Gottfried Forstmann: „Viele Menschen haben Scheu vor dem Ehrenamt“

rnThemenreihe „Reine Ehrensache“

Gottfried Forstmann (67) ist ehrenamtlich durchaus mehrspurig in der Lippestadt unterwegs. Regie hat er dabei nicht nur auf der Freilichtbühne geführt - sondern auch auf ganz grundlegende Weise.

Werne

, 03.10.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zugegeben: Das, was Gottfried Forstmann in seiner Freizeit bislang für die Lippestadt getan hat, klingt nicht gerade nach klassischem Ehrenamt. Der 67-Jährige liefert nicht täglich Essen auf Rädern aus. Er stürzt sich auch nicht in brennende Häuser, um Menschenleben zu retten. Forstmanns ehrenamtliche Tätigkeit sieht anders aus.

Da wäre etwa das frühe Engagement in der Interessengemeinschaft Werner Karneval (IWK) in den 1970er Jahren, als der Verein noch in den Kinderschuhen steckte. Oder auch die Tätigkeit bei den Bürgerschützen. Oder die Vorstandsarbeit beim Verkehrsverein Werne. Oder – und daran hängt Forstmanns Herz besonders – die Freilichtbühne.

Der pensionierte Lehrer könnte stunden-, wenn nicht sogar tagelang über das Plaudern, was er in und mit der Freilichtbühne erlebt hat. Er könne sich noch gut daran erinnern, wie sein Engagement dort damals angefangen habe. 1977 sei das gewesen. 24 Jahre jung war Forstmann – und nach eigener Einschätzung eigentlich schon recht alt für so etwas wie eine „Schauspielkarriere“.

Die ersten Schritte in der Werner Freilichtbühne

Sein Gastspiel kam durch eine Kneipenwette zustande. „In der Kneipe wurden zu der Zeit ja viele wichtige Entscheidungen getroffen“, sagt Forstmann mit einem Augenzwinkern. Sein erstes Stück? „Sturm im Maßkrug“, schießt es aus dem Werner Bühnen-Urgestein heraus. Und da habe er gleich einen Bock geschossen.

Seine einzige Aufgabe sei es gewesen, die Tür einer Kutsche zu öffnen. Unzählige Mal sei die Szene geprobt worden. Bei der Premiere öffnete Forstmann die Tür dann auch – allerdings auf der falschen Seite. Als unbeabsichtigtes Missgeschick habe das im Publikum allerdings niemand aufgefasst. Glück gehabt.

Beim Lutherspiel im Jahr 2017 spielte Forstmann die Hauptrolle.

Beim Lutherspiel im Jahr 2017 spielte Forstmann die Hauptrolle. © Marie Rademacher

Bei deutlich mehr als 500 Aufführungen hat Forstmann seither in der Freilichtbühne mitgewirkt. Als Schauspieler, Organisator und Regisseur. Seit 2013 ist er Ehrenvorsitzender des Vereins, hat aber nach wie vor seine Finger mit im Spiel. Denn: „Ganz ohne Regie geht es für mich nicht“.

Wenn er heute auf das Gesamtkonstrukt der Freilichtbühne schaut, dann erfüllt ihn das durchaus mit Stolz. Aber nicht nur, weil sich der Verein, der ursprünglich lediglich eine Sparte des Heimatvereins war, im Laufe der Jahre zu einer echten Institution gemausert hat. „Wir haben viele junge Leute im Team. Das ist wirklich eine tolle Sache und eine gute Entwicklung“, erklärt der 67-Jährige.

Voller Einsatz für den Werner Verkehrsverein

In Zeiten, in denen viele Vereine über Mitgliederschwund und Nachwuchsprobleme klagen, mit anderen Vereinen fusionieren oder sich sogar ganz auflösen, sieht es bei der Freilichtbühne eher sonnig aus. Anders ist die Lage hingegen beim Verkehrsverein Werne. Auch dort ist Forstmann Vorsitzender. Zwar haben sich die Mitgliederzahlen des Vereins in den vergangenen 20 Jahren konstant zwischen 140 und 150 bewegt – aber junge Menschen, die in die Fußstapfen der älteren treten, sind kaum in Sicht.

