„Es bewegt mich unheimlich“: Hans-Werner Diel trifft nach Herzinfarkt endlich seine Lebensretter

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Erleichterung für Hans-Werner Diel (72): Nach dem Herzinfarkt, den er beim Werner Stadtlauf 2016 erlitten hat, trifft er seine Lebensretter. Um sich zu bedanken und mit dem Trauma abzuschließen.

Werne

, 27.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Es ist wie ein Puzzle, das fast fertiggestellt ist. Es fehlen aber noch die letzten Teile, um es abzuschließen. Hans-Werner Diel möchte auch abschließen. Mit dem Tag, an dem er beim Werner Stadtlauf 2016 einen Herzinfarkt erlitten hat. Seit Jahren ist er auf der Suche nach den Ersthelfern, die ihm an diesem Sommertag das Leben gerettet haben. Und nun ist er fündig geworden.

Nachdem er ausführlich über seine Erlebnisse öffentlich berichtet hat, nach der Berichterstattung in den Ruhr Nachrichten, konnte der Kontakt mit seinen Lebensrettern hergestellt werden. Mit zwei von ihnen hat sich der 72-Jährige nun getroffen. Ein emotionaler Moment für alle Beteiligten.

Hans-Werner Diel kann endlich „Danke“ sagen

Lange hat Hans-Werner Diel, Spitz- und Läufername Hansen Diel, auf diese Chance gewartet. Endlich kann er „Danke“ sagen.

Danke, dass Sie da waren, als ich um mein Leben kämpfte.

Danke, dass Sie mich wiedergeholt haben.

Danke, dass Sie meine Schutzengel waren.

Nachdem er beim Werner Stadtlauf 2016 bei Kilometer fünf plötzlich zusammenbrach und einen Herzinfarkt erlitt, hatte sich der Waltroper immer wieder auf die Suche nach seinen Lebensrettern gemacht. Und der heute 72-Jährige wollte nicht nur erfahren, wer ihn gerettet hat, sondern auch, wie es passierte.

Ersthelfer reagieren blitzschnell und vorbildlich

Diese Fragen beantworteten ihm nun Hildegard Wetter (57) und Dirk Haße (47) aus Werne. Die beiden reagierten blitzschnell und vorbildlich. Hildegard Wetter war die Erste, die Hans-Werner Diel nach seinem Zusammenbruch erreicht hatte. Sie selbst hatte gerade den Lauf als Zuschauerin verfolgt. Sie feuerte den Schwiegersohn an, der wie Diel über die zehn Kilometer startete.

„Plötzlich kam ein kleines Mädchen auf uns zu. Es sagte, dass da jemand in den Sträuchern liegt“, erzählt Wetter. Sofort lief sie los und fand Hans-Werner Diel an der Wienbrede in einem Gebüsch liegen. „Haben Sie das selbst so gesteuert, dass Sie im Gebüsch landen?“, möchte sie von Hansen Diel wissen. „Ja, ich habe instinktiv die Sträucher angepeilt“, sagt er.

„Das kam mir vor wie eine Ewigkeit, obwohl es ganz schnell ging.“
Hildegard Wetter, Ersthelferin

Die Tochter von Hildegard Wetter eilte währenddessen zu den Einsatzkräften der Feuerwehr, die sich an der Stockumer Straße befanden. Bis Verstärkung kam, machte Hildegard Wetter, die im Stationsservice im Krankenhaus in Kamen arbeitet, eine Herz-Druck-Massage gemeinsam mit einem weiteren Ersthelfer.

Sie kontrollierte Puls und Atem, während der andere Ersthelfer „durchgepumpt“ hat, wie Wetter beschreibt. „Das kam mir vor wie eine Ewigkeit, obwohl es ganz schnell ging“, erinnert sich Wetter an die Ausnahmesituation.

Auf diesen Moment hat Hans-Werner Diel lange gewartet: Endlich trifft er seine Lebensretter. „Und die sind auch noch so nett“, sagt der 72-Jährige. Auch die Ersthelfer Hildegard Wetter und Dirk Haße sind dankbar, Hans-Werner Diel (M.) persönlich kennen zu lernen.

Auf diesen Moment hat Hans-Werner Diel lange gewartet: Endlich trifft er seine Lebensretter. „Und die sind auch noch so nett“, sagt der 72-Jährige. Auch die Ersthelfer Hildegard Wetter und Dirk Haße sind dankbar, Hans-Werner Diel (M.) persönlich kennen zu lernen. © Andrea Wellerdiek

Dirk Haße, seit 2002 bei der Freiwilligen Feuerwehr Werne, ist mit einem weiteren Kollegen vor Ort. „Wir waren eine Minute vor dem Arzt mit dem mobilen Defibrillator da. Von unterwegs hatten wir schon über Funk den Notarzt und Rettungsdienst informiert“, erzählt der 47-Jährige.

Berichte von Nahtod-Erfahrung

Gemeinsam klemmten sie die Elektroden des Defibrillators an die Brust von Hans-Werner Diel. „Sie kamen sehr schnell wieder zu sich. Und dann wollten Sie wieder aufstehen und sofort weitermachen“, erzählt Dirk Haße. Davon weiß Hansen Diel nichts mehr.

Der einstige Ultraläufer berichtete aber von einer Nahtod-Erfahrung, die er in diesem Augenblick erlebte. Er habe sich dort selbst liegen sehen. „Ich fühlte mich wie außerhalb meines Körpers. Ich konnte es gar nicht verstehen. Eigentlich läufst du doch, habe ich mir gedacht.“

Und dieses Kämpferherz, das für einen Moment aufgehört hatte, zu schlagen, spürten auch die Ersthelfer. „Sie haben richtig durchgezogen. Sie haben richtig geatmet und waren voll in der Spur. Ich habe es gespürt. Sie waren richtig im Lauf. Es war nur ein ganz kurzer Moment, als sie weg waren“, erzählt Hildegard Wetter. Kurz darauf lag Hans-Werner Diel schon im Krankenwagen, kam langsam zu sich.

