Lippebrücke: Deshalb mussten hier Passanten auf dem Weg nach Werne Zoll zahlen

rnVideo-Kolumne Heidewitzka

Einmal über die Lippebrücke von Bergkamen nach Werne - und schon ist man einen Teil seines Ersparten los. Wer hier rüber möchte, wird zur Kasse gebeten. Zumindest war das früher mal so.

Werne

, 12.10.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als ein junger Mann an einem verregneten Abend aus Bergkamen nach Werne reisen will, staunt er nicht schlecht. Da stellt sich ihm beim Überqueren der Lippebrücke doch glatt ein groß gewachsener Mann in den Weg. Von der Statur her durchaus vom Typ Türsteher - allerdings ohne Headset und Regenjacke mit leuchtend gelbem „Security“-Schriftzug.

Der junge Mann ahnt bereits Böses. Gleich wird ihm der Hüne aller Voraussicht nach mit dem Satz kommen, den man nicht hören will, wenn man sein Ziel - in diesem Falle Werne - so dicht vor Augen hat: „Du kommst hier nicht rein.“

Skeptische Blicke

Einzige Möglichkeit, um doch noch an dem wachsamen menschlichen Kleiderschrank vorbeizukommen: Der Reisende greift tief in die Tasche und lässt ein paar Münzen springen. Geldscheine sind zu dieser Zeit noch nicht so sehr im Umlauf. Wir schreiben schließlich das Jahr 1803.

Werne ist gerade erst preußisch geworden, die einstige Feindschaft zu den Grafen von der Mark, die gerne im benachbarten Hamm residierten, ruht schon längst. Und doch gibt es noch eine gewisse Skepsis den Nachbarn gegenüber. Nach wie vor ist die Lippe eine Grenze. Landschaftlich und auch in den Köpfen der Menschen.

Video
Heidewitzka Folge 19 - Die Lippebrücke

Reisen ist zu dieser Zeit nicht unbedingt einfach. Denn während man im 21. Jahrhundert mal eben schnell mit Auto und Anhänger zum Campingplatz nach Holland oder bequem mit dem Zug nach Paris düsen kann, ist man 1803 in der Regel auf das Pferd oder eben das eigene Fußwerk angewiesen.

Und als wären das nicht schon genügend Strapazen, darf man auch noch an so ziemlich jeder Ecke den Geldbeutel zücken. Zoll auf den Straßen, Zoll auf den Brücken, Zoll am Stadttor, Zoll für die Ware, Zoll für Personen. Manch ein Reisender spielt angesichts dieser Umstände gar mit dem Gedanken, die Nacht am gemütlichen Lagerfeuer unter freiem Himmel zu verbringen. Aber sonderlich sicher ist das nicht.

Fernab vom Brexit

Einerseits aus Brandschutzgründen, andererseits wegen der Gefahr, unerwünschten Besuch von finsteren Gestalten zu bekommen. Die könnten einem dann tatsächlich das letzte Geldstück aus der Tasche ziehen. Oder einen womöglich gleich abmurksen - und dadurch zwar die Geldsorgen vertreiben, aber dummerweise auch die Option weiterer Reisen zunichte machen. So gesehen, lässt man sich fast schon gerne zur Kasse bitten. Sicherheit geht nun mal vor.

Etwas mehr als 200 Jahre später hat sich an dieser Grundansicht kaum etwas geändert. Und offene Grenzen in einem vereinten Europa, ganz ohne Wegzölle beim Reisen - das klingt doch schon viel besser als früher. Da scheint die „gute alte Zeit“ tatsächlich nur einen Vorteil zu haben: Nervige Brexit-Diskussionen standen damals nicht auf der Tagesordnung.

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