Film-Editor bewahrt Wernern ihre alten Aufnahmen

Schmalfilme auf DVD

Walter Keese ist auf Tour - mit seiner Dienstleistung, alte Schmalspurfilme und Videokassetten auf DVD zu bannen. Der 60-Jährige bewahrt private Erinnerungen vor dem Verfall - eine ungewöhnliche Geschäftsidee. Ein Morgen im Werner Hotel am Kloster - zwischen Tüll und Tränen und dicken Kindern in der Badewanne.

WERNE

, 19.08.2017 / Lesedauer: 4 min

Es sind zwei Sorten von Menschen, die an diesem Morgen ins Hotel am Kloster kommen: die mit den vollgepackten Taschen, die keine Ahnung haben, welche Filmchen sie da eigentlich mitgebracht haben; und die mit den kleinen Andenken von damals, als die Erinnerungsträger noch unhandlich waren und die Urlaubsvideos ohne Ton.

Theo Strunk gehört zu der Sorte, die ganz genau weiß, was ihr Super-8-Film abspielt – das Urlaubsvideo aus dem Grindelwald hat er schon zigmal gesehen. Der 82-Jährige ist der Erste, der um kurz nach neun, 55 Minuten vor dem offiziellen Beginn der Veranstaltung, im vierten Stock des Hotels auf der Matte steht. Er kennt den Inhalt seines Videos, er kennt den Ablauf, die Protagonisten – jetzt wünscht er sich eine bessere Schärfe.

In der Hoffnung, dass Walter Keese seinen Film heute noch fertig machen kann, kündigt er an, am Nachmittag noch einmal wiederkommen zu wollen.

Leute haben keinen passenden Rekorder mehr 

Insgesamt 77 Leute wollen sich ihre Filme an diesem Tag auf DVD komprimieren lassen. Angefangen hat Walter Keese vor 31 Jahren damit, auf Super-8- oder Normal-8-Film gebannte Erinnerungen auf Videokassetten zu überspielen. „Das war Ende der 80er-Jahre ein regelrechter Hype“, sagt der gebürtige Bochumer. Heute wiederum, erzählt der Mann mit dem grauen Schnurrbart, kommen die Leute mit ihren Videokassetten, weil sie keinen passenden Rekorder mehr haben, der die Filme abspielt.

Einen Videorekorder hat er heute nicht dabei. Aufgebaut hat er dafür drei sogenannte Abtastgeräte und zwei kleine Monitore. Die Leute, die über den Inhalt ihrer Super-8-Filme nicht Bescheid wissen, können sich hier überraschen lassen; für die mit den Videokassetten kommt das Endergebnis in ein paar Wochen auf dem Postweg nach Hause.

Urlaubserinnerungen und Kindheitszeugnisse

Walter Keese versteht sein Handwerk, aber auch dessen Vermarktung. Er ist Medienprofi, weiß ganz genau, was die Presse von ihm hören will: „Das meiste sind dicke Kinder in der Badewanne“, sagt er und kann sein Grinsen unter dem Schnurrbart gerade so verstecken. Dicke Kinder in der Badewanne bekommen wir heute nicht zu sehen, dafür ein weiteres Video aus dem Urlaub - diesmal nicht Grindelwald in der Schweiz, sondern noch weiter südlich, am Gardasee.

Ob sie noch wisse, wann das war, fragen wir Christel Saremba, die vor dem kleinen Monitor ins Grübeln kommt. Die 64-jährige Wernerin verfolgt mit den Augen ihren Sohn, der als kleiner Junge im Wasser planscht. Sie weiß es nicht, viel wichtiger sind aber ohnehin die Erinnerungen, die über den Bildschirm flackern. Dass sie die in diesem Moment mit Walter Keese und der Presse teilt, stört sie nicht. 28 Super-8-Filme und fünf Videokassetten gibt sie ab. Auf Wiedersehen. Der Nächste bitte.

