Im Salon Bönninghoff war man Kunde sowie Gast

Evenkamp-Serie

Viele Jahre lang war der Evenkamp verrufen. Die alte Bergarbeitersiedlung entwickelte daher eine eigenständige Infrastruktur - sodass die Bewohner alles vor Ort hatten. In unserer Serie erinnern wir an prägnante Orte der Siedlung - dieses Mal an den Friseursalon Bönninghoff, der so viel mehr war als bloß ein Ort zum Haare machen.

EVENKAMP

, 17.08.2016, 05:41 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im Salon Bönninghoff war man Kunde sowie Gast

Ihre Silberhochzeit (1973) feierten Bönninghoffs mit den Kundinnen im Damen-Salon. Im hellblauen Kleid Grete Seyfarth von der Barbaraschule. Im dunkelblauen Kleid Erna Klug mit ihrer Tochter Helga.

Sogar am Sonntagmorgen hatte der Friseursalon Bönninghoff an der Lippestraße 159 für die Frauen geöffnet. „Sie ließen sich für den Kirchgang kämmen“, erzählen die beiden Schwestern Silvia Meyer (59) und Petra Hadamek (66) von dem elterlichen Betrieb, den einst der Großvater Bernhard Fromme gegründet hatte.

Zu jener Zeit wünschten die Herren, mit viel Schaum rasiert zu werden. Die beiden Schwestern erinnern sich an die dunkle Brühe, die das Gesicht herunterlief. „Die Bergleute konnten sich noch so gut waschen, die Poren blieben schwarz“, sagt Petra Hadamek und lacht. „Es war eine schöne Zeit, damals.“ In einer Kiste haben sie die alten Fotos aus dem Friseursalon aufbewahrt.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Evenkamp-Serie: Erinnerungen an den Salon Bönninghoff

Sogar am Sonntagmorgen hatte der Friseursalon Bönninghoff an der Lippestraße 159 für die Frauen geöffnet. „Sie ließen sich für den Kirchgang kämmen“, erzählen die beiden Schwestern Silvia Meyer (59) und Petra Hadamek (66) von dem elterlichen Betrieb, den einst der Großvater Bernhard Fromme gegründet hatte. Viele Evenkämper teilen Erinnerungen an den Salon Bönninghoff. Wir zeigen einige Bilder aus dem privaten Archiv der Familie.
16.08.2016
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Unternehmensgründer Bernhard Fromme (3.v.l.) war auch beim Schützenverein Frohsinn 07 aktiv.© Foto: Familie Bönninghoff
Bis in die 1950er Jahre führte Großvater Bernhard Fromme den Friseursalon an der Lippestraße.© Foto: Familie Bönninghoff
Im Gegensatz zu heute wurden damals die Frisier-Arbeitsplätze mit Vorhängen verhüllt.© Foto: Familie Bönninghoff
Heiligabend wurde nicht nur im Familienkreis gefeiert: Nach Geschäftsschluss auch mit dem Personal. V.l.: Bernhard (l.) und Änne Fromme, mit Tochter Ellen und Schwiegersohn Willi Bönninghoff sowie Enkeltochter Petra und den Mitarbeiterinnen Resi Blasko (vorne Mitte), Anni Schneider (vorne 2.v.r.) und Rita Siepermann (r.) sowie Gudrun Mertins.© Foto: Familie Bönninghoff
Das Team mit Rita Siepermann (v.l.), Bernhard Jaspert, Ellen Bönninghoff, Ingeborg Heckmann, Dörthe Deifuß und Willi Bönninghoff.© Foto: Familie Bönninghoff
Ihre Silberhochzeit (1973) feierten Bönninghoffs mit den Kundinnen im Damen-Salon.© Foto: Familie Bönninghoff
Die Familienfotos machte der Evenkämper Fotograf Herbert Franz: Ellen und Willi Bönninghoff mit den Töchtern Silvia (auf dem Schoß) und Petra.© Foto: Familie Bönninghoff
Gemeinsam bei der Arbeit: Tochter Silvia Meier und ihre Mutter Ellen Bönninghoff (r.).© Foto: Familie Bönninghoff
Ihre Silberhochzeit (1973) feierten Bönninghoffs mit den Kundinnen im Damen-Salon. Im hellblauen Kleid Grete Seyfarth von der Barbaraschule. Im dunkelblauen Kleid Erna Klug mit ihrer Tochter Helga.© Foto: Familie Bönninghoff
Die kleine Petra vor dem Friseurladen.© Foto: Familie Bönninghoff
Wenn Frohsinn 07 Schützenfest feierte, wurde das Haus geschmückt.© Foto: Familie Bönninghoff
An Festtagen schmückte Willi Bönninghoff das Schaufenster in den Vereinsfarben des VfL. Den Wimpel mit der angedeuteten Lippe hat er selbst entworfen.© Foto: Familie Bönninghoff
So kannten die Evenkämper das Friseurgeschäft an der Lippestraße 159. Vor dem Haus hängt noch die Juno-Zigarettenwerbung. Der Damen-Salon (links) wurde später angebaut.© Foto: Familie Bönninghoff
Petra Hadamek (l.) und Silvia Meyer schauen sich gerne alte Familienfotos aus dem Friseursalon ihrer Eltern Ellen und Willi Bönninghoff an.© Foto: Helga Felgenträger
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Nach Torten kamen Schnäpschen und Schnittchen

„Wir hatten eine bewegte Kindheit“, sagt Silvia Meyer und kommt ins Schwärmen. Die Eltern liebten die Geselligkeit: Ihre Silberhochzeit feierte Ellen Bönninghoff 1973 mit ihren Kundinnen zwischen Föhn-Haube und Frisiertisch. Der Salon wurde ausgeräumt und anschließend für die Kaffeetafel dekoriert.

