Heute ein Garagenhof: So ging es mit dem Fischerhof in Werne bergab

rnVideokolumne Heidewitzka

Der Fischerhof in Evenkamp war mal ein ganz besonderer Schauplatz. Ein echter Hot Spot sozusagen. Sogar die Fußballer des BVB gastierten hier mal. Um die Geschichte dahinter geht’s in unserer Videokolumne Heidewitzka.

Werne

, 30.05.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Eine Dame geht gemächlich über den alten Garagenhof am Rande der Lippe auf Höhe der Fischerhofbrücke. Sie öffnet eines der Garagentore, steigt in ihr Auto und fährt davon. Nicht besonders spektakulär. Und kaum zu glauben, dass dieses Grundstück hier einst ein echter Hot Spot war, eine Art kultureller Mittelpunkt der Kolonie Evenkamp sozusagen. Mit Partys und Sport-Events, bei denen sich sogar die Fußballer von Borussia Dortmund sehen und von mehr als tausend Zuschauern feiern ließen. Aber der Reihe nach...

Im Jahre 1911 gründet die niedersächsische Aktiengesellschaft Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein in der Bauerschaft Evenkamp eine Zechensiedlung. Nachdem bereits ein paar Jahre zuvor die Zeche Werne abgeteuft wurde, locken die Werber nun immer mehr Bergleute aus dem Osten in die kleine Lippestadt. Und für die braucht man natürlich Wohnraum. Also baut das Unternehmen fleißig Häuser. In den 1920er-Jahren leben bereits rund 2000 Menschen in der Kolonie - Bergleute, die alle auf dem Werner Pütt malochen.

Video
Heidewitzka - Folge 30: Der Fischerhof in Evenkamp

Das bedeutet vor allem eines: viel harte Arbeit und nur wenig Freizeit. Eigentlich bleibt nur der Sonntag zum Entspannen. Das ein oder andere Bierchen und auch ein bisschen sportliche Betätigung stehen an diesen Tagen besonders hoch im Kurs. Da kommt es den Kumpeln natürlich gelegen, dass der Wirt der Gaststätte am Fischerhof - einem Anfang des 20. Jahrhunderts umfunktionierten Bauernhof - ihnen ein nettes Angebot macht: Das Stück Grasland zwischen Gaststätte und Lippe-Ufer dürfen die Bergleute nutzen, um darauf einen Sportplatz zu errichten.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Evenkamp-Serie: Das sind die historischen Fotos von Ernst Lübke

Er wollte seinen Aquarien-Freunden etwas Besonderes bieten: Ernst Lübke, Werner und einstiger Hobby-Fischzüchter, bestieg dazu in den 1960-er Jahren den St. Christophorus Kirchturm und machte Bilder von Werne aus der Luft. Die Bilder kamen zu seiner Sammlung von historischen Aufnahmen der Stadt und des Evenkamps hinzu. Hier gibt es eine Auswahl der verschiedenen Ansichten von Werne.
04.11.2016
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Vom Kirchturm aus hat Ernst Lübke in die Bonenstraße fotografiert.© Foto: Ernst Lübke
Die Moormannfabrik stand einst mittendrin in der Stadt.© Foto: Ernst Lübke
Ein Blick auf das alte Krankenhaus (l.)© Foto: Ernst Lübke
Das Kohlekarussell in der Zeche Werne.© Foto: Ernst Lübke
Der Sandbagger an der Lippe.© Foto: Ernst Lübke
Mit 18 Jahren kam Ernst Lübke nach Werne.© Foto: Ernst Lübke
Ernst Lübke konnte einen Teil seiner Glockensammlung aus dem Evenkamp mit ins Altenheim nehmen.© Foto: Helga Felgenträger
Rundblick über den Bergwerksbetrieb mit Blick in die Stadt.© Foto: Ernst Lübke
Ein Blick auf die Hüsingstraße mit Köttersbergschule (l.).© Foto: Ernst Lübke
So sah das Zechenhaus vor der Privatisierung und Sanierung aus.© Foto: Ernst Lübke
70 Jahre lang hat Ernst Lübke im Evenkamp gelebt.© Foto: Ernst Lübke
Die Gleisanlagen mit Blick auf die Lippestraße.© Foto: Ernst Lübke
Ein Blick in den Sommergarten.© Foto: Ernst Lübke
Auch vom Kohlebunker aus hat Ernst Lübke fotografiert.© Foto: Ernst Lübke
Vom Kirchturm St. Christophorus aus: Kloster im Vordergrund und Zeche Werne dahinter.© Foto: Ernst Lübke
Auch dieses Bild hat Ernst Lübke aus dem Kirchturm von St. Christophorus gemacht. Das langgezogene Gebäude mit den Pultdächern zeigt die ehemalige Kleiderfabrik Plutte, in die später der Kaufpark eingezogen ist. Im Hintergrund die St. Konrad-Kirche. Vorne links die Schulstraße.© Foto: Ernst Lübke
Das Lippewehr mit den Sand-Baggerarbeiten im Hintergrund.© Foto: Ernst Lübke
Ernst Lübke fotografierte auch vom Kohlebunker aus den Bergwerksbetrieb an der Kamener Straße.© Foto: Ernst Lübke
Blick in den Förderturm der Zeche Werne.© Foto: Ernst Lübke
Der Werner Bergbaubetrieb mit Blick auf die Stockumer Straße im Hintergrund.© Foto: Ernst Lübke
Der Förderturm.© Foto: Ernst Lübke
Rundblick über den Bergwerksbetrieb mit Blick in die Stadt.© Foto: Ernst Lübke
Rundblick über den Bergwerksbetrieb mit Blick in die Stadt.© Foto: Ernst Lübke
Seine Zündapp hegte und pflegte er.© Foto: Ernst Lübke
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Natürlich nimmt die Zechenbelegschaft ohne großes Zögern an - und errichtet anschließend in vielen Stunden harter Arbeit nicht nur einen Sportplatz, sondern gründet nebenbei auch noch einen Sportverein, den VfL Werne. Bergleute sind schließlich bekannt dafür, keine halben Sachen zu machen.