Bedarf an Videotransfers hält weiter an

Walter Keese ist weg von den dicken Kindern in der Badewanne. Er erzählt nun ehrlicher. Davon, dass vielleicht die ersten sechs Wochen spannend, lustig und ungewöhnlich seien. „Danach ist das wie jeder andere Job auch“, sagt er. „Das kann unglaublich langweilig für jeden sein, den es nicht betrifft.“ Bettgeschichten packt er nicht aus, seine Kunden sollen ihm schließlich vertrauen können. Über ein Thema will er gar nicht erst reden: einen Fall von Kinderpornografie. Das sei damals nicht mehr seine Angelegenheit gewesen, sondern die der Polizei. Das Meiste aber ist Routine. Zum Glück.

Eine Frau mit Tasche kommt rein. Vollgepackt bis zum Reißverschluss. Später zeigt Walter Keese auf das Formular, das er mit Name und Anschrift den jeweiligen Filmen zuordnet. Name und Anschrift zeigt er uns nicht, tippt nur auf die Zahl oberhalb des Blattes: 2000 Euro. An die 100 Filme muss die Frau dagelassen haben – ein gutes Geschäft. Schon vor Jahren dachte Keese, dass der Bedarf schnell gedeckt sei. „Ich dachte, es hört irgendwann auf. Aber es geht immer weiter.“ Wenn es seine Kunden schon nicht tun, muss er selbst den Schlussstrich ziehen. In ein paar Jahren will er aufhören. Dann reicht’s – wahrscheinlich auch mit dem Geld.

Ehepaar sah altes Hochzeitsvideo erstmals nach 45 Jahren

RN-Mitarbeiterin Kirsten Voß kommt im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin wesentlich günstiger weg. Zwei Ballettvideos hat sie mitgebracht. „Sie sind die Dritte heute“, sagt Walter Keese und zeigt auf den Tisch. Drei Videokassetten mit dem jeweils gleichen Deckblatt. Vielleicht ehemalige Ballettfreundinnen, die auf dieselbe Idee gekommen sind? Zwei bis drei Wochen muss Kirsten Voß nun auf ihre alten Schätze warten. Der geplante DVD-Abend mit den Freundinnen von früher wird dieses Mal ein ganz Besonderer sein.

Für Walter Keese ist es ein Geschäft, für die Menschen, die zu ihm kommen, viel mehr. Der Mann mit dem flapsigen Ausdruck in der Stimme bringt ein Lächeln auf das Gesicht seiner Kunden – manchmal aber auch eine Träne. „Vieles ist tränenreich“, sagt er und erzählt von einem Paar, das erst nach 45 Jahren seinen alten Hochzeitsfilm gesehen hatte. Was das für die Leute bedeute, lasse sich kaum beschreiben.

Filme sind reich an Erinnerungen

Irgendwann steht Theo Strunk wieder im Raum. Ob die DVD fertig sei, fragt er. Leider nein, aber vielleicht wolle er sich das Video auf dem Monitor noch einmal ansehen. „Ich bin begeistert von der Schärfe“, sagt der 82-Jährige. Insgesamt viermal sei er mit seiner Familie in der Schweizer Gemeinde Grindelwald im Urlaub gewesen. „Ich freue mich schon, das meinen Söhnen zu zeigen“, sagt er.

Der alte Mann kommt ins Erzählen, schaut dabei unentwegt auf das private Video vor ihm. Ton braucht er nicht, um sich zurückzuversetzen in die Zeit, als seine Frau noch gesund und am Leben war. „Meine Frau kann ich nicht so gut sehen“, sagt er. Es fällt ihm schwer, und trotzdem versinkt er in den Bildern.

Viele Filme sind tränenreich; sie alle sind reich an Erinnerungen.

Das Schmalfilmformat Super 8
Die Filmdigitalisierung in Werne war am Mittwoch die 624. Veranstaltung dieser Art, die Walter Keese in zehn Jahren durchgeführt hat.
Seine Firma heißt (Zum Selsberg, Beverungen). Keese bietet die Übertragung von Schmalfilmen und Videokassetten auf DVD an.
Das Schmalfilmformat Super 8 wurde 1965 von Kodak eingeführt und war überwiegend für den privaten Bereich gedacht. In den 80er-Jahren wurde es von der Videotechnik VHS abgelöst. Als Schmalfilm werden alle Filmformate bezeichnet, die schmaler sind als der 35 Millimeter breite Normalfilm. Das Aufnahmematerial wurde in Laufbildkameras verwendet.

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