„Im Evenkamp sprach jeder mit jedem“

Ein Friseurmeister erinnert sich

Dass die Weihbachschule weg ist, tut immer noch weh: Friseurmeister Martin Großer (56) kann es kaum glauben. Wenn er aus seinem Friseurladen an der Stockumer Straße schaute, hatte er den besten Blick auf die Schule. „Und da ist jetzt nichts mehr.“

WERNE

, 08.07.2016, 11:27 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Wo später die Turnhalle gebaut wurde, war unser Bolzplatz.“ Den Evenkamp kennt er wie seine Westentasche. „Als der Weihbach verrohrt wurde, liefen wir durch die Rohre.“ Der Weihbach floss zwischen dem heutigen Tecklenborg und dem Kaufpark unterhalb der Stockumer Straße zum Dahl hoch.

Der längste Rodelberg lag im Evenkamp. „Vom Kirchberg konnten wir bis zur Barbaraschule rodeln“, erzählt er und erinnert sich an die Lehmberge, wie sie die Berge im heutigen Wohngebiet Beckingsbusch nannten. „Als Kinder hatten wir hier richtig was zu spielen.“ Die Evenkämper Straßen hatten Banden, die gegeneinander antraten. „Heute ist es friedlich im Evenkamp, aber damals ging es zur Sache“, erzählt er.

Evenkamp war ein verruchter Ort

Als er seine erste Frau kennenlernte, war sie von seinem Viertel nicht erfreut. „Da wohnst du?“ Der Evenkamp war verrucht, viele Kumpels wohnten hier, viele unterschiedliche Nationalitäten trafen aufeinander. Aber auch die Evenkämper Kinder hatten ihre Regeln: Sein Vater habe immer gesagt, nicht weiter als die Lippe und nicht weiter als das „Negerdorf“. 

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Ein Friseurmeister erinnert sich an den Evenkamp von früher

Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule an der Stockumer Straße ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Friseurmeister Martin Großer erinnert an den Weihbach, der früher zwischen Tecklenborg und Kaufpark durch den Evenkamp floss.
03.06.2016
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Als seine Eltern das Friseurgeschäft Großer an der Stockumer Straße eröffneten, zogen sie zuerst in die rechte Ladenhälfte.© Foto: GROßER
Rita und Winfried Großer mit ihren Mitarbeiterinnen.© Foto: GROßER
Als seine Eltern das Friseurgeschäft Großer an der Stockumer Straße eröffneten, zogen sie zuerst in die rechte Ladenhälfte.© Foto: GROßER
Angelika und Martin Großer mit Mitarbeiterin Andrea Pielka (r.) stellten das Bild von einst nach: Damals waren es noch die Eltern Winfried und Rita mit den Mitarbeiterinnen.© Foto: GROßER
Als seine Eltern das Friseurgeschäft Großer an der Stockumer Straße eröffneten, zogen sie zuerst in die rechte Ladenhälfte.© Foto: GROßER
Eindrücke aus dem früheren Friseursalon.© Foto: GROßER
Als Kind spielte Martin Großer gerne mit seiner Schwester Birgit auf der Treppe. Im Hintergrund Vater Winfried.© Foto: GROßER
Mutter Rita Großer beim Frisieren.© Foto: GROßER
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Das Negerdorf war die Bergarbeitersiedlung, die auf dem Gelände der heutigen Firma Uniferm stand. Die Siedlung, sie war von der Stockumer Straße aus zu erreichen, wurde Anfang der 70er-Jahre abgerissen. „Und wenn es dunkel wird, bleibst du in Pfiff-Nähe“, sagte sein Vater, wenn er das Haus verließ.

Die Eltern und Großeltern saßen auf Bänken vor dem Haus. Er schaut auf die Weihbach-Siedlung gegenüber. „Dort, wo jetzt die Mülltonnen stehen, war eine Bank.“ Wenn etwas passiert war, wusste das sofort das ganze Dorf. „Bevor es durch die Nachrichten ging, hatten wir es schon erfahren. Damals sprach jeder mit jedem.“

"Unser Dorf hat sich verändert"

Heute ist es ruhiger, da ist keiner mehr auf der Straße. „Auch die Kinder spielen nicht mehr draußen wie einst“, bedauert er. „Unser Dorf hat sich verändert“, sagt er und erinnert sich an die vielen Lebensmittelgeschäfte. „Wir hatten einmal sieben Lebensmittelgeschäfte in unserem Viertel.“ Gerne erinnert er sich an die vielen Kneipen. „Ein Kneipenzug durch die Gemeinde, wie man so schön sagt, und man war gut abgefüllt“, sagt er und schmunzelt.

Erinnerungen gesucht

Es gibt kaum einen Stadtteil in Werne, in dem die Menschen mit so viel Herzblut über alte Zeiten sprechen. Die Bewohner des Evenkamps waren stolz auf ihren Bezirk, der etwas Verruchtes hatte, wie es im Werner Volksmund immer wieder heißt. Die „Städter“ wollten mit der Kolonie nichts zu tun haben. Aber inzwischen ist es längst Geschichte und in die alten Zechenhäuser sind „Auswärtige“ gezogen. Wir möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen und uns alte Fotos zur Verfügung stellen: Wer erinnert sich beispielsweise noch an „Tante Erna“, die legendäre Eisdiele neben der Barbaraschule? 

Schreiben Sie eine E-Mail an Helga.Felgentraeger@mdhl.de oder rufen Sie uns an unter Telefon (02389) 982910.

Die Evenkamp-Serie
Die Kolonie im Evenkamp: Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Zechensiedlung baute, nahm die Bevölkerung in der alten Bauerschaft explosionsartig zu. Aufgrund der Einwanderungswelle der Bergarbeiter entwickelte sich eine Infrastruktur – um die die jetzigen Evenkämper die früheren Bewohner heute noch beneiden.

Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule an der Stockumer Straße ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die Geschichte des heutigen südlichen Stadtteils von Werne zurück und stellen in loser Reihenfolge Zeitzeugen der Bergarbeitersiedlung vor. 

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