Kampf um die eigene Tochter: Die Mutter erhebt neue, schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt der Stadt Werne. © Andrea Wellerdiek
Kindeswohlgefährdung in Werne

„Jugendamt lässt Tochter weiter in Gefahr“: Amt nimmt plötzlich Mutter ins Visier

Im Fall der Kindeswohlgefährdung in Werne legt die Mutter eine neue Beschwerde gegen das Jugendamt ein. Der Vorwurf: Das Jugendamt lässt das Kind weiter in Gefahr - die plötzlich von der Mutter ausgehen soll.

Es hört nicht auf. Der Kampf um die eigene Tochter geht weiter. Nachdem die Tochter mit einem Polizeieinsatz aus dem Haushalt des Vaters in Werne Anfang Januar geholt und in Obhut genommen wurde, sorgt das nur für kurze Erleichterung bei der Mutter. Lisa (Name von der Redaktion geändert) ist weiterhin in großer Sorge um ihre heute 14-jährige Tochter. Lange hat das Jugendamt in Werne nicht reagiert, obwohl Ärzte, Lehrer und Nachbarn das Wohl des Mädchens beim Vater als gefährdet meldeten.

Nun, fast ein Jahr später, soll eine neue Gerichtsverhandlung klären, wo das Mädchen künftig leben soll. Nachdem sie in Obhut genommen wurde, ist die 14-jährige Julia (Name von der Redaktion geändert) in einer therapeutischen Einrichtung untergebracht. Die Mutter weiß, wo sich ihre Tochter aufhält. Das sorgt beim Jugendamt in Werne offenbar für Unbehagen. Denn die Verantwortlichen sehen nun das Wohl des Kindes gefährdet – durch die Mutter. Dennoch reagiert das Jugendamt nicht. Mal wieder nicht, wie die Mutter kritisiert.

Mutter wird plötzlich als kindeswohlgefährdend eingestuft

Vor dem Amtsgericht Lünen macht Lisa deutlich, dass sie weiß, in welcher Einrichtung sich ihre Tochter befindet. Theoretisch, so die Mutter weiter, könnte sie die Jugendliche dort aufsuchen. Doch das hat sie nicht vor. Sie möchte das Mädchen, das in der Vergangenheit schon viel durchmachen musste, nicht unter Druck setzen. Das hat sie vor Gericht, bei Mitarbeitern des Jugendamtes und gegenüber dieser Redaktion immer wieder betont.

Dass die Mutter das Kind aufsuchen wird, ist genau die Erklärung des Jugendamtes dafür, wieso der Mutter Informationen über den Aufenthaltsort vorenthalten werden müssen. Sie würde ihre Tochter „unmissverständlich in der Wohngruppe aufsuchen und unter Druck setzen“, lautete die Begründung im Mai 2021, die der Redaktion vorliegt. Und genau an diesen Aussagen, die sie im Zuge eines Verwaltungsstreitverfahrens getätigt hatten, halten die Verantwortlichen bis heute fest. Die Mutter werde somit als kindeswohlgefährdend für das Mädchen dargestellt, moniert sie.

„Doch wenn das Jugendamt mich wirklich als so gefährlich für meine Tochter ansieht, müsste man meine Tochter auch in eine andere, mir unbekannte Einrichtung unterbringen“, erklärt die Mutter schlussfolgernd. Stattdessen lässt das Jugendamt das Mädchen in der von der Mutter bekannten Einrichtung.

Deshalb stellt sie erneut eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen eine aktuell involvierte Mitarbeiterin des Jugendamtes. Sie kritisiert, dass diese ihrem Schutzauftrag gegenüber dem Mädchen wiederholt nicht nachkommt. „Das Jugendamt konterkariert mit seinen Aussagen das aktuelle Verhalten, da meine Tochter demnach weiterhin in ihrer aktuellen Gefährdungslage belassen wird und nicht in eine andere, mir dann unbekannte, Einrichtung verlegt wird“, begründet die Mutter ihre nun formulierte Dienstaufsichtsbeschwerde, die der Redaktion wie auch der Stadtverwaltung vorliegt.

Kind wird Anfang 2021 in Werne in Obhut genommen

Sie möchte deshalb von den Verantwortlichen im Jugendamt wissen, wieso man ihr unterstellt, sie könne das Wohl ihrer Tochter gefährden. Sie fragt in ihrer Beschwerde konkret, ob dies auf dem Gutachten aus Dezember 2018 basiert, auf dessen Grundlage das Oberlandesgericht Hamm im April 2020 dem Vater das alleinige Sorgerecht für die Tochter zugesprochen hatte. „Ich möchte darauf hinweisen, dass dieses Gutachten prognostizierte, dass im Haushalt des Kindesvaters keinerlei Kindeswohlgefährdungen zu erwarten seien“, teilt die Mutter weiter mit.