Spiel gegen BVB endet für VfL Werne mit Niederlage

1928 wird hier erstmals gekickt, aber auch Leichtathletik betrieben. Und dann kommt es im Jahr 1971 zum sportlichen Highlight. Der VfL empfängt die Mannschaft von Borussia Dortmund. Rund 1500 Besucher säumen den Sportplatz am Fischerhof und jubeln den Spielern zu. Der benachbarte Fluss, die Lippe, fungiert auch in dieser Partie zum „23. Spieler“, wie es heißt. Und das ist ein Akteur, dem es unter anderem darum geht, Zeit zu schinden.

1500 Zuschauer zählte das Lippestadion aus dem Jahre 1971 bei dem Spiel zwischen VfL Werne und Bundesligisten Borussia Dortmund: von l. Rasovic, Schäper, Mietz, Bertram, Peehs, Schütz und Langer.

1500 Zuschauer zählte das Lippestadion aus dem Jahre 1971 bei dem Spiel zwischen VfL Werne und Bundesligisten Borussia Dortmund: von l. Rasovic, Schäper, Mietz, Bertram, Peehs, Schütz und Langer. © Fotoarchiv Raimund Langer

Pro Spiel landen nämlich vier bis fünf Bälle in dem Fluss. Einige davon können die Evenkämper Balljungen noch vor Ort aus dem Gewässer fischen - andere Spielgeräte hingegen treibt es weiter flussabwärts bis nach Lünen. Die Partie gegen die Schwarz-Gelben endet aus Sicht des VfL mit 3:6. Dennoch wird gemeinsam gefeiert. Natürlich im Fischerhof.

Fischerhof als Event-Location in Evenkamp

Die Gaststätte hat sich über die Jahrzehnte als eine Art Event-Location etabliert. Sämtliche Familienfeiern - von der Taufe über die Hochzeit bis zur Beerdigung - finden hier im großen Festsaal statt. Doch als die Zeche Werne 1975 schließt, geht es auch mit dem Fischerhof allmählich bergab. Bis Ende der 80er-Jahre gibt es hier zwar noch eine Diskothek - die Deele, in der sich durchaus mal die Evenkämper Jugendlichen mit ihren nicht immer beliebten Werner Pendants in die Köpfe kriegen.

Doch schon 1991 wird das Gebäude abgerissen. Es entsteht ein Wohnkomplex samt Garagenhof. Den gibt es noch heute, im Jahr 2020. Doch inzwischen jubelt keiner mehr, wenn jemand diesen Platz betritt.

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