Die klassischen Torten zu jener Zeit kamen auf den Tisch: Buttercremetorte, Obstboden, Rehrücken mit aufgespießten Mandelstiften und für die Verdauung anschließend ein Schnäpschen und danach die Schnittchen. „Meine Mutter konnte sehr gut backen“, berichten die Töchter. Und sehr gut stricken. „Ich hatte eine Strickjacke mit einer Gänseliesel im Saum“, erzählt Petra Hadamek.

Weihnachtsfest zuerst mit den Angestellten

Heiligabend feierten die Eltern zuerst mit der Belegschaft und dann im Familienkreis. „Unsere Mitarbeiter wollten oft gar nicht nach Hause, so gemütlich war es bei uns.“ Vor den Feiertagen war der Laden so voll, dass die Leute in der Wohnküche sitzen mussten.

Geschenkideen lieferten Bönninghoffs zu allen Gelegenheiten. „Mein Vater verkaufte Geschenkpackungen mit Kölnisch Wasser oder After Shave.“ Ganz früher hatten sie sogar eine Lotto-Annahmestelle und verkauften auch Zigaretten. Auf einem Foto ist das Werbeschild mit der Juno-Zigarette, das am Haus hing, noch zu sehen.

Geschickt mit der Schere und gewandt mit der Stimme

Die Familie Bönninghoff war im Evenkamp bekannt. Willi Bönninghoff spielte in der Theaterschar der Kirchengemeinde mit, war Mitbegründer der KAB (Katholische Arbeitnehmerbewegung) St. Konrad, machte bis ein Jahr vor seinem Tod (2006) jedes Jahr das Goldene Sportabzeichen. „Sie reisten gerne“, erzählen die beiden Schwestern. Und das Schönste für die Eltern waren die Tanzabende.

Wer Willi Bönninghoff kannte, wusste, er hatte immer Musik im Ohr. „Meine Mutter konnte es schon manchmal nicht mehr hören.“ Die beiden Schwestern sehen heute noch das Kofferradio vor sich, das ihr Vater immer mit sich führte. Bis 1996 führten die Eltern, die sich auf der Meisterschule kennengelernt hatten, Ellen Fromme war eine der jüngsten Friseurmeisterinnen in ganz NRW, den Salon an der Lippestraße 159. Sie waren inzwischen beide 73 Jahre alt. „Aber sie hatten ihre Stammkunden“, erzählt Silvia Meyer, die in die Fußstapfen ihrer Eltern getreten ist und Frisörin wurde. „Keine konnte so gute Hochsteck-Frisuren machen wie meine Mutter.“ Die klassische Frisur fürs Schützenfest.

Die Chronik des Unternehmens
Bernhard Fromme hat das Familienunternehmen mit Ehefrau Änne gegründet.
Das Wohnhaus mit Laden baute er 1940 an der Lippestraße 159. Der Damen-Salon wurde später seitlich angebaut.
Tochter Ellen machte bei ihrem Vater die Lehre.
Als 1959 Bernhard Fromme starb, übernahm Ellen (gestorben 2010) mit ihrem Mann Willi Bönninghoff das Familienunternehmen.
Das Ehepaar, beide Friseurmeister, führte bis 1996 das Friseurgeschäft. 2002 wurde das Haus verkauft und sie zogen zum Freien Stuhl.

Erinnerungen gesucht

Es gibt kaum einen Stadtteil in Werne, in dem die Menschen mit so viel Herzblut über alte Zeiten sprechen. Die Evenkämper waren stolz auf ihren Bezirk. Wir möchten die alten Zeiten wieder aufleben lassen und freuen uns, wenn Sie uns Ihre Geschichte erzählen und uns alte Fotos zur Verfügung stellen: Wer erinnert sich noch an „Lippe in Flammen“?

Schreiben Sie eine E-Mail an Helga.Felgentraeger@mdhl.de oder rufen Sie uns an unter Tel. (02389) 98 29 10.

Die Evenkamp-Serie
Die Kolonie im Evenkamp: Als der Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (Osnabrück) 1911 die Zechensiedlung baute, nahm die Bevölkerung in der alten Bauerschaft explosionsartig zu. Aufgrund der Einwanderungswelle der Bergarbeiter entwickelte sich eine Infrastruktur – um die die jetzigen Evenkämper die früheren Bewohner heute noch beneiden.

Mit dem jüngsten Abriss der 100 Jahre alten Weihbachschule an der Stockumer Straße ist wieder ein Stück Evenkamp verloren gegangen. Aus diesem Anlass blicken wir auf die Geschichte der einstigen Kolonie zurück und stellen in loser Reihenfolge Zeitzeugen der Bergarbeitersiedlung vor. 

 

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