„Ihr Lieben daheim“: Feldpost des Vaters schildert den Alltag im Krieg

rnZweiter Weltkrieg

Eine Tochter findet die Feldpost ihres Vaters zusammengefaltet in einem Schuhkarton. Jahre nach seinem Tod beginnt sie, die Worte abzutippen. Es sind die von Heinrich Krampe aus Herbern.

Werne, Herbern

, 24.12.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zwei Menschen, zwei Leben. Vater und Tochter. Der eine schreibt als junger Mann an der Ostfront die Feldpost für seine Eltern, die andere sitzt Jahre später an ihrem Laptop und tippt die vergilbten Briefe ab. Zeile für Zeile. Wort für Wort. Da ist ihr Vater längst tot.

„Ihr Lieben daheim“,

schreibt der junge Heinrich Krampe an Heiligabend 1942 aus Russland.

„Die Herzen sind froh und frei und über allen Dingen liegt das freudige Ereignis – Weihnachten.“

In der Weihnachtszeit 2018 ist es dieser Brief, an den sie sich sofort erinnert. Margret Sänger hat sie alle gelesen – insgesamt 165 Stück. An diesem Nachmittag im Dezember sitzt sie nun vor dem Bildschirm ihres Laptops und öffnet einen nach dem anderen. Die 64-Jährige fand die Briefe Anfang der 2000er-Jahre zusammengefaltet in einem Schuhkarton im Haus ihrer Eltern in Herbern. Heute wohnt sie in Werne, die Briefe kamen mit ihr in die Nachbarstadt.

„Ihr Lieben daheim“: Feldpost des Vaters schildert den Alltag im Krieg

Weit über hundert Briefe hat Margret Sänger von ihrem Vater gefunden. Für das Abtippen brauchte sie ein halbes Jahr. © Vanessa Trinkwald

7. September 1942

„Augenblicklich ist es hier am regnen. Das ist für uns keine erfreuliche Sache. Und das ist nicht gemütlich. Von Gemütlichkeit kann man schon überhaupt nicht reden. Mit der Verpflegung ist es auch wieder etwas lauer geworden. Kartoffeln gibt es gar nicht und die vermissen wir sehr. Wir bekommen ja ein halbes Brot, aber das genügt kaum, um satt zu werden.“

1942 wurde Heinrich Krampe mit 18 Jahren einberufen. Nach der Grundausbildung in Münster wurde er in Lippe-Detmold zum Funker ausgebildet. „Eine glückliche Fügung“, wie er schreibt – bewahrte sie ihn doch davor, an der ersten Frontlinie kämpfen zu müssen. „Er musste nicht schießen“, sagt seine Tochter heute. „Und er hat den Krieg in seinen Briefen auch nicht glorifiziert. Er hat gesehen, dass viel Leid da war. Aber er war sehr pflichtbewusst. Das waren sie alle. Und sehr gläubig.

8. Dezember 1942

„Sollte ich nach Gottes unermesslicher Gnade lebendig aus diesem Kriege herauskommen, so will ich mich, so schlecht es mir auch gehen mag, dieser Gnade würdig zu erweisen suchen. Im Kriege ist heute keiner Herr über sein Geschick. Menschenwille versagt. Man kann nur sagen: Herr, dein Wille geschehe! Ich bemühe mich, jederzeit so zu sein, dass ich, wenn mich ein Einschläger oder eine Kugel trifft, nicht mit unnützen Gedanken im Kopfe verscheide.“


„Ich habe mich nie getraut, meinen Vater auf die Briefe anzusprechen.“
Margret Sänger

Anfang 2018 fing Margret Sänger an, die Worte ihres Vaters abzutippen. „Ich hatte Angst, die Schrift nicht entziffern zu können. Aber je mehr ich dann las...“. Sie schaut durch ihre Brille auf den grellen Bildschirm vor ihr. Schwarze Wörter auf weißem Grund. Die Originale, die sie Stück für Stück in Klarsichtfolie verpackt hat, um sie zu schützen, liegen neben ihr auf dem Tisch. Schriftstücke einer längst vergangenen Zeit und eines längst vergangenen Lebens. „Mein Vater ist nicht im Krieg gestorben“, sagt Margret Sänger. Er starb am 9. März 2014 im Alter von 90 Jahren in seinem Elternhaus in Herbern.

31. August 1943

„Wieder gehen meine Gedanken zu Euch. In diesen Tagen, wo so viele Kameraden auf Urlaub fahren, denke ich öfter als sonst an Euch. Um uns herum tobt wieder die Schlacht. Heute ist Dienstag, 17 Uhr. Vor drei Stunden kamen wir mit unserer Funkstelle an. Samstagmorgen um 8 Uhr sind wir losgefahren. 81 Stunden haben wir gebraucht, um eine Strecke von ca. 200 km zu überwinden. Es gibt doch nichts Schlimmeres als diese russischen Straßen.“

Auf die Briefe angesprochen hat sie ihren Vater nie. „Ich habe mich nicht getraut“, sagt Margret Sänger. Anders als andere habe er nie vom Krieg erzählt. Nur manchmal habe er erwähnt, dass er wieder einen Albtraum hatte. „Ich wollte ihn nicht zusätzlich aufwühlen“, sagt die 64-Jährige. Margret Sänger habe ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater gehabt. In seinen Briefen erkannte sie ihn wieder: auch als den lustigen Mann, der er trotz des Krieges auch später noch war.

