Sie dahin", sagt er. Heidelore Fertig-Möller habe diese Aufgabe "sehr gut gelöst".© Foto: Sylvia vom Hofe
Auf dem Roggenmarkt: Das Fachwerkhaus das Heidelore Fertig-Möller der Gruppe zum Abschluss der Tour vorstellt, ist das älteste in Werne.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Tastmodell der Kirche St. Christophorus. So viel Heidelore Fertig-Möller das älteste Gotteshaus der Stadt auch beschreiben mochte, dieses Modell vermittelte den Sehbehinderten noch mehr Informationen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Dass eine Tafel mit dem Bild des Heiligen Christophorus in den Giebel des Rathauses eingelassen ist, können die Mitglieder der Gruppe nicht sehen. Die Museumsleiterin beschreibt es.© Foto: Sylvia vom Hofe
Elke Jagielki aus Bergkamen liebt Krimis, die im Mittelalter spielen - vielleicht in solchen Gassen wie in Werne. Dank der Führung hat sie jetzt eine neue Vorstellung davon. "Die Führung hat den historischen Charme der Altstadt begreifbar gemacht", sagt sie.© Foto: Sylvia vom Hofe
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Obwohl die meisten in der Gruppe in Werne leben,  kennen viele diese Modelle nicht. „Ich entdecke das zum ersten Mal“, gibt Angelika Börste (67) zu. Dabei lebe sie schon 46 Jahre in der Lippestadt – davon 29 Jahre als zunehmend Sehbehinderte. 

Sie hat mit den Händen das Walmdach des Museums ertastet und die gotischen Bögen des Alten Rathauses - „und da konnte ich mich wieder viel besser erinnern“ an die Bilder der Stadt, die sie nach wie vor in sich bewahre.

Wissen über Situation der blinden Menschen ist begrenzt

18 Menschen besuchen die Angebote der Werner Gruppe des Blinden- und Sehbehindertenvereins. Die Zahl der Betroffenen sei wesentlich höher, ist sich Walter Görlitz sicher. „Bestimmt 200.“ Kreisweit kann er konkrete Zahlen nennen: „1200 Menschen beziehen Blindengeld.“ Schwer sehbehindert seien aber rund 2500. Trotz der recht hohen Zahl sei das Wissen über die Situation der Betroffenen  sehr begrenzt.

Görlitz, bei dem die erblichen Augenkrankheit Retinitis Pigmentosa ausbrach, als er 36 war,  nennt ein Beispiel:  Bis er vor wenigen Jahren völlig erblindete, habe er noch in der Mitte ganz wenig sehen können – etwa Preisschilder. „Das ging gerade noch, während an den Seiten nichts mehr möglich war.“

Auf weißen Taststock angewiesen

Längst habe er seine Arbeit als Industriemeister für die Fachrichtung mikrobiologische Produkte nicht mehr ausüben können, sei auf den weißen Taststock angewiesen gewesen. „Da stand ich in einem Geschäft und entzifferte die Preisschilder.“ Andere Kunden hätten ihm da vorgeworfen zu simulieren. Blinde könnten schließlich nicht sehen. Das habe weh getan.

Der Vorsitzende der Selbsthilfegruppe will gerne einmal alle Städte des Kreises besuchen und über die Situation der Sehbehinderten und Blinden sprechen. „Dann könnte man uns besser verstehen.“

In Werne war das nicht nötig. Heinz Heidemann, gebürtiger Werner und von Klein auf fast blind, hatte als Sprecher der Werner Gruppe schon vor Jahren Kontakte geknüpft zu Heidelore Fertig-Möller. Die Museumsleitern hatte 2014 bereits die Gruppe besucht – und Exponate aus dem Museum mitgebracht:  etwa das mittelalterliche Brandhorn, einen Helm oder eine Bergmannslampe. Damals sei die Idee geboren worden, auch einmal eine Stadtführung anzubieten.

Umliegende Städte bieten Blindenführungen schon an

Das sei zwar immer noch etwas Besonderes. „In Münster und anderen touristisch reizvollen Großstädten gibt es das aber schon“, weiß Heidelore Fertig-Möller. Und auch im Kreis Unna würden sich Gästeführer mehr und mehr um die besondere Zielgruppe bemühen, so Görtlitz: „Wir haben schon einmal so eine Führung in Unna gemacht. In Lünen sind wir einen Stück des Jakobswegs gegangen, und in Bergkamen wurden wir über das Römerlager und die Halde Großes Holz geführt - alles sehr gut.“

Nur eine Führung über  die Marina in Rünthe sei eine Enttäuschung gewesen: „Da musste ich immer bitten: ,Beschreiben Sie doch: Welche Farbe hat der Kran? Wie groß ist das Boot?‘“  Daraus habe der zuständige Gästeführer aber gelernt. Heute passiere ihm das nicht mehr. 

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