Klare Kante: Sexismus passiert woanders - was für ein absoluter Schwachsinn!

rnKommentar

Was war nochmal dieses Sexismus? Und warum reden immer noch alle davon? Weil es ein strukturelles Problem ist, vor dem viele ihre Augen verschließen, findet unsere Autorin.

Werne

, 24.09.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das große Schweigen im Walde: Ich muss sagen, als ich den Correctiv-Artikel über Sexismus in der NRW-Lokalpolitik gelesen habe, war ich nicht überrascht, dass Frauen dort berichten, wie häufig sie Sexismus in ihrem Alltag erleben und dass Männer übergriffig werden. Allerdings war ich enttäuscht, als ich bemerkte, dass an unserer Umfrage zum Sexismus in der Lokalpolitik in Werne lediglich zwei Frauen aus der hiesigen Politik teilgenommen hatten. Gewundert hat es mich allerdings nicht.

In unserer Gesellschaft läuft noch immer vieles falsch. Und vor allem viele Männer - aber auch Frauen - scheinen das gar nicht (mehr) wahrzunehmen. Oder bewusst auszublenden. Julia Klewin, die für den Essener Stadtrat kandidiert hat, berichtete gegenüber dem Recherchenetzwerk Correctiv, wie sie von einem Kollegen mit anzüglichen Nachrichten belästigt wurde und das erst aufhörte, als sie ihn damit direkt konfrontierte. Erzählt hat sie es nicht, aus Angst, dass man ihr nicht glauben würde. „Sowas wird totgeschwiegen“, sagte sie.

Liebe Leute: Es ist 2020. Macht bitte die Augen auf!

Als eine Bekannte mir vor wenigen Wochen bei einem Restaurantbesuch erzählte, dass ihr Mann nicht glaube, dass es Sexismus gegen Frauen überhaupt gebe, wäre mir fast die Gabel aus dem Mund gefallen. Nicht nur, weil es sich wegen der eigenen unzähligen Erfahrungen anfühlte wie ein Schlag ins Gesicht, sondern weil dieses strukturelle Problem überhaupt nicht als solches wahrgenommen wird. Und es bitterlich erkennen lässt, wie viel Arbeit in Richtung Geschlechtergleichstellung immer noch nötig ist.

Nicht nur, weil viele Mitbürgerinnen und Mitbürger in diesen Breitengraden der Welt offenbar nicht mal Antennen für diese Art von Ungerechtigkeiten besitzen. Sondern auch, weil wir Frauen all diese Geschichten von Generation zu Generation weitervererbt bekommen und uns unterbewusst selber erzählen: Mathematik und Physik? Nichts für Mädchen, das liegt eher den Jungs... Jungs, die ärgern und übergriffig werden - ein Zeichen von Zuneigung... Es ist 2020, liebe Damen und Herren, und dieser grobe Quatsch muss jetzt endlich mal aufhören!

Haben Sie schon mal von „Rape Anxiety“ gehört? Die dumpfe, in bestimmten Situationen omnipräsente Angst, vergewaltigt zu werden? Sie ist der Grund, warum sich viele Frauen gegen Abenddämmerung nicht mehr auf die Straße trauen, um noch eine Runde joggen zu gehen. Ein kollektives Phänomen - alles Einbildung also?

Den hupenden Lkw-Fahrer hab ich mir wohl eingebildet

Durchsetzungsstarke Frauen gehen schnell als zickig, hysterisch oder anstrengend durch. Männer hingegen wird dieselbe Charaktereigenschaft als positiv ausgelegt. Sexismus passiert ganz woanders, aber bestimmt nicht bei uns - auch wenn der Lkw-Fahrer einen beim Vorbeifahren in voller Fahrt auf der Kamener Straße in Werne anhupt, sodass einem fast die Ohren abfallen. Nein, ganz sicher nicht!

Und bevor Sie jetzt denken: Ach, wieder so eine Emanze, die sich für Frauenrechte stark macht: Bitte aufwachen und Augen aufmachen, es ist 2020! Und bitte mal hinterfragen, was Sie daran eigentlich so arg stört? Weil es einfacher ist, die altbekannte Schublade im Kopf aufzumachen, das Thema reinzustecken und schnell wieder zuzumachen, als mal endlich das Grundproblem zu sehen?

Weil man weiß, dass man dafür im Freundeskreis den ein oder anderen Schulterklopfer abkassiert und kollektives Augenrollen das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt? Gäbe es eine tatsächliche Gleichberechtigung in diesem Land, dann hätten wir „Frauen“rechte und -rechtler gar nicht mehr nötig. Genauso wenig wie die Frauenquote. Aber das ist offenbar immer noch Zukunftsmusik.

Lesen Sie jetzt