„Ihr Lieben daheim“: Feldpost des Vaters schildert den Alltag im Krieg

Heinrich „Heini“ Krampe wurde 1942 in die Wehrmacht berufen. © Vanessa Trinkwald (Repro)

„Ihr Lieben daheim“: Feldpost des Vaters schildert den Alltag im Krieg

Heinrich „Heini“ Krampe (3.v.r.) mit seinen Kameraden. Wann und wo das Bild entstand, weiß Margret Sänger nicht. © Vanessa Trinkwald (Repro)

18. Oktober 1942

„Die anderen Kameraden sind zum Varietee. Ich hatte aber keine Lust, denn ich wollte mir einen guten Abend machen. Wie ich aber vorher erwähnen will, habe ich am Donnerstag vier Päckchen von euch erhalten. Zwei mit Speck und das eine mit dem Nähgarn und eins mit Kuchen. (...)

In den Ruinen eines Hauses haben wir eine Bratpfanne, die die Form eines Tabletts hat, gefunden. Wir haben uns dieses Instrument gereinigt und heute zum Herstellen von Pfannkuchen benutzt. Mit Hilfe von dem Speck und einer Dose Ölsardinen ist es mir dann gelungen, 30 wunderschöne Pfannkuchen herzustellen. Und die 30 Reibeplätzchen habe ich mir dann in aller Ruhe verputzt. Dazu noch ein Liter Erbsensuppe von heute Mittag. Da kann ich jetzt mit voller Überzeugung sagen, dass ich mal richtig satt geworden bin. Ja, liebe Eltern, ich staune manchmal wirklich selbst, dass man so viel essen kann.“

Auch wenn Heinrich Krampe nicht an vorderster Front kämpfte, wurde er im Januar 1945 in Kurland von einem Splitter verletzt und nach Lübeck ins Lazarett geschickt. „Da hat man auch geweint beim Abtippen“, sagt Margret Sänger heute. Die Erlebnisse ihres Vaters gingen ihr nah. In all den Monaten, in denen sie sich mit den Briefen befasste, wurde die Geschichte ein Teil ihres Alltags. Ihr Vater Heinrich Krampe erlebte das Ende des Krieges im Militärlazarett in Hamm. Da war er 22 Jahre alt.

9. Januar 1945

„Die letzten Grüße aus Kurland sende ich Euch heute. Das Schicksal hat es nicht gewollt, dass ich heil und gesund aus dem Krieg herauskomme. Am 5. Januar wurde von uns aus um 11 Uhr ein Angriff gestartet. Der Russe erwiderte das Feuer mit allen Rohren. Eine Granate schlug neben mir im Graben ein. Wie durch ein Wunder bin ich mit dem Leben davongekommen. Mein Rock war zerrissen, ich selbst wusste gar nicht, was los war. Der starke Knall hatte mir das Gehör genommen. Es kam aber langsam wieder.

Langsam bemerkte ich auch ein Brennen im rechten Oberschenkel. Ich rief um den Sanitäter, der mir auch sofort geholfen hat. Ich wurde verbunden und zum Wagenplatz gefahren. Von da aus kam ich zum Hauptverbandsplatz. Ich wurde sofort operiert und der Splitter entfernt. (...) Am 6. sind wir dann mit dem Lazarettzug nach Stende zum Lazarett gebracht worden. Hier liege ich nun schon drei Tage. Wir werden heute oder morgen in Windau eingeschifft und nach der Heimat gebracht. Von da aus werde ich näheres schreiben.

Es grüßt Heini.

„Ihr Lieben daheim“: Feldpost des Vaters schildert den Alltag im Krieg

Heinrich Krampe besuchte nach dem Krieg die Kunstschule. Bereits seine Briefe verzierte er mit kleinen Zeichnungen wie dieser: „Auf dem Wagen liegt immer Stroh. Der Don kniet immer auf dem Wagen, wenn er fährt. Ein Gebiss kennen die Pferde nicht.“ © Sänger


Nach dem Krieg besuchte Heinrich „Heini“ Krampe die Kunstschule in Dortmund. Er verdiente sein Geld als Kunstmaler. Später machte er sich als Holzkaufmann mit seiner eigenen Firma selbstständig. Mit seiner Frau Hannelore bekam er fünf Kinder: Julia, Gerd, Benno, Rainer – und Margret.

Margret Sänger hat nach all der Mühe und dem Fleiß ein kleines Buch mit den einzelnen Briefen in Auftrag gegeben. „Ihr Lieben daheim“, ist sein Titel. 30 Bücher für Familie, Freunde und Verwandte lässt Margret Sänger drucken. Sie sind eine Erinnerung an den Vater und an sein Schicksal.

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