„Es ist ganz, ganz selten, dass man mal eine Rückmeldung bekommt von den Leuten, die man gerettet hat.“
Dirk Haße, Ersthelfer

Hildegard Wetter gibt den Sanitätern noch schnell das Handy von Diel mit, das sie im Gebüsch gefunden hatte. „Ja, da lief meine Lauf-App immer noch weiter“, erzählt Diel. Im Krankenhaus in Lünen wurde er schließlich operiert. Die Ärzte setzten ihm vier Stents am Herzen.

Drei Wochen nach dem Werner Stadtlauf erfuhr auch Ersthelfer Dirk Haße, dass Hans-Werner Diel alles gut überstanden hatte. „Man erfährt nie viel nach solchen Einsätzen. Es ist ganz, ganz selten, dass man mal eine Rückmeldung bekommt von den Leuten, die man gerettet hat“, erzählt Haße.

Beim Werner Stadtlauf 2016 erlitt Hans-Werner Diel plötzlich einen Herzinfarkt. Dank der schnellen Reaktion der Ersthelfer hat der heute 72-Jährige die Attacke überlebt.

Beim Werner Stadtlauf 2016 erlitt Hans-Werner Diel plötzlich einen Herzinfarkt. Dank der schnellen Reaktion der Ersthelfer hat der heute 72-Jährige die Attacke überlebt. © Andrea Wellerdiek

Umso wichtiger sei es ihm gewesen, Hans-Werner Diel kennen zu lernen. Wie für ihn war es auch für Hildegard Wetter selbstverständlich, zu helfen. Erst als beide nach der Berichterstattung erfahren, dass Hans-Werner Diel bis heute nach seinen Lebensrettern sucht, um die Geschehnisse weiter verarbeiten zu können, entscheiden sich beide für ein Treffen.

Mann mit dem Kämpferherz kämpft mit den Tränen

„Mir wurde erst jetzt bewusst, dass sich damit der Kreis für Sie schließen kann. Das ist total verständlich. Ich würde mir das auch so wünschen“, sagt Hildegard Wetter und schaut zu Hans-Werner Diel herüber. Der Mann mit dem Kämpferherz muss nun mit den Tränen kämpfen.

Auch fast vier Jahren nach dem Herzinfarkt fällt es ihm nicht leicht, über das Geschehene zu sprechen. „Das ist völlig in Ordnung. Lassen Sie das zu“, sagt Hildegard Wetter. Auch als sie einige Details der Rettung beschreiben will, unterbricht sie plötzlich wieder, als sie spürt, wie Hans-Werner Diel reagiert. „Es bewegt mich unheimlich. Es ist immer noch ein Trauma. Im Unterbewusstsein muss ich das alles noch weiter verarbeiten“, sagt Hans-Werner Diel.

Persönliche Danksagung

Emotional wird dieses erste gemeinsame Treffen auch, als Diel beiden Lebensrettern sein Buch mit persönlicher Danksagung überreicht. Sichtbar gerührt bedankt sich Hildegard Wetter: „Respekt. Das ist eine tolle Form der Verarbeitung. Ich freue mich schon sehr auf das Lesen.“

Hildegard Wetter ist sichtlich gerührt über die Danksagung und das Buch von Hans-Werner Diel.

Hildegard Wetter ist sichtlich gerührt über die Danksagung und das Buch von Hans-Werner Diel. © Andrea Wellerdiek

Als Hans-Werner Diel erzählt, wie das Buch mit dem Titel „Jimmy Blue und der Lauf um mein Leben“ entstanden ist, bricht seine Stimme erneut. Er entschuldigt sich.

„Ich finde es sehr gut, dass Sie Emotionen zeigen. Das wird in unserer Gesellschaft leider nicht immer akzeptiert. Und ich sage das, weil ich selbst ein sehr emotionaler Mensch bin. Manchmal möchte ich gegen meine Tränen ankämpfen, was aber eigentlich totaler Quatsch ist. Wir sollten viel mehr zu unseren Emotionen stehen. Und das berührt mich auch“, sagt Hildegard Wetter und schaut auf das Buch.

Ersthelfer sind dankbar für das gemeinsame Treffen

Auch die beiden Ersthelfer sind dankbar, Hans-Werner Diel persönlich kennen zu lernen. „Es ist schön, Sie so zu sehen. Zu sehen, dass Sie so fit sind“, sagt Dirk Haße. „Umso schöner ist es, Sie zu sehen“, antwortet Hans-Werner Diel und lächelt. „Wenn Sie nicht gewesen wären, dann würden wir heute hier nicht sitzen. So einfach ist das“, sagt er. Nun hat Hans-Werner Diel seine Lebensretter endlich gefunden. Und damit die letzten Teile für sein Puzzle.

Hans-Werner Diel überreicht den beiden Ersthelfern als Dankeschön sein Buch „Jimmy Blue und der Lauf um mein Leben“.

Hans-Werner Diel überreicht den beiden Ersthelfern als Dankeschön sein Buch „Jimmy Blue und der Lauf um mein Leben“. © Andrea Wellerdiek

Hans-Werner Diel hat auch zu den beiden weiteren Ersthelfern bereits Kontakt aufgenommen. Dazu gehört eine Ärztin, die sich gerade auf einer Gartenparty an der Laufstrecke aufhielt. Ihr ist Hans-Werner Diel förmlich „vor die Füße gefallen“. Sie sorgte ebenfalls für die erste Versorgung.
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