Das Gegenteil bewahrheitete sich erst, als gut acht Monate später, im Januar 2021, das Kind im Haushalt des Vaters in Obhut genommen wurde. Nachdem die Mutter, Ärzte, Nachbarn und Lehrer mehrfach das Kindeswohl des Mädchens gefährdet sahen und entsprechende Meldungen an das Jugendamt in Werne abgesetzt hatten.

Eben jenes Jugendamt trägt weiter die Vorsorge für das 14-jährige Mädchen. Der Antrag der Mutter stattdessen eine neue, unabhängige Ergänzungspflegschaft einzurichten, wurde in der jüngsten Verhandlung vor dem Amtsgericht Lünen abgewiesen. Das möchte sie nicht hinnehmen. Deshalb legte sie Beschwerde gegen das Urteil ein.

„Ich habe das alleinige Sorgerecht auf mich beantragt. Warum sollte ich Eingeständnisse machen?“, erklärt sie im Gespräch mit dieser Redaktion. Lisa möchte nicht, dass das Jugendamt Werne weiter als Vormund ihrer Tochter agiert. Das Gericht hingegen möchte die Ergänzungspflegschaft des Jugendamtes Werne beibehalten, weil sie ein Vertrauensverhältnis zu dem Kind aufgebaut hat. Zudem lehnt das Mädchen weiter jeglichen Kontakt zur Mutter ab.

Gutachter sieht keine Bedenken, Jugendamt Werne schon

Das ist auch die Begründung aus Sicht des Gerichtes, wieso die Mutter keine Auskunft über den Zustand der Tochter erhalten soll. Der Antrag auf Akteneinsicht wurde abgewiesen. Eine Bewilligung würde dem Kindeswohl widersprechen. Zwar sei der Kindeswille nicht mit dem Kindeswohl gleichzusetzen, allerdings sei hier von einer Kindeswohlgefährdung auszugehen, heißt es in der Begründung, die der Redaktion vorliegt. Auch das Jugendamt und die Ergänzungspflegschaft hatten sich aus diesem Grund gegen eine Informationsweitergabe ausgesprochen.

Der in diesem Verfahren zuständige, neue Gutachter hingegen sieht keine Bedenken darin, wenn das Jugendamt „regelmäßig beiden Eltern gegenüber berichtet“. Dem pflichtete auch die Verfahrensbeiständin bei. Das geht aus einem Schreiben hervor, das der Redaktion vorliegt. Das Jugendamt äußert sich auf Anfrage dieser Redaktion aus Datenschutzgründen weiter nicht zu dem Fall.

Die Mutter möchte auf ihren Fall aufmerksam machen und hat deshalb bewusst den Weg in die Öffentlichkeit gewählt. Das wird ihr nun vorgeworfen. Das Amtsgericht Lünen und das Jugendamt Werne sehen sie als kindeswohlgefährdend an, weil sie Informationen an die Presse weitergibt. Innerhalb kürzester Zeit gibt es damit zwei unterschiedliche Begründungen, wieso Lisa das Wohl ihrer Tochter aus Sicht des Gerichtes gefährdet.

„Warum handele ich in den Augen des Gerichts denn nun kindeswohlgefährdet?“, fragt sie sich. „Es kommen immer neue Begründungen auf. Es sind 1000 Ausreden, die gesucht werden, um nicht ein eigenes Fehlverhalten eingestehen zu müssen.“ Deshalb stellte sie Anfang November auch an das Jugendamt in Werne die konkrete Frage: „Welche Kindeswohlgefährdung werfen Sie mir aktuell vor?“

Lisa möchte weiterhin für Aufmerksamkeit und Aufklärung in dem Fall sorgen. Deshalb beantragt sie eine öffentliche Verhandlung vor dem Oberlandesgericht Hamm, „um endlich einen fairen Prozess zu bekommen“. Der Eindruck, dass die Behörden bewusst versuchen, sie aus dem Leben ihrer Tochter zu verbannen, bestätigt sich für die Mutter erneut. Die neuen Vorwürfe gegenüber dem Jugendamt kann sie anhand von Fakten widerlegen, betont sie abermals.

Über die Autorin
Redaktion Werne
Studium der Sportwissenschaft. Nach dem Volontariat bei Lensing Media zunächst verantwortlich für die digitale Sonntagszeitung, nun in der Lokalredaktion Werne der Ruhr Nachrichten.
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Andrea Wellerdiek

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