Dabei hat auch der Verkehrsverein durchaus Bezüge zum Schauspiel. Aus ihm ging unter anderem der Verein „Theater für alle“ hervor, der schon viele szenische Großveranstaltungen in der Lippestadt auf die Beine gestellt hat – etwa das Lutherspiel im Jahr 2017 oder den „Einzug der Kapuziner in Werne“.

Regie hat der Werner nicht nur in der Freilichtbühne geführt, sondern auch bei szenischen Stadtführungen.

Regie hat der Werner nicht nur in der Freilichtbühne geführt, sondern auch bei szenischen Stadtführungen. © Felix Püschner

Dutzende Schauspieler und deutlich mehr Zuschauer tummelten sich bei diesen Aufführungen an den verschiedensten Schauplätzen in der Altstadt. Wer das Spektakel verpasst hat, bekommt bei den ebenfalls vom Verkehrsverein angebotenen Themenführungen immerhin noch ein bisschen historisches Flair vermittelt – wenn Wernes Stadtführerin Heidelore Fertig-Möller sich beispielsweise in das historische Gewand des Stadtsekretarius oder Jakobpilgers kleidet und durch Werne zieht.

Seinen Sitz hat der 1985 gegründete Verkehrsverein mittlerweile am Roggenmarkt – im ehemaligen Floristikgeschäft, das zunächst Forstmanns Mutter, dann seine Schwester und schließlich seine Nichte führten. Pro Jahr finden in den Räumlichkeiten mehr als 120 Veranstaltungen statt – darunter Besprechungen und Vorträge. „Das alles zu organisieren, kostet schon Kraft und manchmal auch Nerven“, gibt Forstmann zu.

Heidelore Fertig-Möller und Gottfried Forstmann machen in ihrer Funktion als Vorstandsmitglieder des Verkehrsvereins Werbung für die Lippestadt.

Heidelore Fertig-Möller und Gottfried Forstmann machen in ihrer Funktion als Vorstandsmitglieder des Verkehrsvereins Werbung für die Lippestadt. © Helga Felgenträger

Den Kopf in den Sand zu stecken, kommt für das Werner Urgestein aber nicht infrage. Warum? Weil ehrenamtliches Engagement manchmal eben anstrengend sei. „Ich habe auch den Eindruck, dass viele Menschen ein bisschen Scheu vor dem Ehrenamt haben. Sie wollen sich nicht dauerhaft daran binden, sondern lieber nur bei zwei oder drei kleinen Projekten mitmachen. Und sie brauchen dabei ein bisschen Anleitung“, vermutet Forstmann.

Ein befristetes ehrenamtliches Engagement - dagegen gibt es ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Besser so alles gar nichts. Schließlich sei es ungemein wichtig, sich zu engagieren, sagt Forstmann. Für andere Menschen und für die Lippestadt. Denn ohne Ehrenamt wäre vieles nicht möglich. Und dafür braucht es an der ein oder anderen Stelle eben auch einen Regisseur.

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Themenreihe zum Ehrenamt in Werne

  • In unserer Themenreihe „Reine Ehrensache“ stellen wir in unregelmäßigen Abständen Ehrenamtler aus Werne vor. Viele von ihnen verstehen sich nicht als Einzelkämpfer, sondern stehen stellvertretend für Vereine oder Organisationen.
  • Die Ehrenamtskarte muss von den Interessenten beantragt werden. Voraussetzungen sind ein überdurchschnittliches Engagement von mindestens fünf Stunden pro Woche beziehungsweise 250 Stunden pro Jahr sowie eine Ausübung seit mindestens zwei Jahren. Außerdem darf die ehrenamtliche Tätigkeit ausschließlich für Dritte und ohne Aufwandsentschädigung (außer tatsächlich entstandene Kosten, etwa Fahrtkosten) erfolgen. Wohnsitz und/oder Einsatzort des Ehrenamtes muss Werne sein. Das Mindestalter ist 16 Jahre.
  • Die Ehrenamtskarte bietet ihren Inhabern verschiedene Vergünstigungen - vom Buchkauf bis hin zu Kino- und Theaterbesuchen.
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